Nordsee Himmel oder Hölle?

Sylt im Sommer 2009. Der Wirt der legendären Sansibar und der langjährige Pastor von Keitum über das Wesen von Deutschlands berühmtester Insel

ZEITmagazin: Herr Pastor, an welchem Ort wird der Zauber von Sylt besonders offenbar?

Traugott Giesen: In meiner alten Kirche St. Severin in Keitum. Fast 30 Jahre war ich dort Pastor, bis vor vier Jahren. Ein mystischer Ort, die Kirche ist warm gebetet. Sie ist 800 Jahre alt, da muss man mal reingehen, sich hinsetzen und Ruhe halten.

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ZEITmagazin: Kollegen dürften Sie um diesen Arbeitsplatz beneidet haben.

Giesen: Ich war auch anderswo eingesetzt. Bevor ich nach Sylt kam, war ich zehn Jahre in Berlin-Neukölln. Da wurde eigentlich ein Sozialarbeiter benötigt, praktische Hilfe war gefragt, es wurde jemand gebraucht, der für andere das Leben organisierte. Mit alkoholkranken Arbeitslosen habe ich versucht, einen Spielplatz zu bauen, der danach vom TÜV natürlich nicht abgenommen wurde. Auf Sylt dagegen muss der Pastor vor allem Gesprächspartner sein, hier wird Seelsorge gebraucht, die Predigt.

ZEITmagazin: In den Bänken Ihrer Kirche in Keitum saßen wichtige Menschen: die Verlegerin Friede Springer, der Literat Walter Jens, der Unternehmer Berthold Beitz – die Sylter Prominenz. War Herr Seckler auch oft in Ihrer Kirche?

Giesen: Also er… Herbert, deine Frau habe ich in meiner Kirche gesehen und deine Kinder, aber dich gar nicht.

Herbert Seckler: Ja, es stimmt, ich war selten in der Kirche. Aufzustehen, wenn du es sagst, zu singen, wenn du es möchtest, das ist nicht meine Abteilung.

Giesen: Ich habe in Keitum einen Gottesdienst gemacht, in dem man nur einmal aufstehen musste – für ein Vaterunser.

Seckler: Trotzdem…

ZEITmagazin: Sie duzen sich – woher kennen Sie sich, wenn nicht aus der Kirche?

Seckler: Jeder kennt hier jeden. Traugott kommt gern mal zum Essen her – aber vor allem kommen wir so gut aus, weil wir so wenig miteinander zu tun haben.

ZEITmagazin: Herr Seckler, Ihre Sansibar, »place to be« der Insel seit drei Jahrzehnten, ist der andere, weltlichere Pol der Sylter Gesellschaft. Verkörpert Ihr Strandrestaurant für Sie am besten den Geist der Insel?

Seckler: Nein, es gibt keinen speziellen Ort. Entweder Sie spüren Sylt, egal, wo auf der Insel, oder Sie kapieren es nie, dann sind Sie hier fehl am Platz. Es geht nicht um den einmaligen Blick auf die See oder auf das Watt, den Strand von Kampen. Sylt hat eine besondere Ausstrahlung, der Pastor würde es mit seinen schönen Worten wohl »ein Gottesgeschenk« nennen.

ZEITmagazin: Viele sprechen der Insel eine salbungsvolle Wirkung zu. Wie äußert es sich, wenn die Medizin Sylt wirkt?

Seckler: Am besten ist die Veränderung bei Leuten zu beobachten, die kaum Zeit haben und deshalb nur für drei Tage hierbleiben. Am ersten Tag sind sie fertig, sitzen hier herum mit ihren traurigen Gesichtern. Aber dann, 24 Stunden später, sind sie nicht wiederzuerkennen. Wie sich ein Mensch in kurzer Zeit so drehen kann, das ist schon magisch.

Giesen: Geht dir das auch so, wenn du auf dem Festland warst und nach Sylt zurückkehrst?

