Frauenpolitisch kann man es so sehen – oder so. Aus frauenpolitischer Sicht lassen sich gleichermaßen Argumente für oder gegen das Flatrate-Modell in deutschen Billigbordellen anführen, das die Gemüter erhitzt und die Staatsanwaltschaft auf den Plan rief.

Eine Position könnte lauten: Flatrate entzieht der Prostitution den letzten Rest an Menschenwürde. Wenn es allein dem Freier überlassen ist, über die Leistung zu bestimmen, welche die prostituierte Frau zu erbringen hat, haben wir es nicht mehr mit dem ältesten Gewerbe der Welt zu tun, sondern mit der neuesten Form von Sklaverei. Mit Flatrate-Sex kommt nicht nur eine Geschäftsidee in die Welt, sondern auch eine moralische Idee mit Symbolcharakter. Eine Gesellschaft, die heute Flatrate-Sex toleriert, wird morgen zu der Ansicht zurückfinden, es handele sich bei einer Vergewaltigung um ein bedauerliches, aber eben nun mal triebgesteuertes Kavaliersdelikt.

Eine andere Position wäre: Die Flatrate-Praxis dient der Aufklärung. Sie schärft das Empfinden dafür, dass der verkaufte weibliche Körper eben wirklich nichts anderes ist als eine Ware wie Alkohol oder Telefonzeit. Eine Ware, die der allgemeinen Entwicklung auf dem Konsummarkt ausgesetzt ist. Vielleicht gibt es schon im nächsten Sommer Flatrate-Warenhäuser und Flatrate-Kinos. Nähme man indes den Markt der Prostitution von dieser Entwicklung aus, schüfe man ihr lediglich ein verlogenes Reservat. Die Flatrate-Idee entreißt der Prostitution den letzten Rest an Plüsch- und Rotlichtzauber. Dies ist die härtere, aber wohl auch konsequentere Position.

Denkbar ist noch eine Reihe anderer Positionen. Denn die heikle und nicht ganz unschmuddelige Angelegenheit um Bordelle namens Pussy-Club lässt sich höchst kontrovers diskutieren. Es wird auch diskutiert – von den Kirchen, von den Huren-Verbänden, von den Medien, von der Staatsanwaltschaft. Nur von den Frauen selbst erstaunlich wenig. Nein, damit sind nicht die Frauen gemeint, die dem Gewerbe nachgehen. Sondern der Rest der Geschlechtsgenossinnen, jene weiblichen 51 Prozent der deutschen Bevölkerung. Jene Gesellschaftshälfte, für die es von politischem Belang ist, wie das Land, in dem sie lebt, sich zu einer knallhart konkreten Frage wie Flatrate-Prostitution verhält. Nur wirkt es, als sei diese weibliche Gesellschaftshälfte eher gelangweilt, eher genervt vom Igitt-Thema »Pussy-Club«. Das stolze Behagen, in einem Land mit einer Bundeskanzlerin zu leben, scheint die Bereitschaft zu verhindern, sich mit einem solchen Thema zu besudeln. Keine Kampagne oder gar Aktion, keine laute, öffentliche, außerparlamentarische Einmischung weiblicherseits, kein spürbarer Impuls, in der allgemeinen Flatrate-Aufregung die Meinungshoheit zu erringen. Oder überhaupt eine geschlechtsspezifisch verbindliche Meinung zu haben! Eine solche zu formulieren wird dann also doch wieder dem Kölner Dino Alice Schwarzer und ihren Talkshow-Auftritten überlassen bleiben.

Denn ganz besonders wenig ist aus jenen Frauenkreisen jüngerer Generation zu hören, in denen der sogenannte Postfeminismus zu vermuten ist. Von diesem ist die Abwehr gegen die antipatriarchale Paranoia des einstigen Radikalfeminismus bekannt, die Abwehr gegen die Realitätsfremdheit schematischer Geschlechterkämpfe, gegen historisch überholte Emanzipationsforderungen und gegen den selbstherrlichen Auftritt der Alice-Schwarzer-Generation. Alles d’accord. Aber darüber, über diese Bewusstseinsbeschreibung ex negativo, hinaus? Oder ist mit Postfeminismus nur das Problem gemeint, wie in gleichberechtigten Akademikerhaushalten in Prenzlauer Berg die Küchenarbeiten gerecht zu verteilen und die Schließzeiten von Kindergärten mit den Arbeitszeiten von Werbeagenturen und Fernsehsendern zu vereinbaren sind? Weil sich der frauenpolitische Rest von allein erledigt oder vom Frauenüberschuss in Steinmeiers Kompetenzteam erledigt wird?

Niemand bezweifelt ernsthaft, dass im Übergang von der formelhaften Programmatik des kämpferischen Feminismus der siebziger und achtziger Jahre zur politischen Differenzierungsfähigkeit, die den Postfeminismus auszeichnet, ein Fortschritt, ja eine Befreiung zu sehen ist. Nur hätte man diese Differenziertheit, die sich, keineswegs ganz zu Unrecht, gern mit der Aura reiferer feministischer Klugheit umgibt, gerne einmal auf eine Frage wie die nach der Flatrate-Prostitution angewandt gesehen. Darüber, dass es in Deutschland ein paar mehr C-4-Professorinnen, Intendantinnen und Kindergärten geben sollte, lässt sich schon deshalb spielend leicht Einigkeit herstellen, weil der rasante Gang der Emanzipationsgeschichte die beste Prognose darüber erlaubt, dass sich all dies in ein paar Jahren noch weiter gewandelt haben wird. Dafür braucht man kein großes politisch-programmatisches Instrumentarium. Für die Position in einem komplizierten Fall wie dem der Flatrate-Diskussion aber durchaus. Denn es ist keineswegs so spielend leicht, gegenüber einer 19-jährigen Unterschichtlerin, die ihre Tätigkeit in einem miesen Vorortpuff verteidigt, eine politische Haltung einzunehmen.

Eines ist dem alten Feminismus hoch anzurechnen. Er befasste sich nicht nur mit den, nennen wir sie: »sauberen« Themen der Frauenpolitik, mit Themen wie Quote, Gleichheit der Bildungschancen, Mütterzeiten, Väterzeiten. Er quälte sich auch mit den »unhygienischeren« Themen ab, Pornografie, Prostitution, Abtreibung. Und wie es aussieht, ließ der Postfeminismus eben hier in aller Stille ein Tabu ins engagierte Interesse einreißen. Auf dem Weg vom feministischen zum postfeministischen Denken blieb die politische Analyse hinter der feuilletonistischen Stimmungsbeschreibung zurück. Sie erfasst viel und vieles richtig. Aber manches lässt sie lässig links liegen. Es könnte sein, dass wir demnächst in gemischter Runde zusammensitzen, kluge Männer klug über Flatrate diskutieren und wir ein bisschen ratlos in die Luft gucken. Und das, liebe Damen 30 plus, kann’s ja auch nicht sein.