Kulturgeschichte Ach, Siena!Seite 4/4

Das wohl eindrucksvollste Beispiel für Sieneser Unternehmergeist gab Agostino Chigi, Il Magnifico, der Prächtige, genannt. 1465 geboren, ging er als 22-Jähriger mit seinem Vater nach Rom, wo beide sich als Geldhändler selbstständig machten. 1509 wurde Agostino Chef der angesehenen römischen Bank der Spanocchi. Innerhalb weniger Jahre richtete er Filialen in London, Lyon, Amsterdam und Konstantinopel ein und war bald Eigentümer von etwa hundert Frachtschiffen. Da der Handel mit Alaun äußerst ertragreich war, pachtete Chigi die päpstlichen Alaunminen bei Tolfa in Latium und sicherte sich zudem durch einen zinslosen Kredit an die Republik Venedig eine Monopolstellung im Alaunimport aus Kleinasien, der über die Lagunenstadt abgewickelt wurde. Selbstverständlich förderte er die Künste. Als 1507 Papst Julius II. Chigi erlaubte, in der römischen Kirche Santa Maria del Popolo eine Grabkapelle zu bauen, betraute der Bankier seinen Freund Raffael mit der Ausstattung.

Zu diesem Zeitpunkt war die erste Verfassung, war die Ära der »Neun« fast schon vergessen. Längst befand sich Siena in einem permanenten Alarmzustand. Rund siebzig Jahre hatten die Neun regiert. Es war eine gute Zeit gewesen. Doch hatte es nicht ausbleiben können, dass eine neue Oligarchie entstanden war. Auch wollte der alte Adel zurück an die Regierung und suchte die Koalition mit dem einfachen Volk. 1355 wurden die Neun gestürzt und durch einen Zwölferrat ersetzt.

Seither stritten Adelige und Kaufleute, Bankiers und Handwerker munter um die Macht, in immer neuen Koalitionen, Putschen und Gegenputschen. Überdies sah sich die Republik im ewigen Streit mit Florenz gezwungen, 1389 ein Bündnis mit dem Mailänder Herzog Gian Galeazzo Visconti einzugehen und zehn Jahre lang seine Vorherrschaft zu akzeptieren. Ein unerwartetes Glück erfuhr die Stadt hingegen ein halbes Jahrhundert später, als ein Sieneser Edelmann, Enea Silvio de’ Piccolomini, zum Papst gewählt wurde. Der hochgebildete Poet, Professor, Diplomat und Bonvivant, nebenbei Gründer der Universität Basel, nannte sich Pius II. – und drängte das christliche Europa zum Krieg gegen die Türken, die 1453 Konstantinopel erobert hatten.

Zu dieser Zeit bekam der Adel wieder Oberwasser, dann, nach dem Tod des Papstes 1464, triumphierte die Volkspartei erneut. Bis zwanzig Jahre darauf der Kaufmann und Politiker Pandolfo Petrucci an die Spitze der Regierung drängte. Zwar ließ er die republikanische Staatsform intakt, weitete aber seine persönliche Macht durch Bündnisse mit Florenz und Frankreich erheblich aus. 1502 verstießen ihn die Sieneser, doch ein Jahr später war er, mit ein wenig Hilfe seiner Florentiner und französischen Freunde, wieder da. Als er 1512 sechzigjährig starb, gab’s ein Staatsbegräbnis. Aber was den Medici in Florenz gelang, blieb den Petrucci in Siena verwehrt: Sie scheiterten bei dem Versuch, sich an der Macht zu halten. Ein Mitglied der Familie musste fliehen, als man ihm Korruption nachwies, ein weiteres – ein Kardinal, der den Medici-Papst Leo X. ermorden wollte – ließ der Heilige Vater hinrichten, einen dritten Petrucci warf das Volk aus der Stadt.

Siena stellte sich erneut unter den Schutz des Kaisers. Von der Unabhängigkeit der Stadt und ihrer republikanischen Freiheit, über die jetzt eine Regierung aus zehn »Konservatoren der Freiheiten des Staates« wachte, war allerdings nicht mehr viel die Rede. Die spanische Garde Kaiser Karls V. und seine Legaten pressten Siena maßlos aus. Der Hass gegen die habsburgische Zudringlichkeit wuchs im selben Maße wie die Unzufriedenheit mit der ständig zerstrittenen Stadtregierung. 1552 kam es zur Revolte. Unterstützt durch den Widersacher der Habsburger, den französischen König Franz I., erhoben sich die Sieneser, griffen die spanische Besatzung an, entwaffneten und vertrieben sie aus der Stadt. Durch ein Abkommen mit Cosimo I. de’ Medici, dem Herzog von Florenz, zwang man die Spanier schließlich, Siena und seine Umgebung ganz zu verlassen.

Doch da hatte man den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Denn Cosimo wechselte die Seiten, griff an und eroberte, von den Spaniern unterstützt, die Stadt. Mit dem Segen von Karls Sohn, dem spanischen König Philipp II., nahm der Herzog im Juli 1557 formal Besitz von ihr. Damit war die Katastrophe eingetreten: Siena war florentinisch geworden; als Vertreter Cosimos regierte nun ein Generalleutnant. Zwar blieben das Konsistorium der Zehn und der allgemeine Rat bestehen, die Unabhängigkeit indes ging auf immer verloren, und aus der stolzen Republik wurde eine Provinzstadt im Großherzogtum Toskana. Doch davon will und davon wird man in diesem Jubeljahr in Siena nun ganz gewiss nichts hören.

Der Autor ist Schriftsteller und lebt in Hamburg

 
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