Wirtschaftsminister »Es kommt auch wieder anders«
Ein Gespräch mit dem beliebtesten Politiker Deutschlands, Karl-Theodor zu Guttenberg, über die Gründe seiner Popularität und die Gefahren des Erfolgs

© Andreas Rentz/Getty Images
Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg
DIE ZEIT: Herr zu Guttenberg, vor Ihnen liegen noch vier Wochen volle Arbeit und vier Wochen Wahlkampf, und dann sind Sie Ihren Job erst mal wieder los…
Karl-Theodor zu Guttenberg: Halt, acht Wochen volle Arbeit!
ZEIT: Was ist denn das eine Verdienst, bei dem Sie sagen würden: Da fällt das Licht zu Recht auf mich?
zu Guttenberg: Es mag sein, dass die eine oder andere Frage, die einem ein gerüttelt Maß an Stand- beziehungsweise Prinzipienfestigkeit abverlangt hat, vielleicht auch einmal mit meinem Namen in Verbindung gebracht werden wird.
ZEIT: Die Union sagt, Leistung muss sich wieder lohnen. Das Ministeramt hat sich für Karl-Theodor zu Guttenberg ganz offensichtlich gelohnt, Sie sind derzeit der beliebteste Politiker. Aber es steht der Vorwurf gegen Sie im Raum, eigentlich nichts Konkretes geleistet zu haben.
zu Guttenberg: Es ist nicht mein Stil, mich jeden Tag in die Brust zu werfen und zu sagen, hier ist was gelungen, dort ist was gelungen. Wir arbeiten in diesem Hause rund um die Uhr, um die Folgen der Finanzkrise zu bewältigen. Da herrscht keine Langeweile. Wir stehen in dieser Zeit der Krise dafür, dass für alle die dieselben Kriterien gelten. Wir sorgen dafür, dass mit Steuermitteln ordentlich umgegangen wird. Das würde ich auch mir zu einem gewissen Teil auf die Flagge schreiben.
ZEIT: Sie sind durch Ihr Verhalten bei der Opel- Rettung populär geworden – obwohl Sie Nein gewollt und Ja gesagt haben. Bei Ihnen kam als Prinzipientreue rüber, was anderen als Wankelmütigkeit angekreidet werden würde. Warum ist die Öffentlichkeit so gnädig mit Ihnen?
zu Guttenberg:(lacht) Das hat weder mit Gnade noch mit Wankelmut zu tun. Ich habe übrigens Nein gewollt und Nein gesagt. Wenn in sehr harten Verhandlungen irgendwann klar wird, dass man dafür keine Mehrheit gewinnt, kann man es sich leicht machen und beidrehen. Ich habe gerungen und konnte mich in der einen ominösen Nacht nicht durchsetzen. Wenn man dann aber gemeinsam beschließt weiterzumarschieren, dann dürfen die Bürger mit Recht erwarten, dass sich nicht einer in den Schmollwinkel zurückzieht. Ich mache aber bis heute keinen Hehl daraus, was ich für richtig und für falsch halte.
ZEIT: Trotzdem sind Sie ein kleines politisches Wunder. Die meisten Politiker werden populär, nachdem sie Erfolg hatten. Bei Ihnen ist es umgekehrt. Ihr Erfolg ist Ihre Popularität.
zu Guttenberg: Popularität an sich kann und darf kein Erfolg sein. Glaubt man das, begibt man sich in die Abhängigkeit von Momentaufnahmen. Ich begegne der Außenansicht mit einem hohen Maß an Skepsis. Ich beobachte das politische Geschäft lange genug, um auch die Endlichkeit von Beliebtheit zu kennen.
ZEIT: Das sagen alle Politiker – und segeln doch auf ihrer Popularität.
zu Guttenberg: Und trotzdem hilft kein Segel gegen eine Flaute. Beliebtheit ist doch vor allem eine Mahnung zur Bodenhaftung. Ich rechne schließlich damit, dass es auch wieder anders kommt…
ZEIT: …weil, wer Platon im Original liest, auch die antiken Heldensagen kennt: wer zu steil aufsteigt, weckt den Neid der Götter?
zu Guttenberg: Im Ernst: Dass ich einen sehr ungewöhnlichen Weg gegangen bin, ist mir klar. Und man muss sich bewusst machen, dass das Ungewöhnliche nicht zur Regel werden kann. Im Übrigen bin ich froh, nur an einen Gott glauben zu können. Aber auch der warnt einen davor, sich mit Flügeln zu versehen und abzuheben.
ZEIT: Wundert es Sie, wie immens Ihre adelige Herkunft die Fantasie der Deutschen beschäftigt?
zu Guttenberg: Offen gesagt? Ja, es hat mich überrascht. Bisher spielten mein Name und meine Herkunft in meinem öffentlichen Leben nie eine große Rolle – und sie sollten es auch nicht. Ich habe gedacht, dass sich diese Sorte Betrachtung vielleicht irgendwann mal erschöpft. Darauf hoffe ich weiter.
