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"Mein Auftritt bei Vodafone hat natürlich auch mit Geld zu tun"

Sascha Lobo wirbt für Vodafone, eine Firma, die er selbst für einen Zensor hält. Roger Willemsen erzählt er, warum er das macht

Der Blogger und Buchautor Sascha Lobo auf der Computermesse CeBIT 2009

Der Blogger und Buchautor Sascha Lobo auf der Computermesse CeBIT 2009

ZEITmagazin: Eine Twitter-Meldung ist 140 Zeichen lang. Haben Sie sich schon mal in der Kürze selbst beschrieben?

Sascha Lobo: Ja, aber ich habe den Text nicht veröffentlicht. Die Hälfte meiner Twitter-Beiträge dreht sich sowieso um mich selbst.

ZEITmagazin: 140 Zeichen lange Texte werden zu einer künstlerischen Gattung?

Sascha Lobo: Das Kurze ist eine unterschätzte literarische Form und in anderen Kulturen stärker verankert: Hemingways Sechs-Wörter-Geschichte, das Haiku – Texte wie Koffeintabletten! Twitter ermöglicht eine Überprüfung der eigenen Kommunikate in Echtzeit. Im Internet herrscht ein Interessanz-Diktat.

ZEITmagazin: Und was ist mit Relevanz?

Sascha Lobo: In den alten Medien heißt es: Eine Redaktion wählt aus, was sie relevant findet. In den neuen: Nur das Interessante wird weitergegeben.

ZEITmagazin: Die "Holzmedien" werden einander ähnlicher und verlieren Leser. Die unabhängigeren wie Blogs haben Zulauf?

Sascha Lobo: Das Netz kann noch keinen professionellen Journalismus bezahlen, aber er ist ein hohes Gut. In einer globalisierten Welt kann man nicht immer nur in Gießen recherchieren.

ZEITmagazin: Der Blogger kann den Pharmakonzern angreifen, die Zeitung überlegt es sich dreimal.

Sascha Lobo: Der Treibstoff des Bloggers ist Begeisterung. Er lässt vielleicht nicht locker, doch seine Mittel sind beschränkt.

ZEITmagazin: Ich habe das Gefühl, 2000 Jahre Kulturgeschichte bewegen sich zu auf den Satz "SPD-Generalsekretär Hubertus Heil twittert".

Sascha Lobo: Ja, ich habe Hubertus zum Twittern gebracht, keine Ahnung, was das für die Nachwelt bedeutet. Solche technischen Symbole werden ja oft rückwirkend aufgeladen. Eben noch war Twitter Quatsch, doch kaum wird es zur einzigen Nachrichtenquelle aus dem Iran, ist es als demokratisierendes Kommunikationsinstrument gleich heilig.

ZEITmagazin: Unsere Michelle Obama heißt Joachim Sauer. Was sagt das über das Verhältnis der deutschen Politik zum Internet?

Sascha Lobo: Obama hat das Augenmerk der deutschen Politik auf das Internet gerichtet, und alle schielen hin. Doch anders als bei uns gibt es in den USA das offen ausgespielte Show-Element. Das mündet in ein Pathos-Feuerwerk – die Frau des Präsidentschaftskandidaten hält eine Rede auf gefallene Soldaten und betet mit der Menge. Das muss man sich mal mit Joachim Sauer vorstellen. Die Deutschen wollen einen unironischen und hart arbeitenden Politiker, der auch mal sympathisch sein darf.

ZEITmagazin: Und solche Politiker beraten Sie.

Sascha Lobo: Ich bin im Online-Beirat der SPD, aber ohne Mitglied zu sein.

ZEITmagazin: Warum gerade bei der SPD?

Sascha Lobo: Weil kaum etwas schlimmer wäre, als wenn Schwarz-Gelb gewönne. Wie grauenhaft würde sich Deutschland anfühlen, wenn es immer noch von Kohl regiert würde!

ZEITmagazin: Ihr Sachverstand gehört denen, die Sie an der Macht sehen wollen?

Sascha Lobo: Genau. Ich habe nie gedacht, man dürfe mich politisch nicht verorten. Aber ich liebe, was der kanadische Künstler Gordon Monahan "Irritainment" nennt.

ZEITmagazin: Sie sind gegen die Sperrung von illegalen Web-Inhalten. Nun tauchen Sie in einem Werbespot für Vodafone auf – die Firma unterschrieb die Verträge des BKA für die Internetsperren.

Sascha Lobo: Ich bin gegen die Sperren, deshalb muss ich auch mit denen reden, die sie mitgetragen haben: dem Familienministerium, der SPD, Vodafone. Die, wie ich glaube, falsche Entscheidung ist ja womöglich nur der Beginn einer Kette von netzpolitischen Entscheidungen, auf die man Einfluss nehmen muss. Aber mein Auftritt bei Vodafone hat natürlich auch mit Geld zu tun.

ZEITmagazin: Im Netz höhnt man, für Geld gingen Sie auch mit Zensoren ins Bett.

Sascha Lobo: Mit Verhöhnungen habe ich kein Problem, das ist Teil der Netzkultur. Ich gebe mich schon lange bewusst der Lächerlichkeit preis, etwa mit dieser für viele albernen Frisur. Aber es stimmt, dass ich meine politischen Aktivitäten etwas ablöse von meinen Werbertätigkeiten.

