Ohne Schriftsteller gäbe es keine Literatur, ohne Leser keine Literaturgeschichte. Denn das Werk, damit es wirken kann, will gelesen werden. Jeder Leser verwirklicht es von Neuem. In Wahrheit ist also er es, dem die Literatur ihr Leben verdankt, ohne ihn wäre sie ein Haufen sinnloser Seiten. Der Leser jedoch bleibt anonym, er verrichtet seine Arbeit ohne Auftrag und ohne Dank.

Seitdem aber Alberto Manguel seine Geschichte des Lesens (1996) veröffentlicht hat, sind wir Leser nicht mehr allein. Wir sind Abermilliarden, wenn man die Toten hinzurechnet, denn alle Leser, die jemals gelebt haben, wirken mit an der Geschichte der Bücher. In Alberto Manguel haben wir nicht nur einen Fürsprecher gefunden, sondern den König der Leser, der uns sagt: Mein Reich ist von dieser Welt. Denn die Welt ist die Welt der Bücher, sie ist unendlich und unvergänglich. Er sagt uns auch: Fürchtet euch nicht vor dem Internet. Das ist ein nützliches Medium, mehr nicht.

Während für nicht wenige Schreiber gilt, dass sie nebenbei auch lesen, ist Manguel ein Leser, der nebenbei auch schreibt. Seine Bücher, vor allem Die Bibliothek bei Nacht (2007), das Tagebuch eines Lesers (2004) und eben die Geschichte des Lesens, die in 36 Sprachen übersetzt wurde, sind Bestseller geworden, was in diesem Fall heißt: Sie haben gefehlt. Sie erzählen die Menschheitsgeschichte als Geschichte des Lesens und des Schreibens, als Geschichte der Bücher und der Bibliotheken, und plötzlich begreift man, dass alles, was Menschen je gefühlt, gedacht, erlitten haben, darin enthalten ist. Kaum jemand könnte das so spannend schildern wie Alberto Manguel. Mit seiner ungeheuren Belesenheit trumpft er nicht auf, sondern knüpft elegant und fast beiläufig einen Teppich, in dessen Muster wir etwas sehr Humanes erkennen: dass der Mensch nicht nur des Menschen Wolf ist, sondern auch sein Bruder.

Dass in den Büchern manchmal mehr Leben ist als im Leben, mag befremdlich erscheinen, aber man versteht es leicht, wenn man Alberto Manguel besucht. Wobei klar sein sollte, dass man nicht nur ihn besucht, sondern auch seine Bücher, etwa 30000. Am Pariser Gare Montparnasse nimmt man den TGV in Richtung Poitiers, also Südwest, steigt nach anderthalb Stunden in der Kleinstadt Chatellerault aus, nimmt einen Mietwagen, fährt auf der schnurgeraden, sich über Felder und durch Wälder menschenleer hinschwingenden D749 nordwestlich und ist nach einer knappen halben Stunde in Mondion. Poitou heißt die Gegend.

Mondion? Mon Dieu! Ein Dorf kann man es nur mit Mühe nennen. Kaum ein Dutzend Häuser gruppiert sich um einen Hügel, von dem man nach allen Seiten übers liebliche Land schaut. Wie in alten Bilderbüchern steht in der Mitte die Kirche, deren Glocke sich stündlich etwas blechern zu Wort meldet. Die Kirche stammt aus dem 13. Jahrhundert, sie ist verschlossen, eine förmliche Gemeinde und einen Pfarrer gibt es schon lange nicht mehr. Direkt an die Kirche angebaut, steht das betagte Pfarrhaus, zwei Etagen hoch. In seiner Mitte befindet sich die Einfahrt, ein klappriges Brettertor, und wenn man hindurchgeht, begleitet von der schwanzwedelnden Hündin Lucy, gelangt man in einen bezaubernden Innenhof, geschmückt mit zahllosen Rosen, überschattet von einer großen Akazie. Von links oben blickt feierlich die Fensterrosette der Kirche herab. Und rechts das aus warm leuchtendem Kalkstein gefügte Gebäude – das muss die Bibliothek sein, die wir aus Manguels Büchern schon ein bisschen kennen.

Dann aber öffnet sich der Hof in einen weitläufigen Garten, wo es mächtige Koniferen gibt, von Früchten strotzende Kirschbäume, steinerne Sitzbänke und immer wieder die schönsten Rosen. Wer will, kann an die Natursteinmauer treten und seinen Blick über die Felder schweifen lassen. Aber wir befinden uns hier in einem hortus conclusus, in dem nach außen abgeschlossenen Paradies des Lesers, und der Leser richtet seinen Blick nicht in die Weite der Landschaft, sondern in die Weite des Geistes. Es gibt hier keine Aussichtsterrasse, kein Panoramafenster mit Fernsicht. Nach innen geht der Weg.

Alberto Manguel beginnt seinen Tag morgens um fünf. Heute hat er zwei Stunden in Dantes Göttlicher Komödie gelesen, vor dem Frühstück. Das ist der ideale Moment, wenn man noch nicht in der alltäglichen Welt zu Hause ist. Manguel nennt das »eine Art Meditation«. Sei man zu wach, dann kämen zu viele vom Buch ablenkende Gedanken, das Denken richte sich auf eigene Ziele. Dafür ist Zeit am Vormittag, wenn er schreibt. Er staune immer wieder, sagt er, über Dantes Perfektion. Da gebe es keine einzige schwache Stelle. Wir sitzen im Innenhof unter einem großen Sonnenschirm, und Manguel springt auf, wie er es noch ein paar Mal tun wird, um in die Bibliothek hinüberzulaufen und das passende Buch zu holen. Er findet es immer sehr schnell. Diesmal bringt er die zweisprachige Dante-Ausgabe: links das italienische Original, rechts die französische Fassung. Er lese recht gut Italienisch und brauche die Übersetzung nur für Zweifelsfälle.

Wir hatten unser Gespräch auf Deutsch begonnen, Manguel sprach es akzentfrei, war aber nach wenigen Sätzen ins Englische geraten. Er entschuldigt sich dafür und sagt, Deutsch sei die Sprache seiner Kindheit, schwierigere Dinge darin auszudrücken falle ihm schwer. Auf Englisch erzählt er, wie er, 1948 in Buenos Aires geboren, zur deutschen Sprache kam. »Meine Mutter war besessen von der deutschen Kultur. Sie hielt sie für die bedeutendste. Sie gab eine Anzeige auf und suchte ein deutschsprachiges Kindermädchen. Es meldete sich eine tschechische Jüdin, die vor den Nazis nach Argentinien geflohen war. Sie war eine schlechte Lehrerin, weil sie überhaupt nicht darauf achtete, dass ich noch ein Kind war. Sie las Lessings Nathan mit mir und Kleists Zerbrochnen Krug . Ich verstand das kaum. Andererseits war sie insofern eine gute Lehrerin, als es keine Grenzen gab, sie hat nie etwas simplifiziert. So kam ich in die deutsche Literatur. Ich musste Gedichte von Heine auswendig lernen, einige kann ich noch heute.«