Für den »coolsten Berg Salzburgs«, das Kitzsteinhorn, garantiert die Fremdenverkehrswerbung ganzjährige Schneesicherheit. Inmitten weißer Pracht und unter blitzblauem Himmel, suggerieren die Prospekte, würden die glückstrahlenden Skitouristen »3000 Meter über den Dingen stehen«. Da scheint etwas Wahres dran zu sein. Wenn auch nicht im Sinn des Dichterwortes.

Nichts in dem alpinen Paradies darf mehr an den 9. November 2000 erinnern. Am Morgen dieses Unglückstages verbrannten bei der schlimmsten Katastrophe der österreichischen Nachkriegsgeschichte 155 Menschen im Tunnel der Kapruner Gletscherbahn, die sie zum Gipfel bringen sollte. Die Bilder von den ausgeglühten Kabinentrümmern und den verkohlten Leichenresten lösten weltweit einen Schock aus. Die Suche nach den Verantwortlichen begann, schon allein, um den Schaden für die österreichische Tourismusindustrie einzudämmen.

Die Suche endete knapp vier Jahre später mit dem Freispruch aller 16 Angeklagten. »Da hat Gott für einige Minuten im Tunnel das Licht ausgemacht«, begründete Einzelrichter Manfred Seiss das verständnisvolle Urteil. Weder die Geschäftsführung der Gletscherbahnen AG noch die Prüforgane, welche die Konstruktion bewilligt hatten, treffe irgendeine Schuld. Verantwortlich sei vielmehr ein simples Haushaltsgerät, ein Heizlüfter aus deutscher Produktion, der in die Kabine eingebaut worden war.

In einem außergerichtlichen Vergleich wurden vor zwei Jahren zudem die Hinterbliebenen der Opfer mit rund 11,5 Millionen Euro abgefunden. Nun wollte auch die damalige Justizministerin Maria Berger einen endgültigen Schlussstrich unter die Katastrophe ziehen, sprach von »Rechtsfrieden« und feierte die Übereinkunft als ein »greifbares Zeichen der Anteilnahme und des Respekts«.

Indes, auch nach neun Jahren herrscht noch kein Rechtsfrieden, und das Flammeninferno beschäftigt weiterhin die Justiz. Bei der Staatsanwaltschaft Linz ist eine Strafanzeige gegen jene vier Gutachter anhängig, auf deren Expertise sich der Freispruch vor fünf Jahren gestützt hatte. Der Verein Gerechtigkeit für Kaprun, getragen von Hinterbliebenen, deutschen Gutachtern und einem empörten Wiener Anwalt, wirft den Sachverständigen Korruption, Amtsmissbrauch und vorsätzliche Strafvereitelung vor, will eine Wiederaufnahme des Prozesses erreichen und verhindern, dass der Fall im Juni 2010 verjähren kann.

Der »primäre Handlungsort« des Infernos liegt plötzlich in Deutschland

Allerdings haben es sich die Gletscherbahnbetreiber selbst zuzuschreiben, dass nach wie vor nicht Rechtsfrieden eingezogen ist. Kaum hielten sie ihren Persilschein aus dem Kaprun-Prozess in Händen, hinterlegten ihre Anwälte bei der Staatsanwaltschaft Salzburg eine Strafanzeige gegen den Hersteller des Heizlüfters, der angeblich das Unheil verursacht hatte, die Fakir-Hausgeräte GmbH mit Sitz in dem schwäbischen Fachwerkstädtchen Vaihingen an der Enz. Durch eine Verurteilung, die dem Vorbild der österreichischen Rechtsfindung gefolgt wäre, hofften sie, die Möglichkeit zu erhalten, zu einem späteren Zeitpunkt zivilrechtlich Schadensersatzansprüche in Millionenhöhe einklagen zu können.

Die Salzburger Juristen ersuchten daraufhin ihre Kollegen bei der in Deutschland zuständigen Staatsanwaltschaft Heilbronn, gegen Fakir wegen »fahrlässiger Herbeiführung einer Feuersbrunst« und »fahrlässiger Gemeingefährdung« zu ermitteln. Das Übernahmeersuchen wurde mit der geografisch bemerkenswerten These begründet, zufolge der neuen Erkenntnisse sei nun nicht mehr Kaprun, sondern Deutschland der »primäre Handlungsort« der Katastrophe.

Doch die bauernschlauen Tourismusunternehmer hatten Pech. Das Bundesland Baden-Württemberg setzte Sonderermittler der Kriminalpolizei ein, die feststellten, dass die Firma Fakir ihren Heizlüfter ausschließlich für private Nutzung in Wohnräumen zugelassen hatte. Außerdem meinten sie bei der Ursachenanalyse entdeckt zu haben, dass wichtige Untersuchungen auf richterliche Anordnung unterlassen worden und Beweismittel verschwunden seien. Auf 55 Seiten erklärten die Heilbronner ihr Ermittlungsergebnis: Es läge nicht einmal ein Anfangsverdacht vor, mithin werde auch kein Verfahren eingeleitet.

Der juristische Ausflug bescherte der Gletscherbahnen AG doppeltes Pech. Fakir beauftragte nämlich seinerseits den Stuttgarter Sachverständigen Hans-Joachim Keim, die Entstehung der Feuersbrunst von Kaprun zu untersuchen. Gemeinsam mit seinem Kollegen Bernhard Schrettenbrunner vertiefte sich Keim in Normen, Vorschriften und die 106 Ordner des Gerichtsaktes. Ihr 800 Seiten dickes Gegengutachten legt den Schluss nahe, dass die Bemühung, Fakir zur Verantwortung zu ziehen, jeder Grundlage entbehre. Fazit der Sachverständigen aus Stuttgart: »Im Prozess in Österreich wurde zielgerichtet versucht, Tatsachen zu vertuschen und zu unterdrücken.«

Brennendes Öl schoss wie der Strahl eines Flammenwerfers in die Kabine

Für die Kapruner endete das Unternehmen Rückvergütung somit in einem Desaster. Sowohl deutsche Staatsanwälte, Polizeiermittler als auch Gutachter mochten den inkriminierten Heizlüfter höchstens indirekt für den Ausbruch des Infernos verantwortlich machen. Vielmehr rekonstruierten sie eine kausale Kette verhängnisvoller Mängel und Nachlässigkeiten, die zu der Katastrophe geführt habe.