ZEITmagazin: Da stellt sich keine moralische Frage?

Sascha Lobo: Doch. Aber ich habe sie positiv beantwortet.

ZEITmagazin: Und dazu eine "alberne" Frisur getragen.

Sascha Lobo: Es ist ein erhebendes Gefühl, wenn man sich der Peinlichkeit aussetzt. Ich bin angreifbar, aber auf meine Weise kann ich etwas kommunizieren, das mir wichtig ist.

Sascha Lobo, 34, ist Blogger und Buchautor. Was ihn beschäftigt, kann man unter anderem auf der Microblogging-Plattform Twitter verfolgen – in Form von Kurznachrichten. Roger Willemsen stellt jede Woche die Frage: "Warum machen Sie das?"

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Leser-Kommentare

  1. Sich selbst. Er kann sich wunderbar verkaufen. Wenn niemand ihn nach seiner Frisur fragt, erwähnt er sie selber. Vielleicht kann er uns den Gefallen tun, direkt bei Scholz und Dings einzusteigen, anstatt auf antiestablishment zu machen, um sich dem Nächstbesten an den Hals zu werfen, der die Brieftasche aufmacht.

  2. ... er "die Sache" nicht verrät, ist mir egal, ob er nebenbei noch etwas Geld damit verdient. Wenn er aber anfängt, sich von seinen bzw. den behaupteten Grundsätzen zu verabschieden, weil er Angst um seinen Gewinn hat, sollte er abgelöst werden. Ich sehe das recht pragmatisch. Wer kritisch denkt, braucht trotzdem kein Vodafone Produkt kaufen.

    Ich weiß über Lobo eigentlich nicht viel, weil mich diese Selbstdarsteller nicht interessieren. Vielleicht bedient er auch nur geschickt beide Seiten?!

  3. Handy:
    Mannesmann-Arcor / D2 war unser erster Mobilfunkanbieter. Wir waren immer zufrieden und konnten nicht klagen.

    Dann übernahm Vodafone den Laden - und plötzlich wurde alles irgendwie tricky - man spürte förmlich, wie sie hinter unserem Geld her waren.

    Nie wieder Vodafone ! sagten wir uns und sparten mit Callmobile bzw. Simyo vom ersten Tag an Geld.

    Internet:
    Arcor ist seit ewigen Zeiten unser Internet-Provider. Seit der Übernahme durch Vodafone stieg unsere Unzufriedenheit deutlich. Dass eine Vertragsanpassung nur noch mit 24 Vertragsverlängerung möglich ist, setzte dem ganzen die Krone auf.

    Dass Vodafone die Internetzensur sofort freiwillig einführen wollte, passt ins Bild.

    Vodafone ? Nein danke.

    • 02.08.2009 um 10:15 Uhr
    • lomexx

    Mal abgesehen von allem Anderen, was man über dieses Interview sagen könnte, ein Wort zu Herrn Willemsen und seiner Fragetechnik. Nur ein Beispiel:

    "Unsere Michelle Obama heißt Joachim Sauer. Was sagt das über das Verhältnis der deutschen Politik zum Internet?"

    Ähm... nichts? Was hat das eine mit dem Anderen zu tun? Und was sagt es über Herrn Lobo, dass er - statt als Reaktion auf diesen Nonsens einfach nur ratlos zu schweigen - sofort los schwurbeln kann?

    Immer wieder überrascht

    L.

  4. (entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Die Redaktion / tr.)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Zensur   madamef

    Warum darf man Lobo , Gockel und Frisur nicht in einem Satz nennen?
    Ich finde das nicht beleidigend.

  5. Kenne als Internetgreis diesen bei Insidern scheinbar sehr bekannten Blogger Lobo nicht. Das, was ich nun von ihm kennengelernt habe, reicht, um nicht mehr von ihm kennenlernen zu wollen.

    So einfach ist das: '...deshalb muß ich auch mit denen reden, die sie (Internetsperren) mitgetragen haben.'
    Mit ihnen reden heißt also, für sie Werbung machen. Interessante Auslegung.
    Ich würde sagen, es hat NUR mit Geld zu tun.

    Na ja, auch ein grüner Ex-Umwelt- und Außenminister namens Fischer steht ja mittlerweile u.a. bei einem Energieversorger in Lohn und Brot, den er einst scharf kritisierte. Eine Häutung mehr!

    Man verliert allmählich jedwede Illusion.
    Oder bin ich einfach nicht fähig, Standpunkte neu zu überdenken, zu bewerten?

    (... editiert. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Die Redaktion / tr.)

  6. offen ausspricht und zugibt (auch sich selbst gegenüber), wird es dadurch nicht moralisch vertretbarer....

  7. 8. Zensur

    Warum darf man Lobo , Gockel und Frisur nicht in einem Satz nennen?
    Ich finde das nicht beleidigend.

    Antwort auf "Herr Lobo"
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  • Von Roger Willemsen
  • Datum 1.8.2009 - 16:39 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 30.07.2009 Nr. 32
  • Kommentare 12
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