Drei Tage vor der Bundestagswahl im September verlässt die Kanzlerin das Land. Angela Merkel wird nach Pittsburgh in die Vereinigten Staaten fliegen. Im David L. Lawrence Convention Centre, einem futuristischen Kongresszentrum am Allegheny River, trifft sie Barack Obama, Nicolas Sarkozy, Manmohan Singh, Hu Jintao und die anderen Staats- und Regierungschefs der G20.

Sie wollen dem Kapitalismus die Blasen austreiben.

Es ist ein Projekt von historischer Dimension. Die Staatenlenker treffen sich zum dritten Mal innerhalb eines Jahres, um eine neue Weltfinanzordnung zu erschaffen. Schluss soll sein mit dem übertriebenen Auf und Ab an den Finanzmärkten! Schluss mit spekulativen Exzessen, die die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds bringen! 47 Punkte umfasst die Agenda für Pittsburgh, von härteren Auflagen für Hedgefonds über Richtlinien für Bonuszahlungen bis hin zu neuen Fesseln für die Banken.

"Dass die Wall Street oder die City of London wieder diktiert, wie man Geld verdient, und die andern zum Schluss die Zeche bezahlen, das wird es mit uns nicht geben", sagt die Bundeskanzlerin, die zu den schärfsten Verfechtern strenger Regeln zählt. Nicht noch einmal dürfe es "eine kreditfinanzierte Wachstumsblase" geben, legt ihr Finanzminister Peer Steinbrück nach. Ruhiger soll er sein, der neue Kapitalismus. Stabiler.

Doch kaum zu glauben: Kein Jahr nach dem spektakulären Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers regt sich ernsthafter Widerstand gegen das große Aufräumen. Rebellen kämpfen gegen ein enges Korsett für die Märkte. Sie wollen, dass der Kapitalismus so bleiben darf, wie er war.

Da sind die Banker: Sie machen einfach weiter. Erst gab der Wall-Street-Riese Goldman Sachs bekannt, dass er zwischen März und Juni wieder Gewinne von 3,4 Milliarden Dollar erzielt habe, hauptsächlich mit Wertpapiergeschäften. Zum Wochenbeginn legten dann die britischen Banken HSBC und Barclays mit hohen Profitmeldungen nach. Die amerikanische Citigroup, die durch Steuergeld am Leben gehalten wird, schüttete hohe Boni aus. Von Reue hört man wenig, im Gegenteil. "Das Finanzsystem wird gefesselt von einer politisch motivierten Überregulierung", beschwerte sich der Chef des US-Vermögensverwalters Pimco, einer Tochter der Allianz-Versicherung – obwohl de facto noch gar nichts geschehen ist.

Da sind die Politiker: Amerikanische Kongressabgeordnete wehren sich neuerdings gegen strenge Kontrollen für Rating-Agenturen, obwohl die versagt haben. Sie kämpfen gegen Auflagen für den Handel mit Finanzderivaten, die uns die Krise erst beschert haben. Die Briten finden es nun übertrieben, dass man in Europa die Hedgefonds unter Aufsicht stellen will. "Wir müssen akzeptieren, dass es Krisen gibt, für die wir nicht vorsorgen können", so Adair Turner, der Chef der britischen Finanzaufsicht. Er findet: "Es ist besser zu sagen, alle 300 Jahre verstaatlichen wir eben unseren Bankensektor, als sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten."

Wer die Neigung des globalen Finanzkapitalismus zu Euphorie und Überschwang verstehen will, muss nach Canary Wharf fahren, in ein Stadtviertel im Osten Londons. Früher wurde hier der Seehandel mit den Kanarischen Inseln abgewickelt, in den sechziger Jahren zerfielen die Industrie- und Hafenanlagen. Doch in den neunziger Jahren entdeckte die Finanzindustrie, der es in der Innenstadt zu eng wurde, das Gebiet.

Heute ist Canary Wharf das eigentliche Finanzzentrum Londons, eine Ansammlung von Wolkenkratzern, umgeben von Docks und Kanälen. Zwei Bahnhöfe spucken jeden Morgen Banker und Anwälte in dunklen Anzügen und Kostümen aus und saugen sie am Abend wieder ein. Canary Wharf ist so etwas wie die Antithese zur traditionsverliebten Londoner City mit ihren Gebäuden aus Sandstein, den edlen Teppichen, den Kristalllüstern und Ölgemälden. Hier dominieren Glas und Metall: die Architektur der Globalisierung, austauschbar und funktional. Hier arbeiten Banker, keine Bankiers.