Seckler: Ich fahre einfach nicht mehr weg, ich weigere mich. Wer mich mag, wer mir einen Gefallen tun will, der lädt mich nicht ein, der lässt mich hier. Und wenn ich doch wegmuss, dann sehe ich zu, dass ich nachts noch nach Hause fliege.

ZEITmagazin: Sylt ist ein Ort des Reichtums…

Seckler: Moment mal! Jeden Tag kommen 100.000 Besucher hierher, nicht 100.000 Promis. Es gibt nicht jeden Tag neue Multimillionäre. Hier laufen ganz normale Menschen herum. Gelegentlich ist ein Bentley zu sehen, aber den gibt es auch in Hamburg oder München, nur fällt er da nicht auf.

ZEITmagazin: Herr Pastor, wie denken Sie über das Etikett »Promi-Insel«?

Giesen: Wir alle haben Sehnsucht nach Prominenz. Das ist nicht verwerflich.

ZEITmagazin: Ist die seelische Armut verbreitet auf Sylt?

Seckler: Jetzt kommt schon wieder so eine Frage. Seelische Armut gibt es auch in Neukölln. Ich weigere mich, die Insel als etwas Exotisches anzusehen.

ZEITmagazin: Sie beide sind jeder auf eigene Weise Gastgeber. Kann man das so sagen?

Giesen: Ich glaube, dass bei mir der liebe Gott der Gastgeber ist. Es gibt einen Psalm, den auch Leute kennen, die mit der Kirche nichts mehr am Hut haben. Psalm 23, er lautet: »Er bereitet mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde; er salbet mein Haupt mit Öl und schenket mir voll ein.«

Seckler: Der Pastor hat es gut, er kann im Zweifel alles mit Gott erklären. Das kann ich nicht. Mir fällt es schwer, meine Arbeit einzuschätzen. Die ewige Frage, was mache ich gut, was mache ich nicht gut? Es gibt kaum Menschen, die sich nicht gottähnlich fühlen. Das ist jedenfalls meine Erfahrung. Ich habe tierische Angst davor, dass mir das auch mal passiert.

Giesen: Selbstüberschätzung empfändest du als ein Gräuel?

Seckler: Als ein Riesengräuel.

ZEITmagazin: Sitzen in Ihrem Restaurant auch Gäste, von denen Sie wissen, die überschätzen sich von morgens bis abends?

Seckler: Es gibt hier sehr viele, die sich für besser halten, als sie sind. Es ist die Mehrheit.

Giesen: Hast du eine Erklärung dafür?

Seckler: Vielleicht geschieht es aus Selbstschutz. Denn es ist doch komisch, was passiert, wenn man nur leicht an der Oberfläche kratzt. Gerade solche Menschen, die immer besonders selbstbewusst auf dich zugekommen sind, entpuppen sich plötzlich als äußerst sensible Kerlchen, oft sind sie ganz traurige Wesen.

ZEITmagazin: Wann fällt die Fassade?

Seckler: Wenn man die Gäste länger kennt und bei zwei Promille. Aber ich finde mich nicht besser als andere, ich bin nicht schlauer, ich bin nicht Jesus. Ich habe vier Kinder, um es in den Worten des Pfarrers auszudrücken: Die machen demütig. Wenn du nach Hause kommst und deine Frau und deine Kinder warten auf dich, da landest du ganz schnell wieder auf dem Boden.

ZEITmagazin: Pastor Giesen, was ist Ihre Vorstellung von Himmel und Hölle?

Giesen: Ich stelle mir vor, dass der liebe Gott mit uns feiert. Ich glaube, dass er für uns ganz viel Glück im Sinn hat. Das Paradies ist ein Sehnsuchtsbild, gespeist aus allem, was negativ ist in der Welt. Ich bin davon überzeugt, dass uns dieses Glück einmal erreicht.

ZEITmagazin: Haben Sie nie an Ihrem Glauben gezweifelt?

