Die Luft beißt schon ein wenig im Hals, als sich Kajo Wasserhövel im fünften Stock des Willy-Brandt-Hauses die nächste Zigarette anzündet. Die vierte in einer halben Stunde. American Spirit, amerikanischer Geist. Ob’s hilft?

Es ist Vorwahlsommer, das Land treibt träge durch die Ferien, doch in Berlin wuseln jetzt die Wahlkämpfer. Durch die Glaswände der SPD-Parteizentrale kann Bundesgeschäftsführer Wasserhövel das Treiben ungestört betrachten: Junge, schicke Stadtmenschen telefonieren, konferieren, delegieren, werten Umfragen aus, stimmen Termine ab, planen Internet-Offensiven. Alles ist auf ein Ziel ausgerichtet: diesen zähen Wahlkampf beschleunigen, ihm Dynamik und Emotion verleihen. Bis in den letzten Winkel des Landes, bis an den hintersten Stammtisch.

Wasserhövel nimmt einen tiefen, langen Zug. Amerikanischen Geist inhalieren und beim Ausatmen der SPD-Kampagne eine Brise Euphorie, ein wenig Obamania einhauchen. Die Massen bewegen. Das wär’s.

Dann fiele manches leichter in diesem vertrackten Sommer, in dem die SPD bei 25 Prozent verharrt. Und Wasserhövel, der Wahlkampfmanager, müsste sich nicht mehr jeden Tag, jede Stunde, jede Minute mit der immergleichen Frage quälen: Wie ist der Wähler nur zu packen? »Die SPD ist ja immer dann stark, wenn sie eine Sprache für das kleine Glück der Menschen hat«, sagt Wasserhövel. Aber was ist das: das kleine Glück? Und was wollen »die Menschen draußen im Lande«, von denen die Politiker immer reden – sie, die sich offenbar »drinnen« fühlen?

Wasserhövel ist ein leiser Mann in einem lauten Geschäft. Grauer Anzug, blassblaues Hemd, Fransenfrisur. Bei der vergangenen Bundestagswahl hatte er ein gutes Gespür für das, was die Leute wollen. Im Herbst 2005 spürte Wasserhövel, dass sie den neoliberalen Heilsversprechungen des Duos Merkel/Westerwelle nicht trauen würden. Die Sozialdemokraten, lange abgeschlagen, blieben nur knapp hinter der Union. Er lag richtig.

Vor der Europawahl in diesem Sommer glaubte Wasserhövel, die Menschen, verunsichert von der Krise, wollten den Staat als Retter sehen. Um jeden Preis. Für Opel, für Arcandor, all die großen Unternehmen. Er lag falsch.

Beide Male kippte die Stimmung jeweils kurz vor der Wahl. Die Politiker nahmen den Umschwung nicht wahr, die Demoskopen erfassten ihn nicht, die Medien bildeten ihn nicht ab. Es geschah unbeobachtet, draußen im Lande.

Was tut sich dort jetzt? In den Parteizentralen wird getestet und geprüft, dabei weiß Wasserhövel um die Verzweiflung hinter all diesem Tun. Die Leute draußen sind unberechenbar geworden, sie koppeln sich ab. »Die Menschen lassen sich von der kumulierten Medienlage nicht mehr beeindrucken«, sagt er, um zu erklären, dass er das Problem erkannt hat. »Wahlentscheidend ist das persönliche Gespräch. In der Familie, unter Freunden. Und am Stammtisch.«

Der Stammtisch. Ein altes Wort ist wieder da, eine unbekannte Macht, fast schon vergessen. Alle Wahlkämpfer in Berlin zögern, bevor sie diesen Begriff in den Mund nehmen. Einerseits ist der Stammtisch für sie ein mystischer Ort, wo sie den Menschen aufs Maul schauen könnten, wo die Wortführer noch nicht opinion leader heißen – und trotzdem Meinung machen und Wahlen mitentscheiden. Andererseits tun Politiker alles, um mit diesem Stammtisch nicht in Verbindung gebracht zu werden. Stammtischpolitik, Stammtischparolen, Stammtischniveau – schlimmere Dumpfheitsvorwürfe gibt es nicht. Wer am Stammtisch sitzt, schaut über den Rand des Bierkruges doch nicht hinaus.

Aber wie viel städtische Verachtung des Kleinbürgerlichen, des Provinziellen steckt in dieser Sichtweise? Und wie viel Angst der Oberen, dass sich hinter Wirtshausfenstern eine dezentrale Öffentlichkeit ihre eigenen Gedanken macht, autonom, im Verborgenen – von den Medien nicht eingefangen, von den Demoskopen nicht abgefragt?

