Erziehung Die Elternschule

In Seminaren sollen Mütter und Väter lernen, weniger Fehler bei der Erziehung ihrer Kinder zu machen

Auf diesen harten Holzstühlen verbringen ihre Kinder also den Schultag. Die Mütter und Väter, die im Klassenzimmer Platz nehmen, müssen ihre Bäuche einziehen, weil es eng wird, wenn sie die kleinen Tischchen aus den Armlehnen heraus nach oben klappen. In Schönschrift malen sie »Elterntraining« auf die erste Seite ihres Blockes und beginnen, Tafelbilder und Folien abzuschreiben.

»Wie viel Zeit verbringen Sie mit Ihren Kindern?«, fragt Adolf Timm, der in der Grundschule Bad Schwartau heute Eltern unterrichtet. »Und wie viel Zeit nehmen Sie sich, um ihr Lernen zu begleiten?« Laut einer Umfrage, die Timm nun zitiert, unterstützen Mütter ihre 12- bis 16-jährigen Kinder pro Tag vier Minuten beim Lernen, Väter ganze zwei. Entsetzte Gesichter im Elternstuhlkreis.

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»Die Gesetze des Schulerfolgs« lautet der Titel des Elterntrainings in der Grundschule Bad Schwartau. Adolf Timm, 64 Jahre, ein Leben lang Lehrer, viele Jahre Schulleiter an der Europaschule Timmendorfer Strand, hat ein Fortbildungsbuch für Eltern geschrieben und alles hineingepackt, was er als Vater dreier Kinder, aber vor allem als Pädagoge über das Zusammenspiel zwischen Eltern, Kindern und Lehrern gelernt hat. 36 Grundregeln für Mütter und Väter sind dabei herausgekommen: Seien Sie Vorbild! Machen Sie Ihre Familie zum Lernort! Schalten Sie die Lernhemmer aus! Bleiben Sie bei Fehlern gelassen! Vermeiden Sie Verbote! Und so weiter.

Wenn das alles so einfach wäre, stöhnen die Eltern. »Mein Sohn hat mir verboten, mit ihm zu üben, weil die Lehrerin gesagt hat, das sei nicht nötig«, erzählt eine Mutter, die ihren Namen lieber nicht nennen will, damit das Kind keine Probleme in der Schule bekommt. Was soll sie tun, wenn sie sich nun als »Lernbegleiterin« engagieren möchte, wie Adolf Timm es verlangt? »Und wie soll ich das System Schule durchschauen, wenn mein Sohn immer gute Noten nach Hause bringt, am Ende aber nur eine Realschulempfehlung bekommt?« Jetzt schickt sie ihn trotzdem aufs Gymnasium.

»Die Gelassenheit ist Eltern und Schule abhandengekommen«

Die Eltern von heute sähen die Schule vor allem als »Zertifizierungsinstitution über die Zukunftschancen ihrer Kinder« und begegneten ihr von Anfang an mit Misstrauen, sagt Adolf Timm. Aber auch die Schulen hätten nicht gelernt, sich zu öffnen und das Innenleben ihrer Klassenräume transparenter zu machen. Kurzum: »Die Gelassenheit ist Eltern und Schule völlig abhandengekommen.« Timms Vision ist die einer »echten Erziehungs- und Lernpartnerschaft zwischen Schule und Elternhaus«. Und sein Elterntraining ein erster Schritt, Müttern und Vätern die Angst vor den Lehrern ihrer Kinder zu nehmen, aber auch die Angst vor ihren Kindern und dem richtigen Umgang mit ihnen. Nicht die »perfekten Eltern« seien sein Ziel, sagt Adolf Timm. Es wäre bereits viel erreicht, wenn Eltern weniger Fehler in der Erziehung ihrer Kinder machten und vor allem nicht immer wieder dieselben.

Rund ein Drittel aller Eltern sei mit der Erziehung der Kinder überfordert und »schafft das anspruchsvolle Programm nicht«, sagt der Soziologe und Jugendforscher Klaus Hurrelmann, der schon seit Längerem für verbindliche Erziehungsseminare für Eltern plädiert. Denn dass das Bedürfnis nach Anleitung und Orientierung groß ist, beweisen nicht nur die Einschaltquoten der Super Nanny, sondern auch die Erfolgsgeschichten unterschiedlichster Erziehungsseminare. Allein Triple P, das für »Positive Parenting Program« steht, hat in den letzten zehn Jahren 65.000 Familien in Deutschland erreicht, Step, das »Systematische Training für Eltern«, ungefähr 20.000. Das Versprechen von Harmonie, Kooperation und Entspannung in der Familie klingt für Eltern besonders verheißungsvoll in einer Zeit, in der der Druck von allen Seiten zunimmt und das Idealbild der modernen Familie immer unerreichbarer scheint.

