Wenn es um die Geheimhaltung von Offenkundigem geht, kann die Bundeswehr hochempfindlich reagieren. Man rate dem Autor dringend ab, heißt es aus dem Verteidigungsministerium, wörtlich aus der neuen Taschenkarte zu zitieren, die jeder Bundeswehrsoldat in Afghanistan mit sich trage. Das vierseitige Faltblatt, das die grundlegenden Einsatzregeln enthält, sei schließlich als Verschluss-Sache eingestuft, und zwar deswegen, "weil die Taliban nicht wissen sollen, was unsere Soldaten dürfen – und vor allem nicht, was sie nicht dürfen".

Dem Verteidigungsministerium raten wir nun dringend davon ab, zu glauben, die Taliban wüssten all das nicht schon längst. Sie wissen, dass die Deutschen größere Hemmungen haben, ihre Waffen einzusetzen, als die Isaf-Soldaten anderer Nationen. Weil, zum Beispiel, in Deutschland noch jedes Mal der Staatsanwalt ermittelt, wenn in Afghanistan durch Bundeswehrkugeln Menschen sterben. Oder weil sich andere Nato-Staaten ständig darüber beschweren, den Deutschen fehle einfach die notwendige "Verlusttoleranz" (eine Standardklage in Kabul und Brüssel).

Zitieren wir also, wahrscheinlich sogar im geheimen Sinne des Verteidigungsministers, aus jenem neuen Teil der Taschenkarte, der den Taliban Angst machen könnte. Unter "Befugnisse im Einzelnen" heißt es seit Ende Juli: "Angriffe können zum Beispiel dadurch verhindert werden, dass gegen Personen vorgegangen wird, die Angriffe planen, vorbereiten, unterstützen oder ein sonstiges feindseliges Verhalten zeigen. Ein feindseliges Verhalten (jetzt kommt das Entscheidende, Anm. d. Red.) besteht fort, wenn bei Personen, die Isaf angegriffen haben, nicht ausgeschlossen werden kann, dass diese ihren Angriff in einem engen zeitlichen und räumlichen Zusammenhang fortsetzen oder wieder aufnehmen."

Im Klartext: Angreifern darf ab sofort hinterhergeschossen werden. Damit dürfen die Soldaten in Kundus oder Faisabad zwar immer noch nicht das, was jeder Wachsoldat am Kasernenzaun in Bückeburg oder Prangendorf darf (nämlich sogar auf Personen schießen, die sich auf der "Flucht" befinden, vergleiche Paragraf 15 des Gesetzes über den unmittelbaren Zwang), aber immerhin kommt die neue Anweisung einem dringenden Wunsch vieler Afghanistan-Soldaten entgegen. Der lautet, in einem immer kriegerischer werdenden Umfeld im Zweifel robust reagieren zu können.

Denn die Gegenseite bemüht sich mehr als je zuvor, ihre Kräfte zu ballen. Das jedenfalls geht aus einem ebenfalls neuen Regelbuch hervor, das laut al-Dschasira der Taliban-Führer Mullah Omar derzeit in Afghanistan verteilen lässt. Die blau eingeschlagene, 13 Kapitel lange Krieger-Fibel formuliert den Anspruch auf Herrschaft – und die Mittel, diese zu erlangen. Jedem Muslim, der die Arbeit für die "Sklaven-Regierung in Kabul aufgibt", so verspricht das Buch im Abschnitt "Asyl", könne Sicherheit geboten werden. Dieses Angebot freilich ist eine Drohung an alle, die den Aufbau des Landes unterstützen. "Neue Mudschahedin-Gruppen zu bilden ist verboten", stellt Mullah Omar weiter klar. Verbände, die sich nicht den "formalen Strukturen" der Taliban anschlössen, würden "aufgelöst".

Der Taliban-Chef will offenbar vor den afghanischen Wahlen am 20.August die vielen versprengten Aufständischengruppen, es sind oftmals nur junge Arbeitslose oder Kriminelle mit religiösem Anstrich, zu einer Armee bündeln. Mit ihm selbst, dem Imam, als Oberbefehlshaber: "Wenn ein ungläubiger Soldat gefangen genommen wird, darf nur der Imam oder sein Stellvertreter die Entscheidung darüber treffen, ob er getötet, freigelassen oder ausgetauscht wird." Nebenbei sollten die Mudschahedin künftig verstärkt darauf achten, "sich gut zu benehmen", um die "Herzen der zivilen Muslime" zu gewinnen.

Die Taschenkarte der Bundeswehr und der neue Verhaltenskodex der Taliban, es sind zwei Dokumente, die dasselbe zeigen. Acht Jahre nach dem 11. September beginnt ein zweiter Krieg um Afghanistan. Wer darin die professionellere Propaganda betreibt, ist allerdings schon heute klar.