Hamburg Wo die Eisenten wohnen

Reetdachhäuser, Polospieler und abends tote Hose? Anmerkungen zu acht Vorurteilen über Blankenese

Blankenese

Das Treppenviertel mit dem Süllberg

1. Blankenese hat gerade ein Imageproblem.
Stimmt. Schon wenige Kilometer elbaufwärts ist das nicht zu überhören. »Ich will«, schreit der Chor der armen Schweine im Deutschen Schauspielhaus, »ich will Blankenese als Mülldeponie!« Die Laiendarsteller in Volker Löschs Stück Marat – was ist aus unserer Revolution geworden? meinen es blutig ernst mit ihrem Umnutzungsvorschlag. Eimerweise haben sie sich vor ihrer rebellischen Tirade eine rote Brühe über den Kopf geschüttet. Für sie, Hartz-IV-Empfänger, Arbeitslose, Altersarme, ist der Stadtteil im Westen Hamburgs ein Reichen-Ghetto, unerreichbar. Viele der armen Choristen haben nicht mal das Geld für den S-Bahn-Fahrschein zum denkmalgeschützten Kopfbahnhof von 1867.

Und haben sie nicht recht mit ihrer Wut? Der Blankeneser verfügt über ein Drittel mehr Wohnraum als der durchschnittliche Hamburger. Auf dem nur knapp 500 Meter langen Abschnitt zwischen Bahnhof und dem Beginn des berühmten Treppenviertels drängen sich sechs Maklerbüros, deren Aushänge allem Krisengerede spotten: Villa mit Elbblick zu verkaufen, 4 Millionen Euro. Neubauwohnung am Strandweg zu mieten, 3200 Euro monatlich, kalt natürlich. Und jeden Morgen laufen in der beschaulichen Mörikestraße vor der katholischen Grundschule die geländegängigen SUV auf. Mit denen könnte man die Freiheit seines Geldbeutels notfalls am Hindukusch verteidigen; in Ermangelung von Gegnern und Gelände werden aber bloß die lieben Kleinen bis vors Klassenzimmer kutschiert.

Anzeige

2. Wer Blankeneser wird, hat es geschafft. Aber da kann nicht jeder kommen.
»Zum Fremdenverkehr aber rechnet hier alles, was nicht mindestens elf Jahre ansässig ist«, verfügte Blankeneses bekanntester Poet Hans Leip, der Dichter der Lili Marleen . 1932 bezog er ein Haus auf dem Süllberg und rang der Aussicht die bekanntesten Blankenese-Verse ab: »Ein Kleingebirg aus bunten Muscheln, / darüber dick die Wolken kuscheln…« Nach seiner Rechnung fehlen mir nur noch drei Jahre. Andere sind härter drauf und lassen nur denjenigen als einheimisch gelten, dessen Familie seit mindestens drei Generationen ansässig ist. Es gab mal eine Zeit, da wurde dieses Unter-sich-bleiben-Wollen zum Problem: Mitte des 17. Jahrhunderts hießen von den 45 Blankeneser Familien 18 Breckwoldt – Inzucht war bei den Nachfahren der friesischen Fischer, die hier seit dem 9. Jahrhundert ansässig waren, an der Tagesordnung. Nach und nach wuchs der treppengeäderte Häuserhaufen am Elbhang mit dem Dorf Dockenhuden oberhalb des Stroms zusammen, wo sächsische Bauern siedelten. Von da an ging es bergauf, genpool- und zahlenmäßig. Heute hat Blankenese rund 13000 Einwohner, von denen immer noch ein paar Breckwoldt heißen.

3. Blankenese ist doch bloß ein Dorf.
Ja, Gott sei Dank! »Ich geh mal schnell ins Dorf«, sage ich inzwischen auch schon, wenn ich an einem der vier Markttage zum Einkaufen gehe. »Wir fahren in die Stadt«, verkünden die Blankeneser, wenn sie sich auf die 24 Minuten lange S-Bahn-Fahrt zum Jungfernstieg machen; manche von ihnen sind dort seit Jahrzehnten nicht mehr gewesen. Warum auch? Im Dorf gibt es alles, was man von der Wiege bis zur Bahre braucht: Der Taufkessel in der evangelischen Kirche hat schon 750 Jahre in den bronzenen Beinen; und noch der Name des Bestatters, der die Asche der Verstorbenen auf Wunsch auch ins Meer schüttet, ist programmatisch: Seemann. Bis zum vergangenen Jahr gab es sogar ein eigenständiges Dorfparlament, den Ortsausschuss. Jetzt werden wir vom Altonaer Rathaus aus verwaltet, aber in allem anderen gibt sich Blankenese autark, es hat Gericht, Feuerwehr, Schulen aller Art, ein feines Programmkino, zwei vortreffliche Fischgeschäfte, einen Treppenkrämer und zahllose weitere Einzelhändler. Auf dem Bahnhofsvorplatz, der nach jahrzehntelangem Streit nun binnen 24 Monaten komplett neu bebaut worden ist, hat sich zwar der Allerweltsladen Starbucks breitgemacht. Aber das Dorf verfügt immer noch über eine eigene Kaffeerösterei, Carroux, wo man den vielleicht besten Cappuccino der ganzen Freien und Hansestadt Hamburg trinken kann.

»Das Geld bleibt im Dorf«, sagt Hiltrud Klose, und sie muss es wissen, auch wenn sie so wenig Blankeneserin ist wie ich. Vor drei Jahren hat sie die Buchhandlung Kortes übernommen, nur ein paar Häuser neben der Rösterei. Ein Traditionsunternehmen; in einem Aktenordner bewahrt Klose die Korrespondenz des Gründers auf, der nach dem Krieg wegen Papierknappheit seine Kunden schon mal bitten musste, nicht mehr als ein Buch zu kaufen. Selbst der neue Ableger einer Buchhandelskette am Bahnhof kann Frau Klose nicht schrecken, sie vertraut auf den Eigensinn ihrer Stammkunden.

Leser-Kommentare
    • th
    • 25.08.2009 um 15:02 Uhr

    abgesehen von der wunderschönen Lage, war ja einst eine gewisse Unaufgeräumtheit, und der Nachklang einer etwas anarchischen Fischer- (und "Strandräuber"?)-Tradition:

    (Aus "Hamburg und Hamburgs Umgegend", G.N. Bärmann, Hamburg 1822,
    cf. books.google.de)

    "... Blanknäse selbst überrascht durch seinen grotesken Anblick ... Beim Eintritt in das Dorf wird man von zahlreichen Haufen halb nackter, von der Sonne braun gebrannter Buben umringt, welche mit wildem Geschrei ein Geldgeschenk ertrotzen ... Die Blanknäser sind ein kühner, trotziger Menschenschlag. Sie zeichnen sich durch ihren starken, musculösen Gliederbau, durch ihr grobes, ungehobeltes Wesen und durch mehrere, ihnen ausschliesslich eigene Sitten und Gewohnheiten ... aus und bilden einen für sich abgesonderten Stamm ..."

    Inzwischen ist es ja nach hanseatischer Art ziemlich anglisierend durchgestylt, einige ältere Häuser wurden durch standfestere Imitate ersetzt, und weiter oben thront eine Scheusslichkeit aus Beton ...

    Und etwas elbaufwärts, anstelle der Wasserfläche des "Mühlenberger Loches" hat man jetzt eine schöne Aussicht auf die Werkshallen von EADS, wo der Airbus gebaut wird ...

    und trotzdem ist es schön geblieben.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service