Anschlag auf Mallorca Gemeint sind wir
Was geht uns der Anschlag von Mallorca an? ZEIT-Redakteur Steffan Willeke war zum Urlaub auf der Insel

© Rolf Vennenbernd/dpa
Ein Tag nach dem Anschlag: Deutsche Touristen kehren aus Mallorca zurück
Irgendetwas stimmt mit dieser Bombe nicht, sie passt nicht hierher. Der Krieg des 21. Jahrhunderts hat die Ferieninsel Mallorca erreicht, aber ich sitze in einem geliehenen Ford Focus und fahre zum Strand. Es gibt in diesem Augenblick nicht viel zu sagen über den Krieg des 21. Jahrhunderts, weil ich ihn zuerst gar nicht bemerke. Ich ärgere mich über den Stau, in den ich geraten bin, über die sinnlosen Absperrungen der spanischen Polizei. Warum diese Verzögerung? Später wird es im Radio heißen, dass eine Bombe hochgegangen sei, vor einer Polizeikaserne im Süden der Insel. Zwei Männer der Guardia Civil kamen um. Vermutlich steckt die baskische Terrorgruppe Eta dahinter. Die Polizei sucht die Täter, riegelt die Häfen ab, kontrolliert die großen Straßen, evakuiert Hotels. Das Fernsehen wird bald Bilder eines ausgebrannten Autowracks bringen. Aber ist das überhaupt möglich, ein Terroranschlag auf Mallorca? Kann jemand diese Insel so ernst nehmen, dass er ihr etwas antun will?
Am Donnerstagnachmittag der vergangenen Woche, kurz nach dem Attentat, ist am Strand alles wie immer. Blauer Himmel, 32 Grad. Ich will gerade schwimmen gehen, als die Nachricht von der detonierten Bombe eintrifft, den toten Polizisten. Was soll man tun? Die Mädchen mit den Federballschlägern spielen weiter Federball, die Jetskifahrer fahren Wasserski, niemand lässt sich aufhalten. Müsste etwas geschehen?
Geht uns das etwas an, uns, die wir hier in unseren kurzen Hosen tatenlos herumstehen?
Es geht etwas seltsam Ungefähres aus von dieser Bombe. Das Attentat geschah in Palmanova, gleich hinter den Hügeln, gar nicht weit weg. Aber es kann kein starkes Feuer ausgebrochen sein, man sieht keinen Qualm. Es kann auch keine große Detonation gewesen sein, man hörte keinen Knall.
Ein Terrorakt, aber kein Inferno. Die Attentäter haben Polizisten umgebracht, Repräsentanten des spanischen Staates. Hat die Bombe auch uns gemeint?
»Es geht gegen den König, ihr seid aber doch das Volk«
Das ist die Frage, hier am Strand, wie im Terrorkrieg des 21. Jahrhunderts: Wer ist gemeint? Wer ist gemeint außer denen, die sterben? Eine Nation? Eine Weltgegend? Eine Weltanschauung? Meint die Eta den spanischen Staat, wenn sie auf Mallorca bombt? Wer muss sich schützen, wer nicht? Kann sich jemand sicher fühlen, weil er in kein Beuteschema passt?
Der Kellner in der Strandbar will nicht gleich sagen, was er aus den Radionachrichten weiß. Bombe? Er lässt mich das Wort dreimal wiederholen, dann antwortet er: »Ja, eine Bombe. Die Eta. Keine Islamisten, bloß die Eta.« Es klingt, als spreche er über eine altmodische Marotte, einen Rest von separatistischem Furor in einer Zeit der internationalen Großkonflikte. Eta. Wie er das sagt, klingt es nach einem Missverständnis. Der spanische König werde bald seinen Sommerurlaub auf Mallorca verbringen, meint der Kellner, deswegen die Bombe. Es geht gegen den König, ihr seid das Volk, ihr seid nicht gemeint.
Wer war gemeint? Die Frage durchbricht dieser Tage das ewige Urlaubsgefühl auf Mallorca, diese Frage durchbricht aber auch immer wieder unser weltweites westliches Wohlfühlgefühl. Die Frage kann verhängnisvoll sein, denn in ihr verbirgt sich die Unterstellung, die Attentäter könnten ein ergründbares Motiv gehabt haben, einen rationalen Kern ihres Handelns. Hat man ihn entdeckt, dann sind die Ziele der Terroristen vielleicht zu ahnen, dann sind die eigene Haut und der Urlaub vielleicht gerettet. Die Attentäter von Mallorca meinten den spanischen Staat, nicht uns, nicht die Deutschen, Gott sei Dank.
Aber wenn es wahr ist, dass der Terrorismus so global geworden ist wie die Ökonomie, dann verkörpert die Eta nicht das vergangene Jahrhundert, dann sind die Taliban keine neuartige Gefahr. Dann löst die per Handysignal gesteuerte Sprengfalle nicht die Haftbombe ab, dann geschieht alles zugleich.
