"Ich bin dann mal weg" – lange bevor Hape Kerkeling seinen Überraschungs-Bestseller landete, gab es einen Mann, der hatte die kleine, eingängige Formel zu seinem Lebensmotto erkoren. Dabei besaß jener andere ein Faible für entlegene Orte und ungewöhnliche Situationen, für Sonderlinge oder Einzelgänger. Wen wundert’s, gehörte er doch selber zu diesen Leuten. Doch zugleich attestierte man ihm Charisma und Charme, sprühendes Unterhaltungstalent und einen Blick für all das, was andere leichtfertig übersahen. An welchem Ort auch immer er sich befand, stets versuchte er, etwas von dort mitzubringen, ein Bild, ein Gefühl, einen Ton. Und am nächsten Tag zog er weiter.

Die innere Unrast hatte er nach eigenem Bekunden mit der Muttermilch aufgesogen. Im Krieg sah sich seine Mutter gezwungen, immer wieder neue Zufluchtsorte zu finden, wo sie in Frieden leben konnten. Während der Vater als Marineoffizier seine Vaterlandspflicht tat, reisten die Mutter und ihr kleiner Sohn umher, gastierten bei Verwandten, Freunden, Bekannten, bis sie erneut aufbrechen mussten. Erst nach fünf Jahren wurde die Familie endlich sesshaft – und er zu einem attraktiven jungen Mann.

Ein Zeitgenosse und Fotograf beschrieb sein Äußeres damals mit folgenden Worten: "Er sah aus, als hätte er einen Laden betreten und gesagt: Ich möchte bitte das schönste Lächeln, die schönsten Augen und das schönste Haar." Damit standen ihm viele Türen offen, und er probierte sich beruflich aus. Auch dank einer ungewöhnlichen und, wie sich bald zeigen sollte, lukrativen Begabung brachte er es in einer namhaften Institution vom Botenjungen zum Abteilungsleiter. Da war er gerade 22, zwei Jahre später tauschte er Eheringe mit einer US-Aristokratin. So weit, so gut. Und dann entschied er, dass es an der Zeit sei, die Weite zu suchen.

Es folgten einige Jahre als gut bezahlter Reporter, bis auch dieses Leben ihn zu langweilen begann. Hatte er nicht früher von einem einfachen, asketischen Dasein ohne Zwänge geträumt? Was auch immer ihn antrieb – er beschloss fortzugehen. Es war der erste Schritt in sein künftiges Leben. Von nun an war er per Schiff oder Bus, als Anhalter und zu Fuß unterwegs. Kein Ziel, das ihm fern genug schien. Was er auf seinen Reisen sah und erlebte, notierte er in handlichen Büchern, die er im Rucksack mit sich trug.

In einem Interview sagte er einmal: "Wer schreibt, muss ein Ziel haben" – und wenn er keines habe, müsse er eines erfinden. Nur: Wusste er, wo sein Ziel lag? Vielleicht ging es ihm letztlich vor allem darum, aus flüchtigen Momenten etwas Bleibendes zu schaffen. So entstand ein Werk, das sich nie völlig zwischen Realität und Fiktion entscheiden konnte. Zum Glück, denn bis heute gelten seine Bücher als Maßstab für jene, die es reizt, in seine Fußstapfen zu treten. Wer war’s?

Frauke Döhring

Lösung aus Nr. 31:
Moische Sacharowitsch Chagal (1887 bis 1985) wurde in Witebsk geboren, nach einem Aufenthalt in St. Petersburg ging er für vier Jahre nach Paris, wo er seinen Namen zu Marc Chagall französisierte. Seine Arbeit, die zunächst als "Volkskunst" durchging, erregte bald Anstoß. 1941 verließ er in letzter Minute Frankreich und lebte bis 1946 in den USA. Als Künstler in vielen Materialien galt er vor allem als Magier der Farbe