Sie soll in kleineren Runden gerne einmal einen Witz erzählen und den einen oder anderen guten Spruch machen. Besonders ihre Imitationen ausländischer Staats- und Regierungschefs zumal östlicher Provenienz und glamourös-autoritären Zuschnitts erfreuen sich unter Insidern großer Beliebtheit. Es sind echte Kabarettkompetenzen, die der deutschen Bundeskanzlerin attestiert werden: Ihre Witze seien besser als alle Witze über sie.

Nun sind über Angela Merkel aber überhaupt keine einschlägigen Witze in Umlauf. Schwer vorstellbar, dass sie es jemals auch nur zu einem passablen Spitznamen bringen könnte. Und auch auf den Kabarettbühnen der Republik fristet die deutsche Bundeskanzlerin ein Schattendasein. Ihre dortige Präsenz entspricht ihrem politischen Gewicht jedenfalls nicht annähernd, was darauf schließen lässt, dass Merkel mit den Mitteln der Satire kaum dingfest zu machen ist. Der Verdacht liegt nahe, dass diese satirische Ungreifbarkeit einer Person mit ausgewiesener parodistischer Kompetenz einem politischen Kalkül entspringt.

Tatsächlich lässt sich das Gerücht von der nicht kabarettisierbaren Kryptokabarettistin Merkel als aufschlussreiches Indiz für den Umgang der Kanzlerin mit den Repräsentationsformen von politischer Macht und Herrschaft lesen. Es erzählt davon, dass Merkel solche Repräsentationsformen lediglich als persönliche Schrullen ihrer Kollegen begreifen will, die sie in halb öffentlichen Kreisen gekonnt der Lächerlichkeit preisgibt.

Dass sie selbst als weitgehend unverlachbar gilt, hängt damit eng zusammen. Denn Merkel hat ihre eigene Person von Anfang an nicht allein als un-, sondern vielmehr als antirepräsentativ angelegt. Sie hat die Herstellung einer symbolischen Einheit zwischen ihrer Person und ihrer Funktion systematisch verweigert – und so verkörpert sie bis heute die ihr übertragene Macht gerade nicht. Sie bekleidet ein hohes politisches Amt, indem sie es unbekleidet lässt. Merkel ist die buchstäblich Unscheinbare, da sie offenbar unter keinen Umständen scheinen will, was sie ist.

Das politische Kabarett lebt nun aber davon, dass es die Erscheinungsformen von Politikern auf die Schippe nimmt. Es muss sein Publikum stets aufs Neue davon überzeugen, dass der Person des Politikers kein höheres oder gar transzendentes Prinzip eignet. Im Gegenzug hat es über eine Politikerin kaum noch etwas zu sagen, wenn sie diese Position gar nicht erst für sich beansprucht.

Das Dilemma, dem Angela Merkel das politische Kabarett aussetzt, ist für das Problem der Verkörperung von Macht in den westlichen Demokratien durchaus symptomatisch. Streng genommen darf die Demokratie, die die Souveränität von der Figur eines einzigen Herrschers losgelöst und sie an das Volk und an das Parlament delegiert hat, solche Verkörperungen gar nicht mehr kennen: Sie widersprechen dem demokratischen Selbstverständnis. Dennoch wirken sie seit dem Aufkommen des modernen Staatswesens so subtil wie unbewusst nach und fort.

Ursprünglich waren es die europäischen Monarchien, die den Körper ihres jeweiligen Königs über Jahrhunderte substanziell aufgeladen hatten, indem sie eine absolute Einheit von Körperlichkeit und Macht behaupteten. Als Stellvertreter Gottes auf Erden war der Körper des Königs selbst heilig, nur ein Teil dieses Körpers wurde als sterblich begriffen, ein anderer, wesentlicherer Teil ging nach seinem Tod auf seinen Nachfolger über.