Für die Ehefrau waren die Wochen nach der Hochzeit wohl kein ungetrübtes Vergnügen. Ihr Mann musste arbeiten, er hatte nur noch wenig Zeit bis zur Uraufführung, um sein Klavierquartett fertigzustellen, und es dürfte Marie-Laure kaum getröstet haben, dass darin Glück und Furor der Liebe steckten, alle Zerrissenheit des Komponisten auch und vielleicht sogar die Ahnung eines entsetzlich traurigen Endes. Warum in aller Welt führt er im zweiten Satz einen Choral in Moll ein und kommt nicht wieder davon los? Das B-Dur-Klavierquartett von Camille Saint-Saëns, 1875 vollendet, ist eines der Stücke, bei denen Leben und Kunst schwer zu trennen sind. Und eines der stärksten dieses Mannes, der so hochbegabt wie Mozart und Mendelssohn begann – davon kündet auf dieser CD auch ein E-Dur-Klavierquartett des 17-Jährigen.

Doch zur Genialität brach Saint-Saëns erst später durch. Nicht zuletzt dank Marie-Laure Truffot. Sie muss sehr schön gewesen sein, diese 19-Jährige, in die sich der 39-jährige Komponist, Pianist, Organist, Ritter der Ehrenlegion so Hals über Kopf verliebte, dass die beiden im Februar 1875 heirateten. Vor und nach dem Termin entstand das Opus 41, und wenn es eine Musik gibt, in der man erwiderte Liebe hört, dann ist es der erste Satz mit seinen sanften, einander überlagernden Wellen, seinen weiten Horizonten. Es beginnt mit schlichten Klavierakkorden, nach denen, zu denen die drei Streicher einen Bogen schlagen – wobei der Geiger Mark Gothoni, der Bratscher Hartmut Rohde und der Cellist Peter Hörr wirklich klingen wie ein Instrument. Oder eine Person. Ihr Gegenüber am Klavier ist Paul Rivinius. So klar wie sensibel spielt er den Part, den Camille Saint-Saëns bei der Uraufführung selbst übernahm.

Seltsames geschieht im zweiten Satz. Zornig und in Moll meißelt der Pianist eine Art Paso-doble-Rhythmus, einen Rumpelstilzchentanz, und die Streicher legen einen Choral darüber. Das Sakrament der Ehe? Der Einsatz fiktiver Choräle kommt in der Kammermusik seit Mendelssohns c-Moll-Klaviertrio zwar häufiger vor; dass aber zwei grundverschiedene Sphären einander von Satzbeginn an so radikal gegenüberstehen, lässt noch heute aufhorchen – und natürlich die unglaublich souveräne Kontrapunktik, mit der der Bach-Fan Saint-Saëns dann beides zusammenführt, bis wütende Klavierbässe zu bebenden Stützen des Chorals werden, der sich alsbald in schwelende Chromatik verwandelt. Es folgen ein gefährlich witziges, von dramatischen Rezitativen unterbrochenes Scherzo und ein Finale, in dem schier alles vorkommt.

Ohne je dick aufzutragen, aus der Struktur heraus realisiert das Mozart Piano Quartet Sturm und Drang, lässt Idyllen blühen und chromatische Giftblasen platzen, zelebriert vibratolos noch einmal den Choral. Die Liebe des ersten Satzes taucht wieder auf wie eine Erinnerung, danach sind Glück und Getriebenheit nicht mehr zu unterscheiden. Wobei die finale Verschränkung aller Themen ganz formal begründet ist: Saint-Saëns folgte dem Prinzip einer sonate cyclique.

Die Ehe hinter diesem Stück scheiterte tragisch. Drei Jahre später kamen innerhalb weniger Wochen die beiden Söhnchen des Paares ums Leben, durch Unfall und Krankheit. Der verzweifelte Komponist gab seiner Frau die Schuld daran und ließ sie sitzen. Wobei es wohl auch eine Rolle spielte, dass er eigentlich homosexuell war. Das steht natürlich nicht in diesem Klavierquartett. Aber es ist auch ganz ohne Biografie eines jener Stücke, die vom ganzen Leben erzählen.