Nordsee Himmel oder Hölle?Seite 5/5

Giesen: Das ist kein Brotberuf, das macht ihr einfach Spaß?

Seckler: Ja. Wie früher das Surfen. Das war ihre Freude, ihr Glück. Man sah es ihr an, wenn sie zurückkam. Dann dieser Tag, an dem sie fast ertrunken wäre hier am Strand.

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ZEITmagazin: Waren Sie dabei?

Seckler: Nein. Es passierte nach dem Mittagessen, ich habe noch im Restaurant gearbeitet. Erst im Laufe der Jahre ist mir klar geworden, wie schwer sie das getroffen hat. Lange Zeit hatte sie Angst vor dem Wasser, sie konnte noch nicht mal in die Badewanne. Mittlerweile aber surft sie wieder.

Giesen: Hast du Ängste seitdem?

Seckler: Nein. Aber ich habe immer schon eine krankhafte Existenzangst gehabt.

ZEITmagazin: Sie waren mal Campingplatzwart. Will man heute abends bei Ihnen essen, muss man ein Jahr im Voraus reservieren. Sie haben ein eigenes Modelabel, einen großen Weinhandel – haben Sie Angst, dass Ihre Glückserie reißt?

Giesen: Ein Albtraum? Deine Hütte ist plötzlich leer, und du stehst vor der Tür und rufst: Kommt doch rein, es ist noch was da!

Seckler: Man kann das nicht erklären. Ich wache deshalb nachts auf. Dann gehe ich an meinen Computer, gucke mir die Zahlen an…

ZEITmagazin: …den Kontostand?

Seckler: Ja, und dann denke ich mir, so schlecht geht’s dir nicht, schlaf weiter! Dabei ist Geld für mich eigentlich unwichtig. Geld macht etwas unabhängiger, mehr nicht. Viel Geld kann dazu verleiten, die falschen Prioritäten zu setzen. Was bleibt denn am Ende? Die Familie! Wohl dem, der sie ordentlich behandelt.

Giesen: Sag mal, möchtest du eigentlich in den Dünen beerdigt werden, in Sichtweite der Sansibar?

Seckler: Das muss nicht sein. Irgendwann ist es auch gut mit dem Kampf um die besten Plätze, da reicht die zweite Reihe.

Giesen: Ich schlag dir den Friedhof von Keitum vor, da möchte ich auch hin.

ZEITmagazin: Wer ist schon da?

Giesen: Rudolf Augstein, Peter Suhrkamp, ein bisschen Kampener Hautevolee. Hast du schon über eine Inschrift nachgedacht, Herbert? Willy Brandts Grabstein trägt die Zeile: »Man hat sich bemüht«. Das gefällt mir gut. Das könntest du doch auch sagen, oder?

Seckler: Vielleicht. Aber klingt da nicht etwas Größenwahn mit? Über sich zu reden in der dritten Person? Nein, das möchte ich doch nicht.

Das Gespräch führten Hanns-Bruno Kammertöns und Tanja Stelzer

Herbert Seckler, 57, wuchs auf der Schwäbischen Alb auf und ist gelernter Koch. Mit 22 Jahren kam er nach Sylt, wo er zunächst als Campingplatzwart arbeitete. 1978 kaufte er mit seiner Frau Helga am Rantumer Strand einen Imbisskiosk. Daraus wurde die Sansibar, der berühmte, so einfache wie glamouröse Anziehungspunkt für Berühmte und weniger Berühmte. Zur Marke gehören inzwischen auch ein Weinhandel sowie eine Modelinie mit eigenen Shops.

Traugott Giesen, 69, wurde in Bonn geboren und ist in Fulda groß geworden. 1966 trat er eine Pfarrerstelle in Berlin-Neukölln an, von 1976 an war er Pastor an der St.-Severin-Kirche in Keitum auf Sylt. Er predigte und sorgte für das Seelenheil zahlreicher Mitglieder der Sylter Gesellschaft, etwa der Verlegerin Friede Springer, des Unternehmers Berthold Beitz und des Tübinger Rhetorikprofessors Walter Jens. Dem "Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein erfüllte er die Bitte um ein Grab auf dem Keitumer Friedhof. Seit 2005 ist der Pastor, der auch Bücher und Kolumnen schrieb, im Ruhestand.

 
Leser-Kommentare
    • Witzke
    • 02.05.2011 um 11:38 Uhr

    Die Zeit befragt Herrn Giesen im Sansibar. Jesus zog in brütender Hitze durch die judäische Wüste. Hier lehrte er.
    Ein Trunk aus der Quelle am Fuße des Berges Arbel erquickte ihn. - Was haben Ausfrager und Pastor Giesen in der Bequemlichkeit der Sansibar als Erfrischung gereicht bekommen haben? Warum reduziert Herr Giesen Christsein immer wieder mehr oder weniger deutlich ausgesprochen auf seine Antszeit in St Severin in Keitum?
    Gäbe es nur solche "Lichtgestalten" wie Herrn Pastor Giesen, würde ich nicht mehr dazugehören. - In einer Predigt in der Heiligen Nacht sagte der Senior Stolt im Dom zu Lübeck: Leicht ist es, hier erhabenen Bauwerk des Doms erhabene Gefühle zu haben. Christsein bedeutet, durch die Nacht zur kleinen ungeheizten Kirche zu gehen und dort sich über die Geburt des Herrn zu freuen.

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