Giesen: Es gibt tausend Gründe zu zweifeln. Warum lässt sich der liebe Gott so viel Zeit mit dem Paradies? Warum kommt das Paradies offenbar erst, wenn wir das kleine Paradies auf Erden aufgefressen haben? Also, warum so viel Not? Wenn mein Schwiegersohn, damals 1998, auf einer Kreuzung in Sylt liegt, ich zufällig vorbeikomme, niederknie und ihm die Augen schließe – dann zweifle ich. Wenn ich dann nach Hause fahre und meiner Tochter sage, die schwanger ist mit Zwillingen, du, der Ole ist tot – dann zweifle ich. Aber je mehr Zweifel, desto größer meine Sehnsucht nach Erfüllung.

ZEITmagazin: Ein grausames Erlebnis. Konnten Sie Ihren Frieden damit machen?

Giesen: Es war die Hölle. Aber 14 Tage später zog unsere Tochter in die Wohnung, die sie noch mit ihrem Mann ausgesucht hatte. Wir halfen ihr beim Umzug, und da kam ein baumlanger Kerl in das Haus, der Nachbar. Ich sagte: Haben Sie mal ein Auge auf meine Tochter, da muss man aufpassen. Und ein Jahr später heirateten sie.

ZEITmagazin: Herr Seckler, gibt es den Himmel?

Seckler: Ich bin nicht so gläubig wie der Pastor. Deshalb möchte ich nicht darauf hoffen, dass es mir irgendwann mal gut geht. Ich sorge lieber jetzt schon dafür.

Giesen: Und wo ist der Himmel?

Seckler: Der ist hier in den Dünen. Hier bin ich glücklich. Genauso, wie ich glücklich bin über meinen neuen Fernseher, mein Bett, meine Dusche, die ein bisschen größer ist und bei der das Wasser von allen Seiten kommt. Und natürlich über meine Familie. Von mir aus könnte das ewig so weitergehen.

Giesen: Und die Hölle?

Seckler: Für mich bedeutet Hölle, sich mit schlechten Gedanken zu beschäftigen.

ZEITmagazin: Gute Gastgeber müssen zuhören können. Ist der Sansibar-Wirt ein besonders guter Zuhörer?

Seckler: Ich gebe mir Mühe. Aber manchmal fällt es mir auch schwer. Es gibt Gäste, die mich später am Abend, wenn sie etwas getrunken haben, am Arm festhalten: Mensch, Herbert, was ich dir immer schon mal sagen wollte ... Aber dann kommt nichts, sie wissen gar nicht, was sie sagen wollen. Und dann fangen sie an, irgendwas daherzureden. Das empfinde ich als äußerst mühsam.

ZEITmagazin: Wer ist ein interessanter Gast?

Seckler: Gunter Sachs. Das ist wohl der interessanteste, vor einer Woche war er wieder mal hier. Günter Netzer auch. Die beiden mag ich nicht wegen des Namens, sondern weil sie interessante Persönlichkeiten sind.

ZEITmagazin: Die Herren, die Sie nennen, sind ja schon etwas älter...

Seckler: Das liegt wohl daran, dass ich vor zwanzig Jahren noch offen war für neue Bekanntschaften. Das ist nicht böse gemeint, aber ich habe nicht mehr die Zeit und die Kraft, mich immer wieder auf neue Menschen einzulassen. Je näher man sie kennt, desto mehr bekommt man von ihren Problemen mit. Mir reichen meine Probleme.

ZEITmagazin: Wem würden Sie einen Tisch verweigern?

Seckler: Das fällt mir keiner ein. Ich bin die Schweiz, ich bin neutral. Es steht mir nicht zu, über die Menschen zu urteilen. Wo wollen Sie da anfangen?

ZEITmagazin: Gibt es in der Sansibar ein paar goldene Regeln, die dafür sorgen, dass der von Ihnen erwähnte Himmel in Ewigkeit besteht?

