Nichts gegen Fatma. Im Gegenteil. Wir verstehen uns gut. Wir mögen und wir vertrauen einander. Wir haben einige wenige Gemeinsamkeiten – und vieles, was uns trennt. Wir leben, obwohl nur knapp 300 Kilometer voneinander entfernt, in zwei völlig verschiedenen Welten. Fatma und ich sind uns dessen bewusst. In der Debatte über Migration und Integration schmelzen sie und ich dennoch zusammen zu einer Person. Da sind wir beide muslimische Migrantinnen und gelten automatisch als fremd, unterdrückt und hilfsbedürftig.

Etwa 15 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln leben in Deutschland. Sie wohnen in Großstädten oder Dörfern, sie sind jung oder alt, gebildet oder nicht, arm oder reich oder irgendetwas dazwischen, sie glauben an Allah, Jesus, Buddha oder an gar niemanden, die allermeisten von ihnen sind friedlich, ganz wenige liebäugeln mit Gewalt. Etwa 15 Millionen unterschiedliche Männer und Frauen also – und doch kommen sie in Politikerreden und Medienberichten ganz oft als eine homogene Gruppen mit gleichen Eigenarten und gleichen Bedürfnissen daher, man dichtet ihnen die gleichen Probleme an und diskutiert gleiche Lösungen für sie.

Wie absurd das ist, können Fatma und ich an uns selbst studieren. Sie, die tiefgläubige Muslimin, trägt Kopftuch, betet, fastet. Ich, die ungläubige Muslimin, halte mich an keines dieser Gebote. Sie, die Kurdin, ist vor elf Jahren aus dem Südosten der Türkei in eine kleine Stadt nahe Ludwigshafen geflohen. Ich bin als Tochter eines Iraners und einer Deutschen in Freiburg geboren, in Deutschland, der Schweiz und Iran aufgewachsen und lebe in Köln. Sie, das kluge Kind armer Bauern, durfte nie zur Schule gehen und sorgt als Hausfrau für ihren Mann, einen Hilfsarbeiter, und die neun Kinder. Mir, der Tochter zweier Ärzte, wurden alle Chancen in die Wiege gelegt. Ich habe Jura studiert und arbeite als Journalistin. Fatmas Familie hat nur ein vorläufiges Aufenthaltsrecht und fürchtet ständig, abgeschoben zu werden. Meinen Kindern, meinem Mann und mir garantiert die deutsche Staatsbürgerschaft ein sicheres Leben hier.

Fatmas Kinder sind aufgeweckt und fleißig, sprechen aber nicht fehlerfrei Deutsch und haben es deshalb – bis auf einen hochbegabten Sohn – nur auf die Hauptschule geschafft. Fatma hofft inständig, irgendwann lesen und schreiben zu lernen und sich dann zur Krankenschwester ausbilden zu lassen. Leider ist ihr Mann dagegen.

Fatma braucht einen möglichst kostenlosen Sprachkurs in ihrer Nähe. Ihre Kinder würden es mit etwas Nachhilfe, die die Familie sich nicht leisten kann, aufs Gymnasium schaffen. Interkulturell geschulte, türkisch sprechende Familienberater, die man in dieser ländlichen Gegend vergebens sucht, könnten, im Kontakt mit den beiden Eheleuten, Fatmas Wunsch nach beruflicher Qualifizierung unterstützen. Ihre Familie würde sich hier wirklich zu Hause fühlen, wenn sie ein unbegrenztes Bleiberecht bekäme.

Anders ausgedrückt: Für Menschen wie Fatma muss der Staat eine gezielte Integrationspolitik betreiben. Für jemanden wie mich nicht. Das ist nicht Fatmas Schuld und nicht mein Verdienst. Es liegt schlicht an den völlig unterschiedlichen Verhältnissen, in die sie und ich hineingeboren wurden.

In vielen Veranstaltungen zum Thema Integration, in ungezählten Parlamentsdebatten, Talkshows, Zeitungs- oder Rundfunkbeiträgen spielen die Unterschiede zwischen den vielen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte so gut wie keine Rolle. Die soziale Herkunft dieser Männer und Frauen kommt selten zur Sprache. Dass in der Regel gute und weniger gute Lebensumstände mehr oder weniger Integration bedeuten, fällt häufig unter den Tisch. Im öffentlichen Diskurs um Integration verläuft die Trennlinie nicht entlang der Teilhabechancen. Sie verläuft entlang der ethnischen Wurzeln. Und da wird verallgemeinert, was das Zeug hält.