Auf Mallorca schien es in den Stunden nach dem Anschlag etwas zu geben, das es sonst vor allem im Nahen und Mittleren Osten gibt – den CNN moment . Der CNN moment der Insel Mallorca war viel flüchtiger und leiser, er war ein ZDF-Moment. Ich hatte noch nichts von dem Bombenanschlag erfahren, da schrieb mir ein Nachbar aus Hamburg schon in einer SMS: »Geht es euch wirklich gut?« Er hatte die ZDF-Bilder vom Attentat gesehen. Ein Freund aus Turin, der gerade im Schwarzwald Urlaub machte, schrieb mir in einer SMS: »Ich sitze gerade vor dem Fernseher. Seid ihr okay?« So ging es einen Abend lang, auch die Mailbox des Handys war voll mit besorgten Anrufen.
Ich saß noch spät auf der Terrasse der Finca, die wir gemietet hatten, vom Ort des Terroranschlags acht Autominuten entfernt. Unter einem Sternenhimmel lag die nachtschwarze Meeresbucht. Ist das hier eine symbolische Sekunde in jenem asymmetrischen Krieg, den wir sonst nur von den Auslandsseiten der Zeitungen oder aus den Krisengebieten der Welt kennen? Sind das die losen Enden jener aufgerauten Welt – das sprachlose Meer, der sprechende Fernseher, die Ruhe am Ort des Attentats, die Unruhe der Fernsehzuschauer zu Hause, die Sorgeninsel, die bis gerade eine Sonneninsel war?
In der Zeitung steht am nächsten Morgen, es werde bald viele Deutsche geben, die ihren geplanten Mallorca-Urlaub absagen. Der ZDF-Moment hat sie offenbar schockiert. Hotelmanager sagen, sie würden Preisrabatte einräumen. Tourismusfirmen sagen, sie machten sich Sorgen. Aber das könnten die falschen Sorgen sein. Denn wenn es stimmt, dass Bomben das perfideste Mittel gegen die Demokratie sind, dann käme es darauf an, sich um die Demokratie zu sorgen, sobald es knallt. Es käme darauf an, Terroranschläge für beabsichtigte Erschütterungen zu halten, für Verletzungen einer gemeinsamen Schutzhülle, nicht bloß für eine Urlaubsunterbrechung, nicht bloß für ein Nachrichtenspektakel.
Als ich im August vor einem Jahr in Kabul war, der afghanischen Hauptstadt, reiste ich nicht als Tourist dorthin, sondern als Reporter. Es klingt vielleicht seltsam, aber Kabul ist ein guter Ort, um etwas über Deutschland zu erfahren – einen Staat, der sich am Krieg gegen den Terror beteiligt, den die meisten Deutschen nicht mehr wollen. Auch in Afghanistan stellt sich pausenlos die Frage: Was geht uns das an? In Kabul kann man über die Verteidigung der Freiheit unerwartet viel erfahren, wenn man ein spezielles Restaurant besucht.
Jenes Restaurant, in dem ich ein paar Mal war, gleicht einer Insel, umgeben von einer riskanten Stadt. Wer auf diese Insel will, muss durch eine doppelte Sicherheitsschleuse, vorbei an grimmigen Security-Leuten, die Metalldetektoren bei sich führen. An den Tischen im Garten sitzen afghanische Minister, Parlamentarier, Männer und Frauen. Hinter ihren Rückenpolstern hohe Steinmauern, Stacheldraht, Schutzgitter. Botschaftsleute aus dem Westen kommen auch dorthin, UN-Mitarbeiter, Journalisten. Es wird viel geredet, ungezwungen, illusionslos und offen. Das Restaurant ist der Zufluchtsort einer kleinen Elite, die sich für die Freiheitsrechte einsetzt.
Die Wahrheit über Mallorca erfährt man in Kabul
Es ist vielleicht ein irritierender Platz, um die Demokratie auszuprobieren, aber in einem chaotischen Staat bleibt der Demokratie nicht viel Raum. Auf Mallorca wäre dieses Restaurant nicht der Rede wert, in Kabul ist es eine Sensation. Es ist gefährdet, aber es existiert. Es wurde zur Festung, weil es darauf bestand, unter allen Umständen ein Restaurant sein zu wollen. Es traut sich, die Überlegenheit des Terrors zu leugnen, indem es einfach da ist.
Es wäre leicht, sich über dieses Restaurant lustig zu machen. Es behauptet von sich sogar, italienisch zu sein. Darüber lacht in Kabul niemand. Ich habe dort gelernt zu staunen, zum Beispiel über den unbedingten Willen, sich mit den Mitteln eines Restaurants in den Kampf um die Freiheit überhaupt einzumischen. Erstaunlich ist, wie sensibel man sein muss, um den Kampf gegen den Terror aufzunehmen. Man muss sensibel sein für die Idee dahinter, die Idee von der Freiheit. Man kann dafür aber nicht sensibel sein, wenn man kein Gefühl mehr hat für die Größe der Idee. Wir sind nicht gemeint, wenn eine Bombe die Freiheit bedroht. Das will uns der mallorquinische Begriff von der kostenlosen Freiheit weismachen. Doch, wir sind gemeint, das sagt uns der afghanische Begriff von der kostbaren Freiheit. Wenn wir ihn ernster nähmen, würde uns vielleicht etwas auffallen.
