Kosmopolitismus Wo bleibt der Blick in die Welt?
Die Politik kann von der Soziologie wieder lernen

© REGIERUNGonline/Kuehler/AFP/Getty Images
Die Politiker der G8-Länder beim Gipfel in Heiligendamm 2007
Politik liegt in der Luft, aber in der politischen Arena fehlen die Themen. Trotz des Wahljahres – oder gar deswegen? Auf diese Paradoxie gestoßen wurde man geradezu beispielhaft bei einem internationalen Symposium über die »Zukünfte der Moderne« in der Münchner Universität, die Aula übervoll, mit vielen jungen Leuten. Geehrt werden sollte damit der Soziologe Ulrich Beck, Autor der Risikogesellschaft von 1986 und Promotor eines neuen »Kosmopolitismus«, anlässlich seines 65. Geburtstages.
Erderwärmung, die ökologische Blindheit des neuzeitlichen Kapitalismus, die Finanzkrise mit neuen globalen Ungleichheiten in der Folge, Migrationsprobleme, das Ende des klassischen Nationalstaates, eine relativierte Rolle des Westens – das ganze brennend aktuelle Problem-Panorama bekamen die Teilnehmer von prominenten Wissenschaftlern aus New York, Paris, London dargeboten. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett übrigens warf, gegenwartsnäher als alle, einen Blick auf die wahren Opfer an der Wall Street, nämlich Zehntausende kleiner Computerbeschäftigter und Bankangestellter.
Ulrich Beck bekannte, zwingend müsse die Soziologie der Gesellschaft ein Angebot machen und sich in die Politik einmischen. Selbstverständlich nahm er deshalb jüngst wieder einmal eine Einladung von Franz Müntefering nach Berlin an. Vollkommen recht habe Beck mit seiner These, so applaudierte der SPD-Vorsitzende dem Besucher, dass man die Welt heute »transnational« sehen müsse, ein Paradigmenwechsel weg vom klassischen Nationalstaatsdenken sei überfällig. Na wunderbar! Aber weshalb macht die Politik das nicht zum großen Thema?
Debattierenswert wäre beispielsweise die These, die in München eine Schlüsselrolle spielte, dass es eine »Moderne« auch außerhalb des Westens gebe. Die Geschichte des Westens lasse sich beschreiben als Suche nach bestimmten Pfaden und Zielen, von der Finsternis zum Licht, von der Stagnation zum Fortschritt, argumentierte der New Yorker Kultursoziologe Arjun Appadurai.
Er selbst sei lange in die Falle der Technokratiegläubigkeit getappt. Der Westen müsse ablassen von etwas, was er doch für das Geheimnis seines Erfolges in der Industrie, als Staatenbilder und Welteroberer halte. Andere sprachen sogar von der Notwendigkeit eines globalen Repräsentanten, Gesetzgebers und Gerichtes.
In Berlin würde die Politik sicher erwidern, das möge im Prinzip richtig sein, aber vage, und was man damit bitte konkret anfangen solle. Ein legitimer Einwand. Man müsste auch die modische These von der Dämmerung des Westens keineswegs übernehmen. Aber sollte man darüber nicht wenigstens streiten? Politiker bekommen die Finanzmärkte nicht mit noch so kreativen Begriffen unter Kontrolle, schon klar.
Aber weshalb haben sie nicht wenigstens erfolgreich einen Wettbewerb um das richtige internationale Krisenmanagement für diese Zeiten entfacht? Wer heute steuert, die Politik oder die Ökonomie, das bleibt offen. In München war das wenigstens eine Frage. Aber in Berlin?
- Datum 31.07.2009 - 11:55 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.07.2009 Nr. 32
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Da hat der Soziologe recht. Nur wie soll einer, der sich nicht mal im eigenen Land zurecht findet, dieses in fremder Umgebung schaffen.
Wer heute kosmopolitisch denkt, ist meist bei dem Versuch gescheitert, die nationalstaatlichen Probleme lösen, und er ist auf der Suche nach einer Entschuldigung für eine matte, provinzielle und unsolidarische Politik.
Global-Prediger sind realitätsfern, selbstreferenziell, und sie verschanzen sich hinter wolkigen Gemeinplätzen.
Der "Kosmopolitismus" ist nichts anderes als die menschheitstümelnde Maske eines Neoliberalismus, der sich in allen Bereichen des Lebens einquartieren will. Diese Ideologie ist nicht eine, sondern die Gefahr für die Freiheit.
Das winzige Europa mit 25 "Nationalstaaten" und fast ebenso vielen Sprachen auf einem Gebiet kleiner als Texas oder Ontario bildet vermutlich heute schon ein antiquiertes Kuriosum in der Entwicklung der Welt. Gewiss stimmt es auch, dass die Weltwirtschaftskrise eine einmalige Gelegenheit geboten hätte, eine Europäische Union zu gründen, wenn es sie nicht längst gäbe. Die 50jährigen Geburtswehen der EU zeigen jedoch, dass dies alles so simpel nicht ist. Man kann nicht Jahrtausende alte Kulturen und Traditionen einfach per Fiat beiseite fegen. Die großen Ideen sind immer das Einfachste, aber der Teufel liegt im Detail.
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