Seckler: Es gibt in Deutschland einige Reizfiguren. Wenn diese Leute in mein Restaurant kommen, bauen sich Aggressionen auf. Dann bin ich als Moderator gefragt, irgendwie habe ich dazu Talent. Ich bin gegen die Diskriminierung von reichen und berühmten Menschen. Wenn ich zum Beispiel ein Genie im Tennis bin, wie Boris Becker eines war, dann habe ich doch auch das Recht, in Ruhe, ohne angepöbelt zu werden, mein Abendbrot einzunehmen.

ZEITmagazin: Sie spüren den Neid?

Seckler: Ressentiments, ja, die gibt es.

ZEITmagazin: Was passiert, wenn einer Ihrer Gäste beruflich abstürzt?

Seckler: Ich habe das sehr, sehr häufig erlebt. Mit diesen Menschen fühle ich sehr stark mit. Sie können sich nicht vorstellen, wie brutal das ist, wenn einen von einem Tag auf den anderen keiner mehr kennt. Jürgen Schneider…

ZEITmagazin: …der Immobilienunternehmer und Milliardenpleitier…

Seckler: … der war früher ein toller Gast, dann ist er Bankrott gegangen. Jahre später kommt er wieder, sitzt da still und bescheiden, freut sich, dass jemand nett zu ihm ist, das war der gar nicht mehr gewohnt. Als ich ihn zum Essen eingeladen habe, entstand an den Nebentischen eine Wut, die man sich gar nicht ausmalen kann.

ZEITmagazin: Als Wirt muss man mit allen auskommen, als Pastor auch.

Giesen: Ich bin so glücklich, dass ich nicht mehr berufsbedingt alle Menschen lieben muss. Ich habe mich da völlig verausgabt. Viel zu oft habe ich viel mehr Freundlichkeit zurückgegeben, als ich eigentlich besaß.

ZEITmagazin: Ihnen war wichtig, gemocht zu werden?

Giesen: Ich wollte, dass die Menschen meinen Vortrag spannend finden, dass sie am Sonntag darauf wiederkommen. Eine schäbige, blöde Predigt ist ja wie eine labberige Pizza. Eine unnötige Predigt ist geklaute Zeit, nichts weiter. Aber das ist vorbei, ich muss nicht mehr predigen. Herbert, freust du dich nicht auch darauf, irgendwann zuzuschauen, wie deine Kinder, wie deine Enkel den Laden führen?

Seckler: Nein, eigentlich nicht.

Giesen: Gehst du mit deinen Enkeln anders um als mit deinen Kindern? Bist du nur lieb?

Seckler: Also ganz ehrlich: Ich halte da ein bisschen Distanz. Die Enkelkinder werden ja gebracht und dann auch wieder abgeholt. Ich will mich da schützen.

Giesen: Du hast Angst, dich zu sehr in sie zu verlieben?

Seckler: Vielleicht. Ich habe vor Kurzem noch einmal den Film Der Pate gesehen, mit Marlon Brando. Zum Schluss sitzt der alte Mann in seinem Garten zwischen den Tomaten, vor ihm auf dem Tisch ein Glas Rotwein und ein bisschen Brot. Sitzt da mit seinem Hut, ist glücklich eingeschlafen, die Enkelkinder springen herum. Das hat mir schon gefallen.

Giesen: Du behauptest oft, du seist nicht so gläubig wie ich – aber so wie du jetzt redest, zeigst du eine ähnliche Lebensdankbarkeit wie Jesus. »Sehet die Lilien auf dem Felde, wie schön sie sind, schöner als Salomo in all seiner Pracht.« Herbert, ich bestätige dir hiermit, dass du einen Spezialzugang zum Herrn hast.

Seckler: Habe ich nicht, will ich auch nicht.

Giesen: Doch! Du kannst doch gar nichts dafür, wie er mit dir umgeht.

ZEITmagazin: Herr Pastor, wenn wir den Erzählungen glauben dürfen, gab es Ihre Gastfreundschaft in der St.-Severin-Kirche nicht zum Nulltarif?