ZEIT: Politiker verdanken ihre Macht und Freiheit dem Wähler. Sie aber verdanken fast alles Horst Seehofer. Schränkt Sie das ein?
zu Guttenberg: Das politische Geschäft hängt immer wieder von Fügungen und von Personen ab. Man muss sich trotzdem eine gewisse Handlungsfreiheit erhalten. Horst Seehofer versteht das besser als jeder andere. Und über allem steht das Primat des Souveräns.
ZEIT: Sind Sie unabhängig von Horst Seehofer?
zu Guttenberg: Auch deswegen ja.
ZEIT: Ist Seehofer ein Modell für Sie?
zu Guttenberg: Nein. Ich folge dem Modell Guttenberg, so wie Horst Seehofer dem Modell Seehofer gefolgt ist. Daran tun wir auch gut – und sind deshalb ein exzellentes Team mit einem mutigen und gottlob nicht konfliktscheuen Parteivorsitzenden.
ZEIT: Wir fragen jetzt nicht weitere Vorbilder ab.
zu Guttenberg: Sie werden auch keine finden.
ZEIT: Sie haben keine Vorbilder?
zu Guttenberg: Nein. Es gibt keine Lebensvorbilder, es gibt gelegentlich Situationsvorbilder. Wir sind als Menschen, glaube ich, zu unterschiedlich gestrickt, als dass man den Lebensstil anderer auf sich selbst übertragen sollte.
ZEIT: Sie werden als nächster Verteidigungsminister genannt, als möglicher Außenminister. Sie haben zu keinem der Ämter klar Nein gesagt. Gibt es ein Amt, das Sie sich nicht zutrauen?
zu Guttenberg: Ich bin immer ein Lernender gewesen. Und ich maße mir beispielsweise nicht an, in der kurzen Zeit in diesem Amt bereits alles gelernt zu haben, was man dafür lernen müsste. So hat man an jede Aufgabe heranzugehen.
ZEIT: Wenn es um Ämter geht, die Sie sich nicht zutrauen, können Sie ja ruhig sagen, welche das sind.
zu Guttenberg:(schweigt lange) Mir ist schon bewusst, welche Pirouetten man auf dem Glatteis dieser Frage drehen kann…
ZEIT: Ja?
zu Guttenberg:(schweigt wieder lange) Das war jetzt kein taktisches Schweigen! Aber ich würde mich wahrscheinlich bei vielen Verästelungen der Gesundheitspolitik schwertun.
ZEIT: Lassen Sie uns über die Wahl und die Krise hinausblicken. Hat die Krise uns alle zu gefühlten Sozialdemokraten werden lassen – und nur die Sozialdemokraten profitieren davon nicht?
zu Guttenberg: Dem würde ich widersprechen. Ich habe ein ganz anderes Gefühl. Die Reaktion auf diese Krise zeigt doch gerade, dass manche Reflexe der Sozialdemokraten bei der Bevölkerung nicht ankommen. Stichwort: Heilsversprechen. Stichwort: Retten wollen. Stichwort: Umgang mit Steuergeldern. Stichwort: Spiel mit den Ängsten der Menschen – wobei man das wohl eher im ganz linken Spektrum findet. Aber selbst bei den Sozialdemokraten hat der eine oder andere vor sozialen Unruhen gewarnt. Das kommt überaus schlecht in der Bevölkerung an.
ZEIT: Die Deutschen sind zu reif, um Sozialdemokraten zu sein?
zu Guttenberg: Sie sind immer reif genug, um zu wissen, wen sie wählen wollen.
ZEIT: Die Umfragen für CDU/CSU und FDP sind gut, andererseits scheint für viele Wähler eine Regierung Merkel/Westerwelle immer noch eine Angstkoalition zu sein.
zu Guttenberg: Einspruch. Ich sehe viele Wähler, die mit einer bürgerlichen Koalition und dem derzeit gegebenen Personal gut leben könnten. Aber es gibt in manchen Medien die Tendenz, eine bestimmte Koalition zu stigmatisieren.
ZEIT: Die Medien sind schuld?
zu Guttenberg: Nein, stigmatisieren können wir schon beide, Politiker und Medien. Nehmen Sie als Beispiel die soziale Marktwirtschaft. Es gibt nicht wenige im linken Spektrum, die davor warnen, dass eine bürgerliche Koalition in der sozialen Marktwirtschaft die radikalen Marktkräfte freisetze. Im bürgerlichen Lager wiederum beschwören manche, dass alle Linken die soziale Marktwirtschaft in einen real existierenden Sozialismus verwandeln würden.
Beide Seiten sollten sich – respice finem – darüber Gedanken machen, was sie da tun. Mit solchen Szenarien kann in der Bevölkerung ein Grundunwohlsein rasch befördert werden. Die Krise begleitet uns noch eine Weile, also sollten wir die Besonnenheit erhalten.