Sie haben schwer verdient an der Welt der vergangenen Jahre, in der Kapital von überall her in immer spekulativere, immer unsicherere Anlagen floss: in Zukunftskontrakte über Treibstoff und Edelmetalle, in die verrücktesten Geschäfte in China und Brasilien und Russland, in jene berüchtigten Immobilienkredite, die massenhaft an mittellose Amerikaner vergeben wurden. Die Banker haben diesen Geldströmen den Weg geebnet. Ungefähr 350.000 Menschen nährten solche Geschäfte allein in London. Ungefähr acht Prozent der britischen Wirtschaftsleistung wurden hier erwirtschaftet. Die Steuereinnahmen finanzierten Schulen, Straßen und Kriege.

Peter lenkte seinerzeit einen kleinen Nebenarm des globalen Geldstroms. Nun amüsiert er sich an diesem Freitagabend im Nachtclub Hey Jo ("Eine Welt der Dekadenz in einem magischen Ambiente") an der Jermyn Street. Sein Nachname, darauf legt er Wert, soll Privatsache bleiben. Er ist Banker, Mitte 30. Aus den Boxen dröhnt Elektromusik, die Sessel sind mit Samt bezogen, die Toiletten haben die Form roter Herzen, die teuerste Flasche Champagner kostet 29.000 Pfund.

Bunt, laut, schrill und fantastisch teuer – das Hey Jo ist einer jener Orte, die Jahr für Jahr in die Schlagzeilen der Boulevardpresse gerieten, wenn die city boys ihre Exzesse feierten; wenn es Bonuszahlungen gab und mal neidisch und mal angewidert die halbe Stadt zuschaute. Diese Parade nagelneuer Porsche. Cocktails, die so viel kosteten wie ein neuer Kleinwagen! Stripclub-Besuche, so teuer wie ein kleines Eigenheim auf dem Land!

Peters Job war es damals, in Japan billiges Geld zu leihen und es irgendwo zu höheren Zinsen anzulegen. Carry Trade heißt dieses Vorgehen. Es überschwemmte Länder mit Geld. Es machte die Banker reich.

Das Interessante ist ja, dass eigentlich jeder merken konnte: Hier geschah etwas Ungesundes. Man musste sich nur diesen Club anschauen. Oder mit Peter reden. In manchen Jahren, erzählt er, habe er zur Bonussaison das Achtfache seines regulären Gehalts obendrauf bekommen. Er sei aber auch ein Spezialist auf seinem Gebiet, habe für seinen Arbeitgeber viele Millionen verdient. "Es ist legitim, wenn ich daran beteiligt werde", findet er heute noch. Heute trinkt Peter Weißwein für 30 Pfund, seine Geschäfte sind zuletzt nicht gut gelaufen. Fast 60.000 Jobs sind in den vergangenen Monaten im Londoner Finanzdistrikt abgebaut worden, "wie am Fließband", berichtet der Abteilungsleiter einer deutschen Bank. Das Hey Jo ist heute gespenstisch leer. Aber das kann sich schnell wieder ändern.

Boom und Bust, Aufstieg und Fall – so ist es immer gekommen. Der amerikanische Ökonom Kenneth Rogoff spricht davon, dass die Welt seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts 108 große und kleine Bankenkrisen erlebt habe; 18 schwere Krisen seien es seit dem Zweiten Weltkrieg allein in den reichen Ländern gewesen. Bei diesen großen, systemweiten Zusammenbrüchen waren die Auswirkungen gewaltig. Die Arbeitslosigkeit stieg im Schnitt um sieben Prozentpunkte, die Aktienpreise gaben um 55 Prozent nach, die Immobilienpreise um 35 Prozent, die Staatsverschuldung kletterte um 86 Prozent. Bankenrettungen und Konjunkturpakete waren stets noch der kleinste Rechnungsposten.

Am Anfang eines solchen Zyklus aus Euphorie und Untergang steht fast immer ein Ereignis, das die Hoffnung auf eine neue Ära des Wohlstands für alle weckt. Das Ende eines langes Krieges. Eine Rekordernte. Eine Erfindung wie die Eisenbahn, das Automobil oder das Internet.

