Unwetter Immer dem Wetter nach
Hobby-Sturmjäger lassen alles stehen und liegen, sobald ein Gewitter aufzieht. Ihr Traum: Einmal einen Tornado erleben. Ein Jagdbericht
Vielleicht war es keine gute Idee, für diese Recherche den Dienstwagen des ZEIT- Verlags auszuleihen. Sein Hobby sei nicht ganz frei von Risiken, hatte Olaf Malz gesagt, was man sich irgendwie ja auch denken kann, wenn jemand Gewitterwolken verfolgt, um nach Tornados Ausschau zu halten. Manche seiner Vereinskollegen fahren ihre hagelverbeulten Autos als Trophäen umher. Aber Malz hat gerade kein eigenes Auto, und ein Sturmjäger ohne Auto, hatte er gesagt, sei wie ein Cowboy ohne Pferd. Als am vergangenen Freitag eine Gewitterfront Kurs auf Norddeutschland nahm, war klar: Ein Pferd muss her. Es stand in der Tiefgarage der ZEIT .
Für Olaf Malz war es der Höhepunkt einer aufregenden Woche. Am Dienstag hatte Tief Wolfgang über dem Ostatlantik damit begonnen, subtropische Luft aus Frankreich nach Deutschland zu schaufeln. Mittwoch und Donnerstag zogen schwere Gewitter über das Land hinweg, auch ein Dutzend Tornados wurden gesichtet: Windhose wütet durch Westbarthausen, dichtete das Haller Kreisblatt in Westfalen, weitere Meldungen kamen aus Schwerte, Oberhausen, Herne und Niedersachsen. Windhosen sind dasselbe wie Tornados. Als Olaf Malz am Freitagmittag seine Wetter-Webseiten konsultierte, war der Spuk noch nicht vorbei. Er wusste: »Da kommt was auf uns zu.«
In Deutschland ärgern sich viele über diesen wechselhaften Sommer. Die einen werden im Strandkorb oder auf der Autobahn von einem Platzregen überrascht, andere schwitzen in der schwülen Luft ihre Hemden durch. Erst friert, dann fröstelt man, und vor dem Fenster reißen Orkanböen auch noch Bäume um. Es nervt – da können die Meteorologen noch so oft erklären, dass so ein Juli in der mitteleuropäischen Wetterstatistik nicht ungewöhnlich sei. Für Olaf Malz ist es ein Traumsommer.
Sturmjagen, Stormchasen oder schlicht Chasen (Jagen), das klingt nach einer bizarren Freizeitbeschäftigung. Ganz so sinnfrei wie etwa Eisenbahn- oder Flugzeugspotting ist die Tornadojagd allerdings nicht. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) und Jörg Kachelmanns Unwetterzentrale setzen große Hoffnungen auf die Sturmjäger. Mit ihrer Hilfe wollen sie die Tornadowarnung verbessern, denn ein Tornado ist im Regen- oder Blitzradar nicht zu erkennen, letzte Gewissheit bringen nur Augenzeugen. Und Klimaforscher arbeiten an einer europaweiten Tornadokartei, die dank der Stormchaser künftig weniger blinde Flecken haben soll. Sie wollen wissen, ob die globale Erwärmung in Europa mehr Tornados, Hagelschauer und Wolkenbrüche verursacht.
Stürme jagen sei wie Pilze sammeln, erklärt Malz, als er sein Stativ sorgfältig hinter dem Beifahrersitz verstaut, damit es bei einem Auffahrunfall nicht zum Geschoss wird. Meistens findet man Maronenröhrlinge, ganz selten mal einen Steinpilz. Die Maronen sind in diesem Vergleich die Gewitter, die Steinpilze sind Tornados. Allerdings gibt es in Deutschland noch viel weniger Tornados als Steinpilze, nämlich nur 20 bis 100 Exemplare pro Jahr plus Dunkelziffer, genaue Zahlen kennt niemand. Und nur ganz selten ist einer der höchsten Kategorie darunter, der Bäumen die Rinde abschält und Dächer durch die Luft trägt wie Laub. Das letzte Mal fegte so ein Monster im Jahr 1800 durch Sachsen. Lang ist’s her – vielleicht hat der Tornado-Beauftragte beim Deutschen Wetterdienst deshalb nur eine halbe Stelle.