Giesen: Wie bitte? Bei mir musste niemand Eintritt bezahlen.

ZEITmagazin: Vor der Kollekte haben Sie gerufen: »Jetzt will ich nichts klimpern hören«

Giesen: … das habe ich tatsächlich einmal gesagt, aber meine Frau meinte hinterher, das sei arrogant. Wenn da einer säße, der nur eine Mark hätte, der müsse die doch auch in den Beutel werfen können

ZEITmagazin: ... auch wird Ihr Ausruf überliefert: »Bleiben Sie beim Spenden nicht unter Ihrem Niveau!«

Giesen: Stimmt. Gebt so viel, dass es euch nicht wehtut, aber dass ihr es merkt. Es ist doch eine Sauerei, Heiligabend in die Kirche zu gehen, da fünf Euro hinzulegen und später am Abend für 200 Euro pro Person bei Herbert in der Sansibar zum Essen zu gehen.

ZEITmagazin: Die Orgel Ihrer Kirche haben Sie mit einer Millionenspende finanziert.

Giesen: Es gab da diesen Bauunternehmer aus Berlin, der einmal reich, sehr reich war.

ZEITmagazin: Heute pleite?

Giesen: Nein, Normalmaß. Der wollte damals bei mir heiraten, es war seine vierte Ehe, glaube ich. Eine neue Ehe erweist sich ja oft als eine Buße, sie ist ein Triumph der Hoffnung über die Erfahrung. Er fragte also anlässlich dieser Hochzeit, was wir brauchen. Ich sagte: eine Orgel und dass uns eine Million fehlt, 980000 Mark würden auch reichen. Er überwies 1170000 – schon eine gewisse Großkotzigkeit.

ZEITmagazin: Sie selbst sind noch in ganz anderem Maßstab beschenkt worden. Das Haus, in dem Sie leben, ist eine mehr als großzügige Gabe.

Giesen: Das stimmt. Ein lieber Mensch aus Keitum hat dafür gesorgt, dass meine Frau und ich hier eine Heimat behalten können, auch wenn der Dienst zu Ende ist.

ZEITmagazin: Herr Seckler, Sie arbeiten in Ihrer Bar, Ihre Frau Helga zu Haus…

Seckler: …das sind zwei Welten. Seit mehr als zwanzig Jahren beschäftigt sie sich mit den Studien des Psychoanalytikers C. G. Jung. Der hat ein Riesenwerk hinterlassen – sie ist eine Art lebendes Jung-Lexikon.

Giesen: Das ist kein Brotberuf, das macht ihr einfach Spaß?

Seckler: Ja. Wie früher das Surfen. Das war ihre Freude, ihr Glück. Man sah es ihr an, wenn sie zurückkam. Dann dieser Tag, an dem sie fast ertrunken wäre hier am Strand.

ZEITmagazin: Waren Sie dabei?

Seckler: Nein. Es passierte nach dem Mittagessen, ich habe noch im Restaurant gearbeitet. Erst im Laufe der Jahre ist mir klar geworden, wie schwer sie das getroffen hat. Lange Zeit hatte sie Angst vor dem Wasser, sie konnte noch nicht mal in die Badewanne. Mittlerweile aber surft sie wieder.

Giesen: Hast du Ängste seitdem?

Seckler: Nein. Aber ich habe immer schon eine krankhafte Existenzangst gehabt.

ZEITmagazin: Sie waren mal Campingplatzwart. Will man heute abends bei Ihnen essen, muss man ein Jahr im Voraus reservieren. Sie haben ein eigenes Modelabel, einen großen Weinhandel – haben Sie Angst, dass Ihre Glückserie reißt?

Giesen: Ein Albtraum? Deine Hütte ist plötzlich leer, und du stehst vor der Tür und rufst: Kommt doch rein, es ist noch was da!

