Integration Wir sind nicht alle Fatma!Seite 2/2

Ich ärgere mich nur. Andere, die nicht in der komfortablen Lage sind, ihren Standpunkt in der Zeitung oder dem Rundfunk vertreten zu können, sind richtig wütend. Da hat es der Sohn eines türkischen Verpackers zum leitenden Ingenieur in einem großen Bauunternehmen gebracht, seine Töchter sprechen fließend Deutsch – trotzdem steckt die Schule sie in Förderstunden für Einwandererkinder. Da koordiniert der Politikwissenschaftler aus Eritrea große Projekte für eine Entwicklungshilfeorganisation – dennoch wird er bei fast jeder Polizeikontrolle intensiv nach Drogen gefilzt. Da ist der iranischstämmige Arzt, selbst ein engagiertes Mitglied der Exil-Opposition gegen das Teheraner Regime – er muss bei jedem islamistischen Attentat auf der Welt besorgten Nachbarn oder Kollegen versichern, dass er selbst solchen Terror natürlich strikt ablehnt.

Was sollen wir eigentlich noch machen, fragen diese Menschen, um als Orkan, Dereje oder Bahman wahrgenommen zu werden und nicht als armer Vater lernschwacher Kinder, als Heroindealer oder als gewaltbereiter Extremist? Wir befolgen die Gesetze dieses Landes, respektieren die Traditionen, nehmen deutsche Gebräuche an. Uns mit euch Ursprungsdeutschen auf eine Stufe stellen, das dürfen wir Nicht- oder Neudeutschen trotz alledem nicht. Ihr redet über uns, als wären wir Kinder, denen man noch viel beibringen muss. Ihr mahnt unsere Integration an, als hätten wir die nicht schon längst vollzogen. Für euch sind wir keine Individuen, sondern nur Masse. Einer für alle, alle für einen: Was ein Mensch mit ausländischen Wurzeln tut oder lässt, müssen sich die anderen Menschen mit ausländischen Wurzeln anrechnen lassen.

Warum tut Deutschland sich so schwer, Menschen mit Zuwanderungsgeschichte differenziert zu betrachten? Weshalb bebildern durchaus angesehene Medien jeden Bericht über Integration mit kopftuchtragenden Frauen oder bärtigen Männern in der Moschee? Wieso ignorieren manche Amts- und Mandatsträger, Publizisten oder Journalisten beharrlich simpelste Fakten wie diese: Die Türken bilden nach den Aussiedlern zwar die zweitgrößte Zuwanderergruppe in Deutschland – aber eben nicht die einzige. Bildungsfern, arm und des Deutschen nur ungenügend mächtig: Ohne Zweifel trifft das auf zu viele Migranten zu – aber längst nicht auf alle. Außerdem leiden die, auf die so viele spitze Finger zeigen, am meisten darunter, dass es jahrzehntelang praktisch keine Integrationspolitik gab und unser ungerechtes Schulsystem ihre Chancen auf ein zufriedenstellendes Leben reduziert. Rund vier Millionen Muslime gibt es in Deutschland – und sie sind überwiegend gut integriert. Ehrenmorde kommen vor. Aber sie lassen sich, so schlimm jeder einzelne Fall ist, nicht hochrechnen zu einem Phänomen, typisch für Zuwanderer in Deutschland.

Kein vernünftiger Mensch hat etwas dagegen, dass Missstände, die Einwanderung mit sich bringen kann, politisch aufgegriffen werden. Wer aber redlich an dieses Unterfangen herangeht, der verlangt nicht nur bildungsfernen Eltern ab, dass sie ihre Kinder früh in den Kindergarten schicken, damit sie Deutsch lernen. Wer redlich an dieses Unterfangen herangeht, der setzt sich ebenso dafür ein, dass ein ukrainischer Physiklehrer mit jahrelanger Berufserfahrung in seiner Heimat hier nicht noch einmal studieren muss, weil deutsche Behörden sein Diplom ignorieren. Mit anderen Worten: Wer redlich herangeht, der differenziert.

Eigentlich liegt die Sache doch auf der Hand: Sowenig es die Ursprungsdeutschen gibt, so wenig gibt es die Migranten. Wir sind sehr viele sehr verschiedene – und ein Teil des Ganzen. Das zu erkennen ist ganz einfach. Man muss nichts weiter tun als: hinschauen.

 
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