Was war das, im August vor einem Jahr: ein Ausbruch russischer Großmachtambitionen? Ein neuer Kampf zwischen den USA und Russland um Einflusssphären? Gar die Wiederkehr eines Kalten Krieges, eines ideologischen Gegensatzes, der die Weltpolitik prägen könnte?

Russische Panzer schleppten sich durch georgische Landschaften, machten erst unweit der Hauptstadt halt und luden so einen regionalen Konflikt zu einer internationalen Angelegenheit auf: Der damalige US-Präsidentschaftskandidat John McCain wollte Russland aus der G8 werfen, die Nato fror ihre Zusammenarbeit mit Moskau ein, die Ex-Satellitenstaaten erklärten ihre Solidarität mit Georgien. Und der russische und der amerikanische Botschafter gingen im UN-Sicherheitsrat aufeinander los, als wären sie inmitten der Kubakrise.

Wie anders sieht die Welt heute aus: Mit George W. Bush und Wladimir Putin sind zwei Präsidenten abgetreten, die zur Generation der Kalten Krieger gehörten. Ihre Nachfolger brachten neue, postideologisch sozialisierte Berater mit. Russland spielt in der G8 mit, es kooperiert mit der Nato. Barack Obama reist mit seiner Familie nach Moskau, und der russische Präsident Dmitrij Medwedjew strahlt wie ein Kind ob seiner Besucher. Der georgische Präsident dagegen kann sich freuen, wenn er überhaupt noch ins Ausland eingeladen wird. Als Michail Saakaschwili in den ersten Kriegstagen zufällig gefilmt wurde, wie er sich wirr vor Sorge seine Krawatte in den Mund stopfte, dürfte er geahnt haben, dass er im Westen bald schon kein gern gesehener Gast mehr sein würde. Immerhin war er derjenige, der bei Nacht den Befehl zum Angriff auf Südossetien gab und so den Konflikt provozierte.

Heißen die wahren Probleme nur noch Klima, Abrüstung und Terror?

Eine grundlegende Konfrontation zwischen Russland und den USA blieb aus – auch deshalb, weil sie sich niemand leisten konnte. Die Weltfinanzkrise setzt Amerikanern wie Russen zu, die USA hatten noch nie mehr Schulden und mehr Aufgaben zu bewältigen, das Öl-Imperium Russland leidet unter den lächerlich niedrigen Rohstoffpreisen – und zwei der größten internationalen Probleme können die beiden Staaten nur gemeinsam lösen: einen nuklear aufrüstenden Iran stoppen und den Afghanistankrieg nicht verlieren.

Doch die Harmonie mit Russland hat ihren Preis – sie funktioniert nur durch Verdrängung. Russland hat seit dem vergangenen August gegen so gut wie jeden Punkt des Friedensabkommens verstoßen, das die Europäische Union ausgehandelt hatte. Es hat die georgischen Republiken Abchasien und Südossetien als eigenständige Staaten anerkannt. 7500 russische Soldaten »sichern« dort noch immer die Grenzen. Es hat die OSZE-Mission beendet und führt die EU-Beobachter vor, die ausgerechnet nicht in die umkämpften Gebiete dürfen, um zu berichten, was dort geschieht. Und noch immer betreibt Russland die pasportizacija, die Ausgabe russischer Pässe im Ausland, um im Ernstfall seine frisch gewonnenen Staatsbürger auch zu verteidigen. Die EU und die USA sehen darüber hinweg – zum Entsetzen vieler mittelosteuropäischer Staaten. Diese sprangen im vergangenen August Georgien zur Seite, weil sie fürchteten, als Nächste dran zu sein. »Wir wissen, was es heißt, alleingelassen zu werden«, sagte der estnische Präsident damals in der ZEIT.

Kurz vor Obamas Besuch in Moskau und dem ersten Jahrestag des Krieges riskierten Amerikas treueste Verbündete eine kleine Eskalation, um den Ausverkauf ihrer Interessen zu verhindern. Ehemalige Präsidenten und Minister aus dem Baltikum, Tschechien, der Slowakei und Polen schrieben an Obama einen offenen Brief und forderten, ihre Region, »New Europe«, nicht zu vergessen; die Freiheit, die sie erst 20 Jahre zuvor erkämpft hätten, sei noch lange nicht sicher.