Alberto Manguel Der König der LeserSeite 3/3

Manguel lacht jetzt herzlich darüber, das alles ist längst ausgestanden, zum Glück. Aber wie eigentlich kam er nach Mondion? Er lernte den Psychoanalytiker Craig Stephenson kennen, der in Paris praktiziert, und man beschloss zusammenzuziehen. Außerdem wollte Manguel, nachdem die Kinder ihrer Wege gegangen waren, seine Bücher endlich alle an einem Ort haben. Und da es ausgeschlossen war, in Paris etwas Bezahlbares zu finden, kam er durch Zufall auf dieses alte Anwesen und sah sofort die Chance, hier die Bibliothek seiner Träume zu errichten, einen Platz für seine 30000 Bücher, der natürlich schon wieder nicht groß genug ist.

Das nun ist das Stichwort. Offenbar habe ich mich in dem Gespräch als würdig genug erwiesen, dass ich nun in das Heiligtum eingeführt werden kann. Wir beginnen in Manguels Arbeitszimmer. Genau genommen, hat er zwei: eines im Erdgeschoss der südlichen Hälfte des Pfarrhauses, wo er seine Korrespondenz handschriftlich erledigt, und ein zweites, darüber gelegenes, zu dem eine schmale Treppe hochführt. Hier steht der Computer, hier schreibt er. Die bescheidenen Räume haben nur ein kleines Fenster, sie gleichen Arbeitshöhlen und sind bis in den letzten Winkel mit Büchern angefüllt, alphabetisch sortiert nach Sprachen. Da gibt es eine ziemlich vollständige deutsche Abteilung, eine naturgemäß große spanische, eine französische, italienische sowie Regale für Lexika und wissenschaftliche Werke. So überfüllt alles unweigerlich ist, so aufgeräumt wirkt es, mit größter Sorgfalt bedacht und geordnet.

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Und jetzt gehen wir durch eine kleine Tür in die eigentliche Bibliothek, einen langgestreckten Raum, dessen Wände ringsum vom Boden bis zur Decke mit exquisit gestalteten Regalen verkleidet sind, unterbrochen nur durch zwei kleine Fenster und eine Glastür, die in den Innenhof führt. In der Mitte stehen tiefere Regale, die einen langen Tisch bilden, auf dem wiederum Bücher liegen, darunter zwei kostbare alte Bibeln. Das ist der Raum für die englischen Ausgaben. – Manguel lässt mich nun allein, es treibt ihn in die Küche, das Abendessen zuzubereiten. Später werden wir sein wahrhaft köstliches Pollo alla Cacciatora zu uns nehmen, Craig Stephenson wird sich dazugesellen, von dem ich erfahre, dass er der Gärtner ist, denn Manguel mag etwas von Büchern verstehen, von Rosen versteht er nichts.

Da stehe ich nun und begreife, was Manguel damit gemeint hat, dass die Bücher reden. In der Bibliothek bei Nacht schreibt er: »Tagsüber ist die Bibliothek ein geordnetes Reich. Ich bewege mich zielstrebig durch die senkrechten und waagrechten Buchstabenkorridore. Nachts aber verändert sich die Atmosphäre. Unversehens bekommen meine Bewegungen etwas Verstohlenes, Geheimnisvolles. Ich verwandle mich in eine Art Geist. Die Bücher sind jetzt die wahren Lebewesen, die mich, den Leser, durch die kabbalistischen Rituale halbverschwommener Buchstaben heraufbeschwören und zu einem bestimmten Band, einer bestimmten Seite locken. Ein Buch ruft überraschend nach einem anderen, schafft Bündnisse über Kulturgrenzen und Jahrhunderte hinweg.«

Und jetzt sehe ich, dass an vielen Stellen dieses dunklen, kühlen Raumes bequeme Sessel stehen, jeder mit einer Leselampe versehen, sodass man, irgendein Buch von den 30000 in die Hand nehmend, sich auf der Stelle hinsetzen und mit dem Lesen beginnen könnte. Hätte ich genügend Zeit und Geduld, dann würde ich erfahren, was für Manguel selbstverständlich ist: dass alle Bücher einen großen Zusammenhang bilden, der nur darauf wartet, von uns entdeckt zu werden.

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Leser-Kommentare
  1. Dieser Artikel hat sofort mein Interesse geweckt. Ein Mann, 30000 Bücher ein ruhiges Haus in Frankreich, ein schöner Garten. Ich fühlte mich ein bisschen bestohlen, denn obwohl erst 23, wäre dies genau der Rückzug, den ich mir wünsche; am liebsten sofort. Dieser Mann hat es geschafft und ich muss mich mit der Frage plagen, ob meine Gedanken nicht bloße Kopie sind und ich mich des Plagiats schuldige mache, wenn ich an ihnen festhalte. Ich glaube aber nicht, denn immerhin hatte ich die Gedanken ja schon, bevor ich von der Lebensweise des Herrn Manguel erfuhr. Ich bleibe also bei: "Chapeau Herr Manguel, Sie leben wahrlich einen Traum". Mal sehen, wie weit iche s in diese Richtung bringen werde.

  2. Werter jemand anders,

    fraglich, ob der Begriff des Plagiats in Richtung der Lebensweisen überhaupt Anwendung finden sollte. Um den Scheinwert sogenannter Originalität scheint es einem Universaldilettanten, als den ich ihn ob seiner Interessen einmal - sehr positiv konnotiert - bezeichnen möchte, ja nun nicht unbedingt zu gehen. Fraglich auch, ob die Darstellung wirklich auf ein elfenbeinernes Paradies hindeutet oder das ganze nicht gar doch in viel Geselligkeit, Lebendigkeit eingebunden ist. Die Darstellung ist einem Bibliomanen sehr sympathisch, vertraut auch, jedoch darf eines dabei nicht vergessen werden: gerade auch Literatur als Lebensform bedarf einer gewissen Eingebundenheit ins Leben, des Hineingehens, um wiederum etwas - auch für die Literatur - hervorholen zu können. Es mag Persönlichkeiten geben, die sich selbstgnügsam in beschriebenes Papier betten können, doch dürfte es wie bei allen Lebensmitteln das Verdauen und Verwerten mehr als das Verschlingen sein, das nährt.

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