Wir fahren durch den Elbtunnel in Richtung Hannover. Links schöne Kumuluswolken, rechts eine dunkle Wolkenwand. Malz erzählt die Geschichte von Martin Luther, der als Student von einem Sommergewitter überrascht wurde. Er wolle dem Herrn dienen, wenn er diese Blitze überleben sollte, gelobte Luther in Todesangst. Malz kennt dieses Gefühl. Er sagt: »Luther ist dann halt Pfarrer geworden und kein Stormchaser.«
Als er vor 20 Jahren das erste Mal mit einem Fahrrad einem Gewitter hinterherfuhr, dachte Malz, er hätte »einen an der Waffel«. Dann kam das Internet, und er merkte, dass er nicht allein war. Heute ist er Mitglied bei Skywarn, einem Verein, der gegründet wurde, um das Rabaukenimage der Sturmjäger loszuwerden. »Wir wollen keinen Katastrophenfanatismus«, sagt der Vorsitzende, Ansgar Berling. Skywarn hat Prüfungen eingeführt, um aus Sturmjägern Hobbymeteorologen mit Jagdschein zu machen. Das erleichtert auch die Zusammenarbeit mit einer Behörde wie dem DWD. Am kommenden Wochenende versammeln sich die Sturmjäger zum Jahrestreffen in der Jugendherberge von Bad Kissingen.
Früher war Malz einfach »geil auf Gewitter«, heute ist er in der Vereinshierarchie ein Advanced Spotter Premium. Das bedeutet, dass er mit seinem Laptop auf die hochaufgelösten Radardaten des DWD und die ortsgenauen Warnungen von Kachelmanns Unwetterzentrale in Bochum zugreifen darf. Im Gegenzug ruft er sofort eine Hotline an, wenn er einen Tornado, einen Wolkenbruch oder Hagel beobachtet. Sein Handy ist registriert und wird automatisch geortet. Die Meldung wird dann per E-Mail an die Wetterdienste verschickt. Eine Sekunde später erscheint sie auf dem Bildschirm von Thomas Sävert.
Sävert hat in der vergangenen Woche wenig geschlafen. Er ist Kachelmanns Spezialist für schweres Wetter und Tornados, er arbeitet im Schichtdienst, und wenn Stürme und Gewitter über Deutschland ziehen, macht er Überstunden. Wenn er nicht arbeitet, geht er seinem Hobby nach: Tornados. Auf Tornadoliste.de dokumentiert er historische Fälle bis zurück ins Jahr 689 und listet neue Verdachtsfälle auf, allein 14 in der vergangenen Woche. Viele Ereignisse kennt er auswendig, den Tornado mit dem größten Sachschaden zum Beispiel (Pforzheim 1968, 130 Millionen D-Mark) oder den Tornado mit den meisten Opfern (Helgoland 1913, 14 Tote). Sävert sagt: »Tornados werden unterschätzt.«
Viele glauben, Tornados seien ein Problem der Amerikaner. Falsch, sagt Sävert. »In Deutschland können genauso starke Tornados auftreten wie in den USA.« Sie sind nur nicht so häufig. Die Unwetterzentrale und der DWD wollen mithilfe der Sturmjäger nun vor allem das sogenannte Nowcasting verbessern, also die Vorhersage eines unmittelbar bevorstehenden Tornados. Beim Nowcasting zählt jede Minute. Wenn er die Menschen in einem Landkreis oder einer Stadt zehn Minuten vor dem Wirbelsturm warnen könnte, wäre Sävert schon zufrieden. Sie könnten dann einen fensterlosen Raum im Haus aufsuchen, um nicht von umherfliegenden Trümmern verletzt zu werden.
