Drei Tage vor der Bundestagswahl im September verlässt die Kanzlerin das Land. Angela Merkel wird nach Pittsburgh in die Vereinigten Staaten fliegen. Im David L. Lawrence Convention Centre, einem futuristischen Kongresszentrum am Allegheny River, trifft sie Barack Obama, Nicolas Sarkozy, Manmohan Singh, Hu Jintao und die anderen Staats- und Regierungschefs der G20.

Sie wollen dem Kapitalismus die Blasen austreiben.

Es ist ein Projekt von historischer Dimension. Die Staatenlenker treffen sich zum dritten Mal innerhalb eines Jahres, um eine neue Weltfinanzordnung zu erschaffen. Schluss soll sein mit dem übertriebenen Auf und Ab an den Finanzmärkten! Schluss mit spekulativen Exzessen, die die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds bringen! 47 Punkte umfasst die Agenda für Pittsburgh, von härteren Auflagen für Hedgefonds über Richtlinien für Bonuszahlungen bis hin zu neuen Fesseln für die Banken.

"Dass die Wall Street oder die City of London wieder diktiert, wie man Geld verdient, und die andern zum Schluss die Zeche bezahlen, das wird es mit uns nicht geben", sagt die Bundeskanzlerin, die zu den schärfsten Verfechtern strenger Regeln zählt. Nicht noch einmal dürfe es "eine kreditfinanzierte Wachstumsblase" geben, legt ihr Finanzminister Peer Steinbrück nach. Ruhiger soll er sein, der neue Kapitalismus. Stabiler.

Doch kaum zu glauben: Kein Jahr nach dem spektakulären Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers regt sich ernsthafter Widerstand gegen das große Aufräumen. Rebellen kämpfen gegen ein enges Korsett für die Märkte. Sie wollen, dass der Kapitalismus so bleiben darf, wie er war.

Da sind die Banker: Sie machen einfach weiter. Erst gab der Wall-Street-Riese Goldman Sachs bekannt, dass er zwischen März und Juni wieder Gewinne von 3,4 Milliarden Dollar erzielt habe, hauptsächlich mit Wertpapiergeschäften. Zum Wochenbeginn legten dann die britischen Banken HSBC und Barclays mit hohen Profitmeldungen nach. Die amerikanische Citigroup, die durch Steuergeld am Leben gehalten wird, schüttete hohe Boni aus. Von Reue hört man wenig, im Gegenteil. "Das Finanzsystem wird gefesselt von einer politisch motivierten Überregulierung", beschwerte sich der Chef des US-Vermögensverwalters Pimco, einer Tochter der Allianz-Versicherung – obwohl de facto noch gar nichts geschehen ist.

Da sind die Politiker: Amerikanische Kongressabgeordnete wehren sich neuerdings gegen strenge Kontrollen für Rating-Agenturen, obwohl die versagt haben. Sie kämpfen gegen Auflagen für den Handel mit Finanzderivaten, die uns die Krise erst beschert haben. Die Briten finden es nun übertrieben, dass man in Europa die Hedgefonds unter Aufsicht stellen will. "Wir müssen akzeptieren, dass es Krisen gibt, für die wir nicht vorsorgen können", so Adair Turner, der Chef der britischen Finanzaufsicht. Er findet: "Es ist besser zu sagen, alle 300 Jahre verstaatlichen wir eben unseren Bankensektor, als sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten."

Wer die Neigung des globalen Finanzkapitalismus zu Euphorie und Überschwang verstehen will, muss nach Canary Wharf fahren, in ein Stadtviertel im Osten Londons. Früher wurde hier der Seehandel mit den Kanarischen Inseln abgewickelt, in den sechziger Jahren zerfielen die Industrie- und Hafenanlagen. Doch in den neunziger Jahren entdeckte die Finanzindustrie, der es in der Innenstadt zu eng wurde, das Gebiet.

Heute ist Canary Wharf das eigentliche Finanzzentrum Londons, eine Ansammlung von Wolkenkratzern, umgeben von Docks und Kanälen. Zwei Bahnhöfe spucken jeden Morgen Banker und Anwälte in dunklen Anzügen und Kostümen aus und saugen sie am Abend wieder ein. Canary Wharf ist so etwas wie die Antithese zur traditionsverliebten Londoner City mit ihren Gebäuden aus Sandstein, den edlen Teppichen, den Kristalllüstern und Ölgemälden. Hier dominieren Glas und Metall: die Architektur der Globalisierung, austauschbar und funktional. Hier arbeiten Banker, keine Bankiers.

Sie haben schwer verdient an der Welt der vergangenen Jahre, in der Kapital von überall her in immer spekulativere, immer unsicherere Anlagen floss: in Zukunftskontrakte über Treibstoff und Edelmetalle, in die verrücktesten Geschäfte in China und Brasilien und Russland, in jene berüchtigten Immobilienkredite, die massenhaft an mittellose Amerikaner vergeben wurden. Die Banker haben diesen Geldströmen den Weg geebnet. Ungefähr 350.000 Menschen nährten solche Geschäfte allein in London. Ungefähr acht Prozent der britischen Wirtschaftsleistung wurden hier erwirtschaftet. Die Steuereinnahmen finanzierten Schulen, Straßen und Kriege.