Martenstein "Ich bin Bagger44see"

Unser Kolumnnist hätte lieber nur ein einziges Passwort. Stattdessen muss er sich 30 verschiedene Nummern merken

Nennt mich Ismael99xx. Ich bin 126789955C, ich bin auch Bagger44see, andere kennen mich als HHMM777. Bei allem, was ich kaufe, bei jedem Auftrag, beim elektrischen Strom, bei der Telefongesellschaft, bei Fleurop, bei den HappyDigits, bei der verfluchten Strafmandatstelle, beim Weinhändler, beim Elektriker und beim Heizungsmann, überall habe ich eine Kundennummer und meistens noch dazu ein Passwort für die Homepage von mindestens sieben Stellen, Ziffern und Buchstaben gemischt.

Wenn ich als Kunde die Rechnung bezahle, soll ich nicht nur die Kundennummer angeben, sondern eine Rechnungsnummer obendrein. Wenn ich aber auf der Homepage mal was machen will, brauche ich wieder das Passwort. Manchmal braucht man alle drei. Mit dem Passwort kommt man in die innere Zone der Homepage, mit der Kundennummer identifiziert man sich, und mithilfe der Auftragsnummer tut man dann etwas.

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Die Nummern und Passwörter kann man sich unmöglich merken. Man soll sie verstecken. Man soll zu der jeweiligen Nummer nie dazuschreiben, zu was sie gut ist. Wie soll das gehen? Man muss es einfach dazuschreiben, mein Gott, es sind fast 30 Nummern. Jeder Mensch hat folglich ein Passwort- und Kundennummernversteck. Dies ist eines der großen Tabuthemen unserer Gesellschaft. Man könnte im ZEITmagazin eine Geschichte bringen, in der Prominente über ihren ersten Geschlechtsverkehr berichten, wie lange es gedauert hat oder in welcher Position sie es am liebsten tun. Das wäre keine allzu schwierige Sache. Bei den meisten weiß man es ohnehin. Aber eine Geschichte, in der Prominente verraten, wo sie ihre Passwörter versteckt haben, wäre undenkbar.

Bei dem Elektriker verstehe ich nicht, warum er mir die Kundennummer 3466600987 erteilt hat. Es ist eine kleine Firma, mehr als 200 Kunden kann er nicht haben. Als ich bei der Telefongesellschaft angerufen habe, meine Kundennummer dort hat zwölf Stellen, sagte der Mann von der Kundenbetreuung: "Die letzten vier Stellen reichen, mehr brauche ich nicht." Die ersten acht Stellen sind schmückendes Beiwerk, wie ein Erker oder wie Stuck.

Leser-Kommentare
  1. Lieber Herr Martenstein,

    lustige Ironie, dass ich um hier zu schreiben mich erst registrieren muss, und raten Sie mal? Genau! - Ich bekomme zum Einloggen noch ein neues Passwort... :-)

    In der Tat ein interessantes Tabuthema. Ja, auch ich habe ein Passwortversteck, allerdings verschlüsselt. Die Softwarebranche verdient gutes Geld damit "Passwortsafes" zu entwickeln. - Immerhin braucht man sich dann nur das eine Passwort des Safes zu merken...

    Wie wäre es denn das "Personnummer"-System aus Schweden zu übernehmen? Hier hat jeder Einwohner eine eindeutige Personennummer (ähnlich der Social Security Number in den USA). Sie beginnt mit dem Geburtsdatum und hat vier weitere Stellen, z.B. 771201-1234. Gut, in Deutschland bräuchten wir ein paar Stellen mehr am Ende, aber die Nummer lässt sich ohne Probleme merken.
    Das tolle ist, diese Nummer wird überall verwendet, z.B. als Kundennummer bei Firmen, zum Anmelden des Telefonanschlusses oder Bankkontos, zur Identifikation bei der Hotline...

    Ach, war da nicht was? - Genau, der Datenschutz! Der macht ein solches vereinfachendes System in Deutschland wohl unmöglich. Also doch besser einen Passwortsafe kaufen...

    Beste Grüße,
    Andreas Marx

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  • Serie Martenstein
  • Quelle DIE ZEIT, 30.07.2009 Nr. 32
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