Die meisten Deutschen leben in Städten mit 20000 bis 50000 Einwohnern. Das Land ist ein Puzzle aus Provinzen, in denen der Brunch vielerorts einfach noch Frühschoppen heißt und der politische Salon eben Stammtisch. Wer dabei nur an Sprücheklopfer, Testosterongedröhn und Trinkgelage denkt, der weiß nicht, dass der Stammtisch auf dem Land nach wie vor einer der wichtigsten sozialen Treffpunkte ist, manchmal der einzige. Nicht anders ist es in den Städten, in den Kiezkneipen außerhalb der Zentren. Laut einer Studie von Infratest dimap aus dem Jahr 2005 treffen sich 28 Prozent aller deutschen Erwachsenen regelmäßig in einem Vereinslokal, in einer Gaststätte zum Stammtisch. 40 Prozent von ihnen sind Frauen. Der Stammtisch ist der Thinktank der sogenannten kleinen Leute, Nachrichtenbörse und Debattierklub. Ein Ort, an dem noch analog getwittert wird. Ein Ort vor allem, an dem Politik nicht abstrakt ist, sondern konkret. Weil Entscheidungen aus Berlin hier zu Lebenswirklichkeit gerinnen.

Ist der Stammtisch deshalb vielleicht klüger, als man glaubt? Wie sieht das Leben aus – und auch die Politik –, wenn man die Dinge vom Stammtisch aus betrachtet?

Es sind gut 500 Kilometer von Berlin bis ins Sauerland, nach Schmallenberg mit seinen 25000 Einwohnern, 20 Schützenvereinen und 14 Männerchören. Hier beginnt der Feldversuch, den Stammtisch ernst zu nehmen, ihn anzuhören – und dabei geografisch einen weiten Bogen um Berlin zu machen. Einen Bogen, der zunächst über die Bundesstraße 236 führt und dann durch dichten Wald den Stichweg Waidmannsruh hinauf, wo in einem Talkessel der Stadtteil Latrop liegt. Fachwerkhäuser, wie ins Grün gewürfelt. Geranien, die sich über Fensterbänke wölben. Drei Stammtische, die regelmäßig tagen. Sonntagmorgen, die Kirchenglocken sind verklungen. Im Gasthof »Hanses Bräutigam« sitzen sechs Männer um die fünfzig beim Frühschoppen: der Dachdeckermeister Ulrich Lutter. Der Förster Klaus Holtmann. Der Ortsvorsteher Karl Rickert. Der Unternehmensberater Bernd Lepping. Der Steuerberater Klaus Schmidt. Und dessen Bruder Alfons, Lastwagenfahrer.

Spätes Patriarchat?

»Die Frauen treffen sich mittwochs.« Wenn Champions League ist.

Die Kellnerin bringt Cappuccino und Bier.

Latrop hat 150 Einwohner, die große Mehrheit ist tiefkatholisch. 2004 haben die Latroper ihren Ort zum »Bundesgolddorf« aufgehübscht. Der Zustand des Gemeinwesens wird in Hektolitern Bier bemessen, die beim Schützenfest getrunken werden. »Dieses Jahr 15! Das macht uns stolz!«, ruft der Wirt über den Tresen.

Wenn Kajo Wasserhövel Latrop kennen würde – es wäre ein Katastrophen-Kaff für ihn: Bei der Europawahl haben die Menschen hier zu 70 Prozent CDU gewählt. »Nicht wegen Merkel, eher trotz. Die steht nicht fest«, sagt Lutter, der nicht nur Dachdeckermeister ist, sondern auch Mitglied im Schützenverein, im Sportverein, im Gebirgsverein, im Spielmannszug. Im Kreistag sitzt er auch, natürlich für die CDU. Deshalb: Steinmeier und all die anderen? Noch wankelmütiger als Merkel! Keine Meinung, kein Mut, keine Entschlusskraft. So ist Latrop bei seinen Wahlgewohnheiten geblieben – ein Dorf, zu klein, um der Vielfalt Platz zu bieten. »Wir ahnen natürlich, wer die zwei, drei Leute sind, die die anderen gewählt haben«, sagt Lutter. »Die werden außerhalb des Protokolls geächtet.«

Rollendes sauerländisches Gelächter. Und noch ein Bier. So weit wird das Klischee bedient.

Wer dann ein wenig zuhört, den mäandernden Gesprächen bis hin zu Holzpreisen und Rotwild folgt, wer erfährt, dass die sechs Männer am Tisch 20 Autos brauchen, damit sie, ihre Frauen und Kinder Tag für Tag zur Arbeit kommen – der glaubt zunächst, das Dorf sei aus der Zeit gefallen. Und fragt sich dann, ob auch er den Fehler macht, alles an Berliner Maßstäben zu messen.

Die Kanzlerin hat zwar ein Video-Podcast im Internet, »aber wir hier haben noch nicht mal DSL«, sagt der Dachdeckermeister. Die Zeitungen sind voll mit Krise, aber die Latroper sind noch dabei, die letzte Katastrophe aufzuarbeiten, ihre Wälder aufzuforsten, nach Kyrill, dem Orkan im Januar 2007. »Das Holz, was da noch rumliegt, geht alles in die Spanplatte«, sagt der Förster mit Bedauern. Die neue Krise? Kommt jetzt die Täler raufgekrochen, Wandergruppen bleiben aus – da springt der Dax schon wieder von Jahreshoch zu Jahreshoch. Und die Politiker versprechen Steuersenkungen.

Lüge?

»Hundert Prozent.«

Aber ist eine Lüge noch eine Lüge, wenn alle wissen, dass es sich um eine Lüge handelt?