Die neue Idee, die neue Zuversicht lockt Pionierunternehmer und Investoren an, bald steigen die Gewinne, und die Anleger werden wagemutig. Unternehmen wachsen und investieren, was das Zeug hält. Die Banken werden großzügiger bei der Kreditvergabe und erschließen neue Kapitalquellen. Zuletzt waren es verbriefte Immobilienkredite für den amerikanischen Häusermarkt; Mitte des 19. Jahrhunderts waren es neu gegründete "Aktienbanken", die den deutschen Eisenbahnbau finanzierten.

Irgendwann im Zyklus strömt dann viel zu viel Geld in den Markt. Wenig haben die Preise und Kurse dann noch mit der realen Welt zu tun. Politiker, auch das lehrt die Geschichte, fördern die Entwicklung oft noch, indem sie in solchen Phasen die Vorschriften für die Finanzindustrie lockern. Der Boom schafft Zufriedenheit bei den Wählern und lässt die Steuereinnahmen steigen. Banken spendieren Geld für den Wahlkampf. Es läuft gut in dieser Zeit.

Es mag in der Natur des Menschen liegen oder am System – jedenfalls rennen irgendwann alle in dieselbe Richtung, statt sich gegenseitig zu korrigieren. Noch kurz vor dem Platzen der Immobilienblase in den USA rechneten die Analysten namhafter Banken vor, warum der Preisanstieg völlig normal sei ("Grund und Boden bleiben immer knapp"). Überhaupt, der internationale Finanzmarkt sei zu einer gewaltigen Rationalitätsmaschine geworden, zu einer Weltkonferenz der Geldexperten und Mathematikgenies, verbunden durch Computer und Datenleitungen. Sie könnten heute noch das komplizierteste Finanzinstrument beherrschbar machen, noch das vertrackteste Risiko präzise bestimmen.

Es ist offenbar schwer, gegen solche Kulte der Selbstvergewisserung anzudenken. Selbst wer den Wahnsinn ahnte, fand es oft klüger, weiterzumachen. So ging es Chuck Prince, dem inzwischen abgelösten Chef der Citigroup. "Solange die Musik spielt, musst du aufstehen und tanzen", sagte der Bankenchef im Juli 2007 der Financial Times.

Und gab es nicht doch ein paar Anzeichen dafür, dass ein neues Zeitalter angebrochen war, dass die Märkte und ihre Aufseher einen goldenen Weg der Stabilität entdeckt hatten? Seit Jahrzehnten schon zeigten die Konjunkturzyklen in der reichen Welt keine dramatischen Ausschläge mehr, selbst ein Riesenschrecken wie der Börsencrash von 1987 oder der Terror vom September 2001 wurde erstaunlich schnell weggesteckt. Ökonomen sprachen von einer Ära der "Großen Moderation".

Stabilität sei destabilisierend, hat Hyman Minsky einmal gesagt, einer der großen Krisenpropheten unter den Ökonomen. Je länger es ruhig bleibe, desto wagemutiger würden die Investoren.

"Natürlich ist es möglich, Finanzblasen zu verhindern", sagt Stephany Griffith-Jones. Die Finanzmarktexpertin von der Columbia-Universität in New York hat sich lange mit Boom und Bust auseinandergesetzt; und sie weiß, was für einen blasenfreien Kapitalismus nötig wäre: Man müsste die Verschuldung der Banken begrenzen. Man müsste sie dazu zwingen, in Boomzeiten mehr Kapital zurückzulegen – damit sie weniger Geld zum Spekulieren und einen Puffer für die schlechten Jahre hätten.

Die Liste der "Man-müsste" ist lang: Man müsste auch Aufsichtsbehörden gründen, die Banken und Märkte als Ganzes unter ihrer Obhut hätten, statt dass ein Amt diesen Teil und ein anderes jenen Teil kontrollierte. Man müsste verhindern, dass manche Bereiche gänzlich unbeaufsichtigt blieben und als Fluchtort dienten – wie Hedgefonds in Steueroasen oder der Handel mit Derivaten, vorbei an der Börse. Bonuszahlungen, die Banker zu riskanten und auf schnellen Profit ausgerichteten Manövern verleiten, sollten verboten werden. Jedes neue Finanzprodukt wäre zu prüfen. "Dann können Sie sagen: Wenn es zu kompliziert oder zu undurchsichtig ist, erlauben wir es nicht", sagt Griffith-Jones.

