Er hat nur 18 Minuten, aber die wird er nutzen. Am Sonntag präsentiert sich Guido Westerwelle im Sommerinterview des ZDF. 18 Minuten Sendezeit als Wahlkampfauftakt der Liberalen. 18 Minuten für Westerwelles Wahrheiten, die er danach überall wiederholen wird: Die FDP ist glaubwürdig. Die FDP ist verlässlich. Die FDP ist die letzte Hüterin der Marktwirtschaft, während die anderen Parteien auf dem Weg in den Staatskapitalismus sind. Westerwelle wird seine Partei, einst als ein Haufen Umfaller verspottet, als standhaft beschreiben. Dem FDP-Chef geht es um Haltung.

Das Problem mit der Haltung der FDP ist nur, dass sie sich seit dem Ausbruch der Krise auf zwei Sätze reduzieren lässt: Was die Liberalen ganz gut können, ist erst einmal Nein sagen. Was sie nicht so gut können, ist, dabei zu bleiben.

So ziemlich jede Maßnahme, die die Bundesregierung zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise beschloss, hat die FDP vehement kritisiert – und sie später doch irgendwie mitgetragen. Zum Beispiel das zweite Konjunkturpaket im Frühjahr: Niemand könne erwarten, »dass wir ein Paket unterstützen, mit dem in Wahrheit die Steuern nicht gesenkt, die Schulden aber erhöht werden und bei dem für die Konjunktur herzlich wenig herumkommt«, wetterte Westerwelle im Bundestag. Tatsächlich unterstützte die FDP das Paket dann doch: Im Bundesrat stimmten alle Länder, in denen die Liberalen mitregieren – Nordrhein-Westfalen, Hessen, Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen – mit Ja.

Prinzipienfest im Bund und gleichzeitig anpassungsfähig in den Ländern: Es ist ein Spagat, den die FDP hinlegt. Noch gelingt es der Parteiführung recht gut, diesen Gegensatz kleinzureden. Doch wie standhaft ist die FDP wirklich? Wird sie, sobald sie in Berlin an der Regierung beteiligt ist, genau das wieder tun, was sie doch niemals mehr wollte – umfallen?

Die Konzernzentrale von Heidelberger Druck ist ein schmuckloser, grau gekachelter Kasten, recht unprätentiös für einen Weltmarktführer. 19000 Mitarbeiter beschäftigt das Heidelberger Unternehmen, rund die Hälfte davon in Baden-Württemberg. Eine Viertelmilliarde Euro Verlust hat der Konzern im vergangenen Geschäftsjahr gemacht, man spürt die Krise, und so hat Heidelberger Druck im Mai um eine staatliche Bürgschaft gebeten – als erster Antragsteller beim sogenannten Deutschlandfonds.

Der Deutschlandfonds, ein Kredit- und Bürgschaftsprogramm für Unternehmen, ist eine der Krisenmaßnahmen der Koalition in Berlin. Die FDP hat den Fonds stets abgelehnt. Mit dem Deutschlandfonds greife der Staat »massiv in die Wirtschaftsstrukturen ein. Das verstößt gegen die Chancengleichheit, einen Grundgedanken der sozialen Marktwirtschaft«, sagt Rainer Brüderle, der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP. Allein um ihre Chancengleichheit zu wahren, würden Konkurrenten dazu verleitet, ebenfalls Unterstützung zu beantragen.

An einem Dienstag im Juni kommt im Stuttgarter Landtag der Wirtschaftsausschuss zusammen. Auf der Tagesordnung steht der Bürgschaftsantrag aus Heidelberg. Für 230 Millionen der insgesamt 550 Millionen Euro soll Baden-Württemberg geradestehen, die Beratungsvorlage stammt aus dem FDP-geführten Wirtschaftsministerium. In der Ausschusssitzung wird heftig diskutiert: Das Geld der Steuerzahler werde zu großzügig gewährt, der Wettbewerb verzerrt, die Banken sollten dem Unternehmen helfen, nicht der Staat. Argumente, so liberal, rein und klar, dass sie jedes FDP-Wahlprogramm zieren würden. Jedoch: Es sind die Grünen, die so argumentieren. Die FDP ist für die Bürgschaft – schließlich hat ihr Wirtschaftsminister Ernst Pfister in seiner Vorlage genau das empfohlen.