ZEITmagazin: Eine Twitter-Meldung ist 140 Zeichen lang. Haben Sie sich schon mal in der Kürze selbst beschrieben?

Sascha Lobo: Ja, aber ich habe den Text nicht veröffentlicht. Die Hälfte meiner Twitter-Beiträge dreht sich sowieso um mich selbst.

ZEITmagazin: 140 Zeichen lange Texte werden zu einer künstlerischen Gattung?

Sascha Lobo: Das Kurze ist eine unterschätzte literarische Form und in anderen Kulturen stärker verankert: Hemingways Sechs-Wörter-Geschichte, das Haiku – Texte wie Koffeintabletten! Twitter ermöglicht eine Überprüfung der eigenen Kommunikate in Echtzeit. Im Internet herrscht ein Interessanz-Diktat.

ZEITmagazin: Und was ist mit Relevanz?

Sascha Lobo: In den alten Medien heißt es: Eine Redaktion wählt aus, was sie relevant findet. In den neuen: Nur das Interessante wird weitergegeben.

ZEITmagazin: Die "Holzmedien" werden einander ähnlicher und verlieren Leser. Die unabhängigeren wie Blogs haben Zulauf?

Sascha Lobo: Das Netz kann noch keinen professionellen Journalismus bezahlen, aber er ist ein hohes Gut. In einer globalisierten Welt kann man nicht immer nur in Gießen recherchieren.

ZEITmagazin: Der Blogger kann den Pharmakonzern angreifen, die Zeitung überlegt es sich dreimal.

Sascha Lobo: Der Treibstoff des Bloggers ist Begeisterung. Er lässt vielleicht nicht locker, doch seine Mittel sind beschränkt.

ZEITmagazin: Ich habe das Gefühl, 2000 Jahre Kulturgeschichte bewegen sich zu auf den Satz "SPD-Generalsekretär Hubertus Heil twittert".

Sascha Lobo: Ja, ich habe Hubertus zum Twittern gebracht, keine Ahnung, was das für die Nachwelt bedeutet. Solche technischen Symbole werden ja oft rückwirkend aufgeladen. Eben noch war Twitter Quatsch, doch kaum wird es zur einzigen Nachrichtenquelle aus dem Iran, ist es als demokratisierendes Kommunikationsinstrument gleich heilig.

ZEITmagazin: Unsere Michelle Obama heißt Joachim Sauer. Was sagt das über das Verhältnis der deutschen Politik zum Internet?

Sascha Lobo: Obama hat das Augenmerk der deutschen Politik auf das Internet gerichtet, und alle schielen hin. Doch anders als bei uns gibt es in den USA das offen ausgespielte Show-Element. Das mündet in ein Pathos-Feuerwerk – die Frau des Präsidentschaftskandidaten hält eine Rede auf gefallene Soldaten und betet mit der Menge. Das muss man sich mal mit Joachim Sauer vorstellen. Die Deutschen wollen einen unironischen und hart arbeitenden Politiker, der auch mal sympathisch sein darf.

ZEITmagazin: Und solche Politiker beraten Sie.

Sascha Lobo: Ich bin im Online-Beirat der SPD, aber ohne Mitglied zu sein.

ZEITmagazin: Warum gerade bei der SPD?

Sascha Lobo: Weil kaum etwas schlimmer wäre, als wenn Schwarz-Gelb gewönne. Wie grauenhaft würde sich Deutschland anfühlen, wenn es immer noch von Kohl regiert würde!

ZEITmagazin: Ihr Sachverstand gehört denen, die Sie an der Macht sehen wollen?

Sascha Lobo: Genau. Ich habe nie gedacht, man dürfe mich politisch nicht verorten. Aber ich liebe, was der kanadische Künstler Gordon Monahan "Irritainment" nennt.

ZEITmagazin: Sie sind gegen die Sperrung von illegalen Web-Inhalten. Nun tauchen Sie in einem Werbespot für Vodafone auf – die Firma unterschrieb die Verträge des BKA für die Internetsperren.

Sascha Lobo: Ich bin gegen die Sperren, deshalb muss ich auch mit denen reden, die sie mitgetragen haben: dem Familienministerium, der SPD, Vodafone. Die, wie ich glaube, falsche Entscheidung ist ja womöglich nur der Beginn einer Kette von netzpolitischen Entscheidungen, auf die man Einfluss nehmen muss. Aber mein Auftritt bei Vodafone hat natürlich auch mit Geld zu tun.

ZEITmagazin: Im Netz höhnt man, für Geld gingen Sie auch mit Zensoren ins Bett.

Sascha Lobo: Mit Verhöhnungen habe ich kein Problem, das ist Teil der Netzkultur. Ich gebe mich schon lange bewusst der Lächerlichkeit preis, etwa mit dieser für viele albernen Frisur. Aber es stimmt, dass ich meine politischen Aktivitäten etwas ablöse von meinen Werbertätigkeiten.

ZEITmagazin: Da stellt sich keine moralische Frage?

Sascha Lobo: Doch. Aber ich habe sie positiv beantwortet.

ZEITmagazin: Und dazu eine "alberne" Frisur getragen.

Sascha Lobo: Es ist ein erhebendes Gefühl, wenn man sich der Peinlichkeit aussetzt. Ich bin angreifbar, aber auf meine Weise kann ich etwas kommunizieren, das mir wichtig ist.

Sascha Lobo, 34, ist Blogger und Buchautor. Was ihn beschäftigt, kann man unter anderem auf der Microblogging-Plattform Twitter verfolgen – in Form von Kurznachrichten. Roger Willemsen stellt jede Woche die Frage: "Warum machen Sie das?"