Seckler: Man kann das nicht erklären. Ich wache deshalb nachts auf. Dann gehe ich an meinen Computer, gucke mir die Zahlen an…

ZEITmagazin: …den Kontostand?

Seckler: Ja, und dann denke ich mir, so schlecht geht’s dir nicht, schlaf weiter! Dabei ist Geld für mich eigentlich unwichtig. Geld macht etwas unabhängiger, mehr nicht. Viel Geld kann dazu verleiten, die falschen Prioritäten zu setzen. Was bleibt denn am Ende? Die Familie! Wohl dem, der sie ordentlich behandelt.

Giesen: Sag mal, möchtest du eigentlich in den Dünen beerdigt werden, in Sichtweite der Sansibar?

Seckler: Das muss nicht sein. Irgendwann ist es auch gut mit dem Kampf um die besten Plätze, da reicht die zweite Reihe.

Giesen: Ich schlag dir den Friedhof von Keitum vor, da möchte ich auch hin.

ZEITmagazin: Wer ist schon da?

Giesen: Rudolf Augstein, Peter Suhrkamp, ein bisschen Kampener Hautevolee. Hast du schon über eine Inschrift nachgedacht, Herbert? Willy Brandts Grabstein trägt die Zeile: »Man hat sich bemüht«. Das gefällt mir gut. Das könntest du doch auch sagen, oder?

Seckler: Vielleicht. Aber klingt da nicht etwas Größenwahn mit? Über sich zu reden in der dritten Person? Nein, das möchte ich doch nicht.

Das Gespräch führten Hanns-Bruno Kammertöns und Tanja Stelzer

Herbert Seckler, 57, wuchs auf der Schwäbischen Alb auf und ist gelernter Koch. Mit 22 Jahren kam er nach Sylt, wo er zunächst als Campingplatzwart arbeitete. 1978 kaufte er mit seiner Frau Helga am Rantumer Strand einen Imbisskiosk. Daraus wurde die Sansibar, der berühmte, so einfache wie glamouröse Anziehungspunkt für Berühmte und weniger Berühmte. Zur Marke gehören inzwischen auch ein Weinhandel sowie eine Modelinie mit eigenen Shops.

Traugott Giesen, 69, wurde in Bonn geboren und ist in Fulda groß geworden. 1966 trat er eine Pfarrerstelle in Berlin-Neukölln an, von 1976 an war er Pastor an der St.-Severin-Kirche in Keitum auf Sylt. Er predigte und sorgte für das Seelenheil zahlreicher Mitglieder der Sylter Gesellschaft, etwa der Verlegerin Friede Springer, des Unternehmers Berthold Beitz und des Tübinger Rhetorikprofessors Walter Jens. Dem "Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein erfüllte er die Bitte um ein Grab auf dem Keitumer Friedhof. Seit 2005 ist der Pastor, der auch Bücher und Kolumnen schrieb, im Ruhestand.

 
Leser-Kommentare
    • Witzke
    • 02.05.2011 um 11:38 Uhr

    Die Zeit befragt Herrn Giesen im Sansibar. Jesus zog in brütender Hitze durch die judäische Wüste. Hier lehrte er.
    Ein Trunk aus der Quelle am Fuße des Berges Arbel erquickte ihn. - Was haben Ausfrager und Pastor Giesen in der Bequemlichkeit der Sansibar als Erfrischung gereicht bekommen haben? Warum reduziert Herr Giesen Christsein immer wieder mehr oder weniger deutlich ausgesprochen auf seine Antszeit in St Severin in Keitum?
    Gäbe es nur solche "Lichtgestalten" wie Herrn Pastor Giesen, würde ich nicht mehr dazugehören. - In einer Predigt in der Heiligen Nacht sagte der Senior Stolt im Dom zu Lübeck: Leicht ist es, hier erhabenen Bauwerk des Doms erhabene Gefühle zu haben. Christsein bedeutet, durch die Nacht zur kleinen ungeheizten Kirche zu gehen und dort sich über die Geburt des Herrn zu freuen.

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