So etwa stellen sich auch die strengeren unter den G-20-Staats- und Regierungschefs die neue Finanzwelt vor, auf die sie die anderen in Pittsburgh einschwören wollen. Ohne den Staat ginge dann nichts mehr. Beamte müssten entscheiden, ob Geschäftsmodelle einzelner Banken tragfähig seien, welche Finanzprodukte erlaubt würden, wie viel Kapital zurückzulegen und wie viel Kredit zu vergeben sei. An die Stelle der kollektiven Euphorien und Depressionen träte der ordnende Staat.

Etwas Ähnliches gab es schon einmal. Nach der Großen Depression blieb der Finanzsektor in den USA jahrzehntelang streng reglementiert. Für die Banker war es keine schöne Zeit. Die Gehälter im Finanzsektor und die Deregulierung der Märkte entwickeln sich parallel, wie Thomas Philippon, Ökonom an der New York University, herausfand. Immer wenn der Staat die Banken in die Freiheit entlässt, so wie in den zwanziger oder in den achtziger Jahren, kassieren die Banker ab. In Zeiten scharfer Kontrollen verdienten sie kaum mehr als Kollegen in anderen Wirtschaftszweigen.

So war das Finanzgewerbe höchst erfreut, als sich die Politik daranmachte, die Märkte wieder von ihren Ketten zu befreien. Man half sogar durch Lobbyarbeit nach. 1973 brach das Wechselkurssystem von Bretton Woods zusammen, das die Währungen aneinanderschweißte. Jetzt konnte mit ihnen spekuliert werden – ein Milliardengeschäft für die Banken. Der amerikanische Präsident Ronald Reagan und die britische Premierministerin Margaret Thatcher hoben so viele Regeln auf, wie sie konnten, und der Internationale Währungsfonds und die Weltbank drängten Schwellen- und Enwicklungsländer in dieselbe Richtung.

So ging es weiter, auch nach Reagan und Thatcher. Man erlaubte es den Banken, ihre Risiken außerhalb der Bilanz zu verstecken. Man schritt nicht ein, als die Finanzprodukte so kompliziert wurden, dass selbst Bankenchefs sie nicht mehr verstanden. Man glaubte an die Märkte, auch als die Blasen zurückkehrten und platzten. Die Lateinamerika-Krise. Der US-Börsencrash von 1987. Die Japankrise. Die Pesokrise. Die Russlandkrise. Die Asienkrise. Die Dotcom-Blase. Man schob es auf andere Ursachen. Man fand es nicht so schlimm.

Am nördlichen Rand des Großraums Hamburg, im Industriegebiet von Norderstedt, ist die Verwaltungszentrale des Windkraftanlagenherstellers Nordex untergebracht. Aber nicht mehr lange, denn in den Nordex-Gebäuden ist nicht mehr genug Platz für all die neuen Mitarbeiter. Bald zieht man in das "Nordex-Forum" in der Nähe des Hamburger Flughafens um. "Heute beschäftigen wir allein in Deutschland 250 Ingenieure", sagt der Vorstandsvorsitzende Thomas Richterich, "2015 werden es sicher doppelt so viele sein." Insgesamt hat das Unternehmen 1300 Mitarbeiter in Deutschland, 2000 weltweit.

Nordex ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen, und man kann es ruhig so sagen: Das lag zum Teil an dem Wahnsinn, der sich an den internationalen Kapitalmärkten abgespielt hat. Die Finanzfluten, die in den Jahren des Booms über die Welt wogten, haben ihre Wirkung ja nicht nur am unglückseligen amerikanischen Immobilienmarkt entfaltet. Sie halfen vorübergehend auch, eine Ära kräftigen Wachstums in den Vereinigten Staaten zu finanzieren, eine Phase beispielloser Entwicklung in China und in anderen Schwellenländern anzustoßen. Länder, in denen Nordex nun eifrig seine Windradturbinen verkauft.