Es wäre doch denkbar, dass auch unsere Demokratie eine Insel ist, viel schützenswerter als unser Urlaub. Aber was ändert das? Was können wir tun, wenn auf Mallorca eine Bombe hochgeht? Nichts können wir tun, nichts, was uns wesentlich vorkäme. Wir könnten versuchen, das Verkehrschaos, das wegen der großen Trauerfeier für die ermordeten Polizisten entsteht, nicht als Ärgernis zu empfinden. Und wir könnten uns vorstellen, dass auch wir gemeint sind.
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- Datum 06.08.2009 - 12:47 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 06.08.2009 Nr. 33
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Sehr geehter Herr Willeke,
sicher ist es erforderlich sich dem Vorgang irgendwie zu nähern. Um so bedauernswerter ist allerdings die rein deskriptive Herangehensweise. Sowohl im beschriebenen speziellen Fall wie auch in der Unbestimmtheit mit der hier die Termini "Anschlag" und "Terror" durcheinanderpurzeln.
Zudem ist es durchaus möglich mit den Eindrücken vom TO eine Einschätzung der unmittelbaren Zeilsetzung zu gewinnen. Was daraus als Folgewirkung im Beobachter wird, bestimmt dessen Vermögen den Sachverhalt angemessen zu würdigen. Womit die Probleme dann auch einsetzen. Die Frage nach Ursachen und Zielen ist sicher genauso berechtigt wie die Frage nach dem Schutz des Einzelnen. Leider, entgegen mancher Wunschvorstellung, können aber darauf nur perspektivische Antworten gegeben werden. Abseits der Feststellung eines allgemeinen Lebensrisikos eröffnet sich doch an diesem Fall die Feststellung das nur ein relativ kleiner Gefahrenbereich vorhanden war und vom Ansatz her keine erhebliche Gefährdung Dritter geplant war.
Terror ist immer das, was die Wahrnehmung des Rezipienten und der Beobachter daraus macht. Beide sind unterschiedlich stark von den physikalischen Auswirkungen betroffen. Die seelische Wirkung, auch Ihrer Beschreibung zu entnehmen, ist eine andere.
Denn weder ist der "Terrorismus" ein neuartiges Instrument noch sind die "Taliban" für Westeurope eine völlig neue Form der Bedrohung. Wer das so zu sehen meint hat die realen Probleme des kalten Krieges verdrängt oder vergessen. Denn außer einer personellen Verschiebung der Akteure hat sich, entgegen wohlfeiler Hysterie, wenig bei den realen Gewalt-(Tat)mitteln geändert.
Den Bogen vom Mittelmeer nach Kabul zu spannen überdehnt die Zusammenhänge ein wenig. So sehr es sich bei einer USBV mit zwei Toten um eine menschliche Tragödie handelt, so wenig wird damit ein Staat in seinem Bestand bedroht; selbst eine erheblich höhere Opferzahl ist unter diesem Gesichtspunkt irrelevant. Nur wird das gerne von Schönwetterdemokraten vergessen.
In Afghanistan spielt nur eine Minderheit die demokratische Karte, mehrheitlich scheinen die Beteiligten auf Stagnation zu setzen, was von einer spanischen Insel so sicher nicht gesagt werden kann.
Dem, mutmaßlichen, Wahnsinn Normalität entgegenzusetzen ist sicher eine der vernünftigeren Handlungsformen. Spekulationen, wer oder wessen Freiheit gemeint sein könnte, sind dagegen nicht zielführend.
Mfg
Karl Müller
....und die Größe der Idee. Das klingt so nach diesen patriotischen Kriegsfilmen. Mir ist dieses Gerede schon recht. Schließlich lebe ich ganz gut auf unserer demokratischen Insel. Und schließlich haben wir unsere demokratische Insel auch ziemlich ausgedehnt. Klar, dass es denen auf der demokratischen Insel soweit für die Stabilität nötig auch gut gehen soll. Diejenigen, die nicht auf unserer Insel sind, ich denke die wollen einfach nur etwas von unserer Freiheit abhaben. Wir wollen aber nichts hergeben. Wo kämen wir dahin. Wenn wir Kupfer brauchen dann holen wir uns das. Das ist die Freiheit der Demokratie. Ja dann ist China wohl auch eine Demokratie, die haben auch schon erkannt das in Afrika super Rohstoffe lagern. Die Idee der Freiheit ist wirklich eine große Idee. Sie bräuchte nur viele Eingeständinsse.
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