Vor wenigen Wochen erst hat das »Generationen-Barometer« des Instituts für Demoskopie in Allensbach aufschlussreiche Einblicke in die Machtverhältnisse zwischen Kindern und ihren Eltern gegeben. Ein Viertel der Eltern gab zu, »kleine Egoisten« im Haus zu haben. Eltern begegnen ihren Kindern zwar mit viel Zuspruch, Verständnis und Liebe, verpassen aber nicht selten den Scheidepunkt, an dem aus dem starken, selbstbewussten Kind der gefürchtete Familientyrann wird.

Leser-Kommentare
    • Isaidy
    • 07.08.2009 um 10:05 Uhr

    nur, was befähigt eine "normale" Lehrkraft dazu in Abendseminaren Eltern in Erziehungsarbeit zu coachen? Viele Lehrkräfte von gerade Grundschulkindern haben noch nicht einmal selber Nachwuchs. Ihnen spreche ich in vielen Fällen selbst die Fähigkeit ab, Grundschulkinder adäquat pädagogisch zu begleiten, geschweige denn, dass sie eine Ahnung von der Erziehungsarbeit daheim haben. Einem Lehrer mit dreißigjähriger Berufserfahrung und drei eigenen Kindern nehme ich seine Erfahrungswerte ab, der weiß, wovon er spricht, jedoch ist nicht jeder Pädagoge automatisch dazu in der Lage, eine solche "Elternerziehungsarbeit" zu übernehmen, nur weil er irgendwann einmal ein Pädagogikstudium absolviert hat. Jede Förderung der Eltern/Lehrer-Kooperative ist zu begrüßen, weil es dem Wohl der Kinder dient, dazu bedarf es aber in vielen Fällen keiner "Erziehungsseminare" für Eltern, sondern eine Öffnung der Schule für die Belange der Eltern, eine bessere Zusammenarbeit und vor allem Einsichtsfähigkeit auf BEIDEN Seiten. Sicher haben die Eltern den Löwenanteil bei der Erziehung der Kinder und haben auf diesem Gebiet oftmals eine Art Schulungsbedarf. Feststeht aber auch, dass es vielen Lehrern an Einsichtsfähigkeit, Selbstreflektion und Kritikfähigkeit mangelt, sie zwar lehren, aber nicht lernen wollen.

    • alisse
    • 07.08.2009 um 10:28 Uhr

    Es ist schon an sich beschämend, dass bei Erziehungsfragen die meisten sich auf Pädagogen und Psychologen berufen müssen. Wir sind nun mal die Kinder unserer Eltern, ihre Fehler geben wir nur allzugern weiter ohne uns dessen bewusst zu sein, aber an sich haben wir das auch überlebt.
    Ich persönlich bin erschrocken über diesen Zustand. Es gibt einfach zu viele Leute mit zu gut gemeinten Ratschlägen. Die Angst wird geschürrt und somit kommt es zum Nachfrage nach solchen... Pseudohilfen.

    Kinder sind nun mal Kinder, sie sind von uns abhängig und auf unsere Hilfe angewiesen, allein dass sollte doch jedem Elternteil klar sein und ein jeder sollte auch wissen, wie er sein Kind ins Leben begleitet. Wozu also diese Kurse/Bücher/etc.? Um einfach die Verantwortung abzugeben? Die Schuld von sich zu schieben? Oder einfach nur nicht selber darüber nachzudenken?

  1. ... bei unseren Verwandten. Die haben nicht so viel Gefühlsschmacht bei der Erziehung ihrer Kinder ( "Wer sind Sie, mir was zur Kindererziehung sagen zu wollen? Haben Sie überhaupt "eigene" Kinder? ), die tuns einfach. Was lernen wir nun aus den Feldbeobachtungen bei unseren Verwandten?
    Junge (Schimpansen-)Mütter fassen den Nachwuchs schon mal an den Knöcheln und schleifen ihn hinter sich her ... tonk - tonk - tonk, sie haben manchmal Probleme, den Nachwuchs richtig anzusprechen ( würden wir sagen ), kurz, sie müssen zwar das Kinder-Zeugen und Kinder-Gebären nicht lernen, aber durchaus die adäquate Kindererziehung, learning by doing, und was beim ersten Kind nicht klappt, geht vielleicht beim zweiten oder dritten Nachwuchs besser.
    Die Feldbeobachtungen zeigen ferner, dass Mütter am unteren Ende der Sozialskala ( darf man sagen: allein erziehend? ) statistisch (!) mehr Probleme, d.h. weniger großgezogene Kinder haben als die Mütter am oberen Ende, wo schon mal Tanten, Onkel, ältere Geschwister, Cousinen und Cousins helfend und vielleicht korrigierend eingreifen, kurz, diese Kinder werden gewissermaßen mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, aus denen wird statistisch (!) mal was in der (Affen-)Gesellschaft.
    Klar, ich habe über Schimpansen geredet, das lässt sich natürlich üüüüberhaupt nicht auf Menschen und die menschliche Gesellschaft übertragen!

  2. ,d.h. vor allem in seinem Tempo lernen zu lassen.

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