"Natürlich fahren wir in diesen Tagen unser Tempo auch runter", sagt Richterich. Aber nicht auf null. "Ein großer Teil des Marktes, der in den vergangenen Jahren in China entstanden ist, wird diese Krise überdauern", sagt er nämlich. Auch glaubt er, dass es seine Firma innovativer mache, wenn sie ständig gegen ausländische Konkurrenten antrete. Der globale Einsatz seiner Ingenieure lasse sie immer wieder auf Neuerungen und Kostenersparnisse stoßen, die sich bezahlt machten – auch für die Angestellten und die Nordex-Kunden in der Heimat.

Es sind Erfahrungen wie die der Firma Nordex, die ein Urteil über Spekulationsblasen so schwer machen. Denn es gibt viele solcher Geschichten. Euphorien am Finanzmarkt, so die Wirtschaftsforscherin Carlota Perez, gingen vorüber, Spekulationen platzten irgendwann, aber für eine gewisse Zeit finanzierten sie die Entwicklung neuer Techniken und den Bau moderner Infrastruktur. Sie ermöglichten es, neue Wege auszuprobieren.

Folgt man diesem Argument, sind Finanzmarktblasen eine Begleiterscheinung, gar eine Voraussetzung des Fortschritts. Platzen sie, kann aus den Trümmern des spekulativen Booms etwas Sinnvolles entstehen. Der Eisenbahnboom vernichtete viel Kapital, aber er half, die Welt zu erschließen. Der Internetboom ruinierte Millionen von Anlegern, aber er war auch die Geburtsstunde von Google und Amazon. Auch Autos, Schiffskanäle und Cornflakes entstanden in solchen Phasen der Euphorie. "Es ist falsch zu glauben, dass alle Blasen schlecht sind", sagt der Ökonom Willi Semmler von der New School University in New York, "tatsächlich lassen manche die Wirtschaft wesentlich besser zurück – produktiver, mit mehr Humankapital und reicher."

Wenn das stimmt, lautet die eigentliche Frage aber nicht, ob man dem Kapitalismus seine Neigung zur Übertreibung gänzlich austreiben sollte. Dann muss man nur solche Blasen verhindern, die dem Wohlstand mehr schaden als nützen. Dann geht es nur um die ganz großen spekulativen Blasen, bei denen Fantasie und Gier zählen, die realen wirtschaftlichen Grundlagen hingegen gar nicht.

Doch das ist eben unmöglich. Es liegt in der Natur dieser Blasen, dass man erst hinterher schlauer ist. Was zu tun ist, während man die Blase nur erahnt, bleibt eine wirtschaftspolitische Glaubensfrage – die in der angelsächsischen Welt und in Europa höchst unterschiedlich beantwortet wird.

Im Juli 2002 wird Alan Greenspan vor den Bankenausschuss des amerikanischen Senats in Washington zitiert. Auf die Frage eines Abgeordneten, wie er die Lage auf dem Immobilienmarkt einschätze, sagt der Chef der Notenbank, es gebe dort keine Anzeichen für eine Blase. Auch als die Preise weiter steigen, ändert Greenspan seine Meinung nicht: Allenfalls froth will er erkennen, Schaumbläschen. Und dagegen solle der Staat nichts tun.

Lag Alan Greenspan, der Maestro, damals voll daneben? Die Wahrheit ist komplizierter. Selbst der ultraliberale Wirtschaftsdenker Greenspan, der einst von Ronald Reagan auf seinen Posten gesetzt wurde, weiß, dass die Märkte nicht perfekt sind. Im Jahr 1996 lieh er sich sogar einmal den Begriff des "irrationalen Überschwangs" vom Yale-Ökonomen Robert Shiller für eine Rede aus. Nur war Greenspan eben gegen Eingriffe. Denn woher, argumentierte er stets, sollte eine Regierung oder eine Zentralbank wissen, ob ein Boom an den Aktienmärkten wirklich reine Spekulation sei? Vielleicht sei ja wirklich etwas Neues in die Welt gekommen. Vielleicht werde der Wohlstand bald in unvorhergesehenem Maße steigen, was dann auch hohe Kurse rechtfertigen würde.

Unter Greenspans Führung blockt die Fed alle Versuche ab, die Finanzmärkte strenger zu regulieren. Sie gibt sogar als Reaktion auf den Dotcom-Crash und auf die Terroranschläge vom September 2001 viel billiges Geld aus und riskiert damit, dass Übertreibungen noch größer werden. Wenn wirklich eine Blase platze, das hat Greenspan immer wieder gesagt, werde man hinterher "sauber machen".