Für diese zehn Minuten Vorwarnzeit braucht Sävert Sturmjäger, die einen Tornado einschätzen und melden können. Bislang können die Wetterdienste mit ihren Messgeräten zwar rotierende Gewitterwolken erfassen, sogenannte Superzellen, aber nur in jeder zehnten Superzelle bildet sich tatsächlich ein Tornado. Außerdem entstehen viele Tornados auch ohne diese Superzellen. Ohne die Bestätigung eines Augenzeugen wären die meisten Warnungen ein Fehlalarm. Um zuverlässig und deutschlandweit warnen zu können, müsste Sturmjagen allerdings so populär werden wie Pilzesammeln.
Zum Glück ist die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland durch einen Tornado zu sterben, praktisch gleich null. Auch die Schäden fallen im Vergleich zu Hagel- und Sturmschäden kaum ins Gewicht. Wer allerdings jemals einen Tornado im Garten hatte, vergisst ihn nie wieder. »Da flogen Dachziegel wie Zeitungspapier durch die Luft«, sagte eine Frau aus Plate bei Schwerin im Fernsehen, nachdem ein Tornado das Dorf an Christi Himmelfahrt heimgesucht hatte. Auch ihre Katze wirbelte an diesem Tag gen Himmel.
»Eines scheint klar«, bilanzierte Spiegel TV, »wegen des Klimawandels wird man sich an Bilder wie diese gewöhnen müssen.« In Deutschland gebe es immer häufiger schwere Tornados, schrieb der Tagesspiegel Anfang Juni nach einem Tornado in Schleswig-Holstein, die Bild- Zeitung warnte gar vor einem »Tornado-Sommer«.
Das sind gute Schlagzeilen, aber sie sind falsch. Das Einzige, was derzeit zunimmt, sind Menschen mit Digitalkameras und Fotohandys, die jeden Wolkenrüssel sofort fotografieren und im Internet dokumentieren. »Seit es das Internet gibt, sehen wir eine Explosion der Ereignisse«, sagt der Tornado-Forscher Nikolai Dotzek vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. »Es ist ein Beobachtungstrend, kein Klimatrend.« Die gefühlte Häufigkeit nimmt zu. Auch in den USA registrierte man in den fünfziger Jahren plötzlich immer mehr Tornados, als das Stormchasen dort populär wurde. »Das Gleiche sehen wir jetzt in Deutschland.«
Um den Einfluss des Klimawandels auf Unwetter in Europa besser abschätzen zu können, brauchen die Forscher mehr Daten. Dotzek baut dafür die European Severe Weather Database (eswd.eu) auf, in die auch die Meldungen der freiwilligen Sturmjäger eingehen. Wo viele Menschen wohnen, schätzt der Physiker, werden inzwischen 80 bis 90 Prozent aller Tornados registriert.
Olaf Malz kann an diesem Freitag keinen Eintrag beisteuern. In der Nähe von Celle halten wir auf einem Feldweg zwischen zwei Weizenfeldern. Die dunklen Wolken sehen vielversprechend aus, eine ragt weit in den Himmel und hat die verdächtige Form eines Ambosses. Doch als sie über uns hinwegzieht, klatschen nur ein paar Regenschauer aufs Autodach, nicht einmal Blitze sind dabei. Malz schaltet den Laptop ein und sieht eine Gewitterzelle aus Münster heranziehen. Wir beschließen zu warten – vergeblich. Die neuen Wolken bleiben irgendwann einfach stehen wie ein Zug im Sackbahnhof. Es ist sieben Uhr abends. »Denen fehlt die Sonnenenergie«, vermutet Malz.
Er ist jetzt 39 und hat noch nie einen Tornado gesehen. »Das kommt noch«, sagt er auf der Rückfahrt. Stürme seien eben wie Poesie, unberechenbar, immer anders. »Manche Menschen lesen eine Stunde lang eine Kurzgeschichte, ich schaue mir ein Gewitter an.«
- Datum 03.08.2009 - 11:37 Uhr
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- Serie Klima
- Quelle DIE ZEIT, 30.07.2009 Nr. 32
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