Partnerschaft Der Berliner Mann
Eine Abrechnung
Ein Berliner Biergarten. Die Sonne verabschiedet sich langsam, Freundin M. schiebt ihre Sonnenbrille in Haarreifposition. Dann beugt sie sich über den Tisch und sagt als Resümee unseres zweistündigen Gesprächs: "Dem Berliner Mann wird ab sofort gründlich misstraut."
Vor ein paar Tagen hat sie in einer schicken Bar einen Mann kennengelernt. M. und er verstanden sich auf Anhieb. Interessant auch sein Beruf: Pilot. Aber keiner, der Stewardessen schöne Augen macht, sondern mental fest im Kiez verankert. Vielleicht ein wenig zu fest, musste Freundin M. jetzt feststellen. Sie hat den Piloten zufällig im Spätverkauf an der Ecke getroffen: Er stand dort hinter der Kasse. Er hatte sich zu seinem Schluffileben ein Pilotenleben erfunden.
Schon lange vor diesem Vorfall hatten wir festgestellt, dass der Berliner Mann um die 30 in der Krise steckt. Der Berliner Mann hat zumeist wenig Perspektive und ist unglücklicherweise auch nicht früh zu Geld gekommen. Für die Quarterlife-Krise ist er zu alt, aber deutlich zu jung, um mit Rick Rubin ein Album aufzunehmen. Egal, was er gerade tut: Eigentlich hat er etwas ganz anderes vor. Wäre der Berliner Mann ein Kleidungsstück, wäre er wohl ein Kapuzenpullover.
Freundin M. nimmt einen langen Schluck Pils. Wir kommen überein: Der Berliner Mann ist nicht mehr witzig, sondern nervt. Ehrlich. Kaum deutet sich eine lose Affäre mit ihm an, zieht er bei seiner neuen Freundin ein. Schläft er doch mit Mitte 30 noch auf seiner Jugendmatratze. Seine Wohnung bleibt tabu, schließlich braucht er den Rückzugsort, wo er in Ruhe seine Comicsammlung sortieren kann.
Die Schluffigkeit des Berliner Mannes bedeutet keinesfalls, dass er keinen Druck ausüben könnte: Zeigt einer seiner Freunde erste Anzeichen des Erwachsenwerdens, zum Beispiel, indem er mit seiner Freundin zusammenzieht, kann der Berliner Mann durchaus kühl reagieren. Fühlt er sich doch in seinem Lebensentwurf bedroht.
Das, was man landläufig unter Manieren zusammenfasst, bleibt ihm fremd. Chancengleichheit? Bitte, kann die Lady haben. Dann soll sie sich bei der Jagd nach dem letzten Stück Parmesan im Kühlregal mal anstrengen.
Der Berliner Mann ist meist gar nicht in Berlin geboren. Nach dem Mauerfall aus der westdeutschen Provinz zugezogen, hat er sich rasch überassimiliert – und seither nicht weiterentwickelt. In Berlin kommt man nur mit großer Schnauze durch? Bestens. Bloß das Herz, das bei den echten Berlinern, Ost wie West, zumeist serienmäßig zur Schnauze mitgeliefert wird, fehlt dem, der von Marburg nach Berlin-Mitte gezogen ist. Berlin ist zum Sammelbecken jener Männer geworden, die ihre Wurzeln zur Heimat gekappt haben – wahrscheinlich, weil sie dort schon niemand mochte.
Der Berliner Mann hat es schwer, denn zu allem Überfluss ist eine neue Generation der Zugereisten in Berlin angekommen. Die Neo-Zugereisten kommen aus Italien, Spanien, Dänemark und Frankreich und haben zumeist schon viel von der Welt gesehen. Und während unser Berliner Mann mieses Schulenglisch spricht, jammernd vor einem todschick sanierten Haus steht und sich wehmütig daran erinnert, dass 1992 hier der Eingang zum illegalen Technoclub gewesen sein muss, eröffnet der Neo-Zugezogene rasch mal eine Agentur.
- Datum 06.08.2009 - 07:17 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 06.08.2009 Nr. 33
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Danke, Frau Kogelboom! Treffend formuliert! Wirklich absolut treffend!!
So etwas zu lesen ist köstlich!
Ach, da fällt mir ein: Ihr Artikel war mehrere Stunden nicht zu öffnen mit der Meldung "Seite nicht gefunden"!
War vielleicht einer Ihrer ZEITONLINE-Kollegen ein Berliner Mann?
Mir als Mann ist die weibliche Perspektive natürlich fremd. Gleichwohl kann ich als mittlerweile im Exil lebender Ureinwohner Berlins - nein, nicht kann - ich möchte aus vollster Überzeugung heraus beipflichten. Ich pflegte eine zeitlang den skeptischen Fragen, wie ich denn aus der einzig wahren Rock City Deutschland wegziehen könne, immer zu antworten, dass mir die Zugezogenen auf den Sender gehen, weil sie berlinerischer sein wollen als die Berliner. Der wahre Grund ist natürlich ein anderer. Für meinen Geburtsort konnte ich selbst herrlich wenig beitragen. Insofern erübrigt sich die Frage nach dem Stolz. Und lang genug habe ich die Klischees ignoriert. Aber mittlerweile scheint sich das, was ja nur in einem Bruchteil Berlins passiert, was aber für den Mythos Berlin steht, immer öfter selbst ungewollt zu persiflieren und ich hoffe nur, dass das, was Berlin mal zu diesem Mythos verholfen hat: Der Tatendrang, die zielstrebige Rock'n'Roll-Attitüde, nicht zu einem H&M-Werbespot verkümmert. Dann könnte ich während meiner Besuche in meiner Heimat auch das Schwäbeln beim Bäcker besser ertragen.
don't believe the hype!
einfach eine möglichst schlichte und verallgemeinernde These in den Raum stellen.
Dann werden schon genug mehr oder weniger intelligente Beiträge reinkommen. Inhaltlich bringts aber nicht so besonders viel...
risch!
risch!
risch!
... würde man im Artikel mit einem Textersetzungsprogramm "Mann" und "Frau" austauschen, so gäbe es einen Aufschrei wegen Frauenfeindlichkeit. Aber über Männer darf man halt herziehen wo es nur geht. Schade.
[entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe und formulieren Sie Kritik sachlich. Die Redaktion/ mwe]
Ich kann meinen Vorrednern teilweise nicht zustimmen.
Dieser Artikel strotzt nur gerade so vor Cliches und man Fragt sich beim Lesen ernsthaft, wo sich besagte Autorin abends so "rumtreibt", dass sie derartige Lügner trifft. Offenbar auch nicht im Stande eine vernünftige Frage über den Beruf Pilot zu stellen, was schnell zu einer Übeführung desjenigen geführt hätte, nein es wird natürlich "geschluckt".
In Berlin trifft man halt das unterschiedlichste Klientel, da kann der Griff ins Klo schonmal passieren. Daraus aber gleich einen Rundumschlag in einem eigentlich renommierten Blatt zu machen (welches dann auch den Artikel, ungeprüft (?) zu übernehmen scheint), spricht von einem ganz kleinem Ego der Autorin.
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