Europas moderne Demokratie speist sich aus vielen Quellen. Zu ihnen gehören Italiens Stadtrepubliken. Daran erinnert jetzt die viel geliebte Stadt Siena in der Toskana. Sie feiert in den kommenden acht Monaten, von September dieses Jahres bis zum Mai 2010, den 700. Geburtstag ihrer Verfassung. Genau genommen ist diese Verfassung sogar noch um einiges älter, 1296 war die Constitutio auf Lateinisch erschienen. Aber ins Italienische übersetzt – und damit auf ganz neue Weise wirksam und verpflichtend – wurde sie erst in jenem historischen Sommer von 1309.

Damals hatten die Stadtväter von Siena nämlich nicht nur die Übersetzung des kostbaren Dokuments verfügt, das alle Rechte und Pflichten für Adelige, Bürger und Behörden festlegt und zahlreiche Vorschriften fürs städtische Leben enthält (wie zum Straßenverkehr und zur Hygiene). Sondern sie bestimmten auch, dass diese Übersetzung in einem Saal des Palazzo Pubblico ausgestellt wurde. Damit niemand das Werk klaute, sicherte man es, wie bei wertvollen Büchern damals üblich, mit einer Kette.

Für ebenjenes mächtige gotische Rathaus schuf Ambrogio Lorenzetti dreißig Jahre später, zwischen 1337 und 1339, seinen berühmten Freskenzyklus über »die Wirkungen der guten und der schlechten Regierung«. Lorenzetti hatte von den »Nove«, den neun regierenden Beamten Sienas, den Auftrag bekommen, die Vorzüge der Republik malerisch zu rühmen. So stellte er auf der linken Seite, an der südlichen Wand, die Tyrannei dar. Die »schlechte Regierung« wird repräsentiert durch eine schwarz gekleidete, schielende Herrscherfigur mit Hörnern und Fangzähnen. Sie sitzt zwar königsgleich auf einem Thron, hält aber anstelle eines Zepters einen Dolch in der rechten Hand, und Justitia liegt gefesselt am Boden. Zu beiden Seiten des Tyrannen tummeln sich allerhand Gestalten: Gewalt und Betrug.

An der nördlichen Wand des Saales aber wird alles gut. Die Gestalt des Buon Governo trägt ein Gewand in Sienas Stadtfarben, und gleich fällt, ihr zur Seite, der Frieden ins Auge, »Pax«: eine weiß gekleidete Dame, barfuß auf einem Diwan sitzend, den Kopf bequem in die rechte Hand gestützt. Versonnen geht der Blick in die Ferne. Darunter hat Lorenzetti die Concordia porträtiert, die Eintracht, über ihr, auf gleicher Höhe mit dem Frieden, Frau Justitia, hier nun kostbar gewandet und das güldene Haar im Zopf elegant um den Kopf gelegt. Die beiden übrigen Wände zeigen die Folgen guter und schlechter Regierung: friedliches Alltagsleben in einem wundervollen Sieneser Stadtpanorama auf der einen, Gewalt und Ungerechtigkeit auf der anderen Seite.

Der Saal, der zu den großen Kostbarkeiten Italiens zählt, ist eine einzige Huldigung an Sienas politische Ordnung. Ganz im Sinne des neuen Humanismus feiern Lorenzetti und seine Auftraggeber sie als zivilisatorisches Werk, das alle Finsternisse der Vorzeit hinter sich lässt und von der Hoffnung kündet, dass eine lange, verworrene, dunkle Geschichte zu einem glücklichen Abschluss kommt.

Denn in der Tat waren im Anfang nur Mythos und Legende. Die Gründung der einstigen Etruskerstadt erinnert an die sagenhafte Entstehung Roms. Die beiden Städte haben ein gemeinsames Wappentier: die nährende Wölfin. Hießen deren Menschenkinder in Rom Romulus und Remus, so waren es hier Senius und Ascanius – die Söhne des Remus, ebenfalls Zwillinge. Im Streit erschlug Romulus seinen Bruder Remus. Auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Onkel, so heißt es, hätten die beiden vaterlosen Knaben eine Skulptur der kapitolinischen Wölfin mitgenommen und auf einem Hügel in der Toskana ein wehrhaftes Kastell errichtet. Diese Burg, das Castel Senio, auch Castelvecchio genannt, gilt als Urzelle Sienas; das Dommuseum zeigt noch heute eine marmorne Wölfin.