Restaurantbesuch Wendelins Wohnzimmer
Eine warme Mahlzeit im Lokal des geschassten Porsche-Chefs Wiedeking

© Pulverschoppen
Der Pulverschoppen im münsterländischen Beckum: Wiedeking hat seine Jugendkneipe gekauft und verpachtet
Boshaft ist die Fantasie derjenigen, die den zügellosen Kapitalismus verfluchen: An einer tristen Theke soll er sitzen, der gegangen wordene Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, seinen Kummer im schlecht gezapften Pils ertränken, niedergeschlagen und einsam. Denn der Kapitalismus kennt keine Freunde, sondern nur Geschäftspartner, die keine Partner mehr sind, wenn man nicht mehr im Geschäft ist.
Und was läge da näher als die Kneipe seiner Jugend, die er vor Jahren im münsterländischen Beckum gekauft und verpachtet hat: der Pulverschoppen. Das Pils, das dort sonst für zwei Euro über den Tresen wandert, würde der Hausherr gewiss zum Vorzugspreis bekommen. Und sollte die Rekordabfindung von 50 Millionen Euro nicht in absehbarer Zeit fließen, würde ihm ein Deckel aus der ärgsten Kreditklemme helfen.
So weit die böse Fantasie. Aber der Pulverschoppen ist kein Schuppen, in dem man voller Wehmut vor die Hunde geht. Er ist ein adrettes und gutbürgerliches Gasthaus im Herzen eines ruhigen Städtchens von 37000 Einwohnern. Wiedeking hat diese heimatliche Kneipe erworben und in ein gehobenes Lokal verwandelt.
"Er ist ein bodenständiger, netter und einfacher Mensch", schwärmt Amira Rizvic, die Pächterin. Gut kann sie sich noch an den Tag erinnern, an dem ihr Wiedeking das erste Mal begegnete. Er habe im Speiseraum gesessen und mit dem vorherigen Eigentümer verhandelt.
"Wir hatten uns vorher den Kopf zerbrochen", erzählt sie. "Wie spricht man einen Wendelin Wiedeking an? Wie bedient man ihn?" Dann hätten sie gemerkt, wie nett und offen dieser Mann sei. "Er hat sogar seinen Teller beim Abräumen angereicht."
Es muss wohl zwei Wendelin Wiedekings geben: den als arrogant beschriebenen Global Player der Wirtschaftswelt und den gemütlichen Lokalpatrioten, der "gern Champignonrahmschnitzel isst und beim Karneval ein paar Bier mehr trinkt".
Wiedeking, der in Beckum aufwuchs, habe in den vergangenen Jahren immense Summen in den Pulverschoppen gesteckt, erzählt die Pächterin. Die Seifenspender auf den Toiletten sind vom Feinsten, die Wasserhähne reagieren auf jede Bewegung. Sündhaft teuer war die Musikanlage, die an diesem letzten Julisamstag Stand by Me schmettert: "I won’t be afraid. Just as long as you stand, stand by me." Beckum hält Wiedeking die Treue.
Gleichwohl finden sich an diesem Mittag nur acht Personen zum Essen ein. Vieles habe sich in den fünf Jahren unter Wiedeking verändert, hört man eine ältere Dame zu ihrer Begleitung sagen, aber das Essen sei immer noch spitze. Die Karte bietet Schnitzel, Filetspitzen, Feuerpfanne und Kalbsleber, saftige Steaks. Einen Porsche-Teller für die kleinen Gäste sucht man vergebens.
- Datum 29.07.2009 - 15:22 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.07.2009 Nr. 32
- Kommentare 2
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Zu einer "echten" Home-Story hat es hier wohl nicht gelangt?
... nun eigentlich hinter Karol Woityla anstellenm, wenn's um die Seligsprechung geht? Fände ich irgendwie ungerecht.
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