Das haben nichtalle so gesehen, nicht mal in Amerika. Eine Woche nach Greenspans Auftritt vor dem Bankenausschuss empfängt Charles Kindleberger in seinem Altersheim in Boston einen Reporter des Wall Street Journal. "Man muss von Manien sprechen", hat Kindleberger in seinem 1978 erschienenen Standardwerk Manien, Paniken, Crashs geschrieben. Der Ökonom hat ein Leben lang Spekulationsblasen erforscht. Er mochte sie nicht. Dem Reporter erzählt Kindleberger, er sammle Zeitungsartikel, um zu belegen, dass sich eine riesige Immobilienblase aufblähe. "Ich glaube, es ist gefährlich", sagte er. Als Kindleberger ein Jahr später mit 92 Jahren stirbt, ist der Aufschwung am Häusermarkt in vollem Gang.

Die schärfsten Kritiker des Greenspanschen Laisser-faire aber finden sich in Europa. Otmar Issing gehört dazu. Er ist einer der Väter des Euro, als Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB) prägte er das junge Institut – und machte es zu einem Gegenentwurf zur amerikanischen Notenbank. Konservativ in der Zinspolitik, auf der Hut vor spekulativen Übertreibungen und immer für einen Angriff auf Alan Greenspan gut. Im April 2005 lässt Issing im Monatsbericht der Zentralbank eine Art Streitschrift veröffentlichen. "Die bisherigen Erfahrungen", mahnt das EZB-Ökonomenteam, "zeigen, dass Boom-Bust-Zyklen von Vermögenspreisen der gesamten Volkswirtschaft Schaden zufügen können." Deshalb sei "frühzeitiges Gegensteuern" angebracht, durch straffere Aufsicht und höhere Zinsen. Es ist eine Kampfansage; sie wird in Washington auch so verstanden.

Doch Issing war zu früh dran. Die Blase wuchs und platzte. Es wird noch viele Jahre dauern, bis man ihre nützlichen Seiten kühl gegen ihre Kosten aufrechnen kann – aber dass am Ende eine positive Bilanz stehen könnte, glaubt im Augenblick niemand. Das Saubermachen ist für die Staaten kostspieliger als gedacht. Allein diese teuren Rettungspakete für die Banken! Die versenkten Billionen am Immobilienmarkt! Die schwere Erkrankung der Weltwirtschaft, die nur lief, weil Amerikaner zu viel einkauften und Chinesen zu viel herstellten! Die Welt muss sich neu orientieren, und das kann noch Jahre dauern.

Issing ist heute ein Berater Angela Merkels in Fragen der Finanzmarktregulierung. Und Alan Greenspan musste im vergangenen Oktober vor dem Kongress einräumen, er habe mit seinem Glauben an den Markt wohl "teilweise" falsch gelegen. Die Freunde eines stabilen Kapitalismus liegen vorn.

Wenn im September die G-20-Regierungschefs in Pittsburgh einfliegen, wird es aber vor allem um die Blasen der Zukunft gehen. Soll man sie, wie Merkel und ihre Verbündeten es sehen, wirklich radikal eindämmen? Oder soll der Staat den Märkten Raum lassen, wie es viele Amerikaner und Briten weiterhin fordern? Soll man ein weiteres Mal darauf vertrauen, dass spekulative Übertreibungen bei aller zerstörerischen Kraft auch Fortschritt in die Welt tragen? Die Fragen könnten schneller aktuell werden, als es derzeit den Anschein hat. In den Ölstaaten, in China, in Japan, in den Tresoren der Rentenversicherer und den Kriegskassen der Private-Equity-Gesellschaften lagern Milliarden, die dringend wieder angelegt werden müssen. Banken experimentieren schon wieder mit riskanten Wertpapieren. Der Dax ist seit Jahresbeginn um 23 Prozent gestiegen, der Dow Jones um 18 Prozent. Aluminium kostet 30 Prozent mehr und Öl sogar 53 Prozent. Ökologie wird gerade ein Renner an den Finanzmärkten.

Ist das nun Fortschritt oder pure Zockerei?

Zum Weiterlesen: Daniel Gross: Finanzblasen ... Und warum sie so wichtig für die Wirtschaft sind. FinanzBuch Verlag, 2008