Stilkolumne Die letzte Göttin
Unser Kolumnist fragt sich: Wie wurde die Braut zum Modeobjekt?
Es ist noch gar nicht so lange her, da gab es gar keine weißen Hochzeitsroben. Zur Trauung ging der Mann im besten Anzug, die Frau im besten Kleid. Entweder war dieses Kleid schwarz, oder es entsprach der regionalen Tracht. Das weiße Kleid, das nur einen einzigen Tag lang getragen wird, wurde in der europäischen Mittelschicht erst im 20. Jahrhundert üblich.
Mittlerweile hat sich allerdings durchgesetzt, dass nicht nur die Braut sich eigens für den großen Tag ein Kleid zulegt, sondern dass auch die weiblichen Gäste dies tun. So wurde den Damen der Hochzeitsgesellschaft bei der Vermählung von Boris Becker und Lilly Kerssenberg abverlangt, im roten Gewand zu erscheinen. Die Inszenierung der bürgerlichen Ehe entwickelt sich also antiproportional zu ihrer Dauer: Je unwahrscheinlicher es ist, dass man gemeinsam mit dem Partner alt wird, desto herrlicher muss die Staffage sein.
Um das Brautkleid ist ein nie da gewesener Tanz eröffnet worden. Frauen sehen es als das wichtigste Kleid in ihrem Leben, manche sind der Meinung, es sollte genauso viel kosten wie der Rest der Hochzeit. Die Brautmodenschauen von Oscar de la Renta und Vera Wang sind in New York sehr beachtete Termine. Ein Grund dafür ist sicher, dass Frauen im Brautkleid ihre eigenen Kindheitsträume ausleben und sich zum Teil hemmungslos in Tüll und cremefarbene Seide werfen dürfen, als wollten sie vom Altar weg für einen Walt-Disney-Film gecastet werden.
Das ist aber nur die eine Seite der Faszination dieses Kleidungsstücks. Auch für die Designer spielt es eine immer größere Rolle. Die Braut ist die letzte Göttin, die der Mode geblieben ist. Die Braut ist unschuldig, erhaben und unantastbar – eine Frau, der man nur huldigen kann. Während das Model auf dem Laufsteg zur gesichtslosen, mageren Kleiderpuppe geworden ist, verlangt das Sinnbild der Braut bedingungslose Unterwerfung. Vielleicht hat deswegen der libanesische Modedesigner Elie Saab kürzlich in Paris seine gesamte Haute-Couture-Schau in Weiß gestaltet.
Die Braut ist die Königin, über ihr steht nur noch Gott. Mit dem sollte sie es sich aber trotzdem nicht verscherzen. So wie es die neue Frau Becker getan hat, als sie schulterfrei in die Kirche trat. Das ist nämlich noch unpassender, als den Hochzeitsgästen die Garderobe vorzuschreiben.
- Datum 28.08.2009 - 13:32 Uhr
- Serie Stilkolumne
- Quelle DIE ZEIT, 30.07.2009 Nr. 32
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Herr Prüfer schreibt mit fast mathematischer Logik: Die Inszenierung der bürgerlichen Ehe entwickelt sich also antiproportional zu ihrer Dauer: Je unwahrscheinlicher es ist, dass man gemeinsam mit dem Partner alt wird, desto herrlicher muss die Staffage sein. Das erlebe ich auch so.
Aber: Die Braut ist die Königin, über ihr steht nur noch Gott. Mit dem sollte sie es sich aber trotzdem nicht verscherzen. So wie es die neue Frau Becker getan hat, als sie schulterfrei in die Kirche trat. Das ist nämlich noch unpassender...
Oho, hat er sich diesen Punkt von Gott vorher bestätigen lassen? Natürlich gibt es Leute, die solche Sprüche erfinden, aber Gott sicher nicht. Denn er weiß, dass diejenigen, auf deren Schultern später die Kinderbetreuung lastet, auch das Recht haben, diese Schultern beim Eintritt in die Kirche zu zeigen.
Er hat sogar noch mehr erlaubt: Männer, die das Zeug haben, später die Rolle des Alleinerziehenden zu übernehmen, haben das Recht, im schulterfreien Anzug zu heiraten! Gott sei Dank!
hm. das einzige, was noch originell erscheint ist, einfach nackt zu heiraten. ich behalte das einfach mal als idee im kopf ;-P
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