ZEIT: Die SPD ist 1998 mit der Entdeckung der »Neuen Mitte« ins Amt gekommen. Inzwischen haben die Sozialdemokraten die Mitte verlorenen, aber bei der Union scheint sie auch nicht angekommen zu sein. Wo ist die Mitte geblieben?
zu Guttenberg: Die interessante Frage ist doch: Wie breit sind die Ränder heute? Und damit meine ich nicht die Extremisten. Heute wollen auch FDP und Grüne die Mitte-Wähler zu sich ziehen. Dadurch ist die politische Mitte, wie sie die Volksparteien verstehen, geschrumpft. Die Frage für Union und SPD ist also eine ähnliche: Kämpfen sie gegeneinander um die schmalere Mitte, oder gewinnen sie lieber die »Ränder der Mitte« zurück?
ZEIT: Dann wäre doch ein schwarz-grünes Bündnis ein Modernisierungsschub für die CDU?
zu Guttenberg: Mit dem Personal und den Programmen, wie sie jetzt sind, wäre eine schwarz-grüne Koalition nicht denkbar. Und auch die Modernisierung einer Partei gelingt nur dadurch, dass sie sich selbst weiterentwickelt. Das heißt nicht, dass eine modern-konservative Partei sich nicht noch weiter dem Wechselspiel zwischen Ökologie und Ökonomie öffnen sollte.
ZEIT: Sind Sie ein Schwarz-Grüner?
zu Guttenberg: Ich bin ein moderner Konservativer, und damit fühle ich mich in der politischen Mitte ganz gut aufgehoben.
ZEIT: Ein »moderner« Konservativer? Warum so defensiv?
zu Guttenberg: Defensiv? Im Gegenteil. Ich werde manchmal als reaktionär beschimpft, weil ich es wage, mich »konservativ« zu nennen. Das Adjektiv »modern« nutze ich, um zu betonen, dass es mir nicht um Beharrungskräfte geht, sondern darum, Werte auch zeitgemäß zu leben.
ZEIT: Sie gehören zur Generation unter 40. Ist es da nicht einfach so, dass die CDU zwar als erfolgreich gilt – aber immer noch als uncool?
zu Guttenberg: Mein Eindruck ist eher, dass auch interessiert auf ein eigentlich fernes Betätigungsfeld reagiert wird, wenn man unbequeme Positionen vertritt und sich dafür auch mal prügeln lässt. Cool oder uncool – das trifft auch bei Jüngeren auf Widerhall.
ZEIT: Aber kennen Sie nicht aus der Schule oder von der Universität das Gefühl vieler Konservativer, »allein unter Linken« gewesen zu sein?
zu Guttenberg: Ich habe dieses Gefühl oft beobachtet, wenn jemand sich für seine Ansichten gerechtfertigt und entschuldigt hat. Ich kann mir nur wünschen, dass moderne Konservative ihre Position nicht geduckt und verschämt nach außen tragen. Das trägt im Zweifelsfall den größeren Respekt ein.
ZEIT: Könnten die Grünen die Schwarzen cool werden lassen?
zu Guttenberg: Die Frage der nächsten Regierungskoalition sollte nicht nach dem Kriterium der Coolness entschieden werden.
ZEIT: …sagt der AC/DC-Fan!
zu Guttenberg: …sagt der AC/DC-Fan. Der er auch bleibt.
Die Fragen stellten
Petra Pinzler
und
Patrik Schwarz
- Datum 05.08.2009 - 13:07 Uhr
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- Serie wahlen
- Quelle DIE ZEIT, 06.08.2009 Nr. 33
- Kommentare 24
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zu Guttenberg:(lacht) ...
hofberichterstattung.
allerdings muss der Stern noch beweisen, dass er dauerhafte Leuchtkraft entwicklen kann und nicht wie eine Supernova hell verglühen wird.
In meinen Augen einer der wenigen Politiker, der noch Bodenhaftung und gesunden Menschenverstand besitzt, und dies auch nach aussen verständlich machen kann.
Hoffentlich kann er sich das in unserem politischen System erhalten.
Es wäre ihm und uns zu wünschen.
ist immer ein Faktor im Wahlkampf!
So toll finde ich AC/DC nicht.
wer sagt, dass er der beliebteste Politiker ist?
"Beim ZDF-Politbarometer kam der CSU-Minister auf einer Skala von plus 5 bis minus 5 auf einen Wert von 2,1 und verbesserte sich damit um 0,3 Punkte im Vergleich zur letzten Umfrage Anfang Juli."
Umfrage: Guttenberg ist beliebter als Merkel
"Beim ZDF-Politbarometer kam der CSU-Minister auf einer Skala von plus 5 bis minus 5 auf einen Wert von 2,1 und verbesserte sich damit um 0,3 Punkte im Vergleich zur letzten Umfrage Anfang Juli."
Umfrage: Guttenberg ist beliebter als Merkel
Wie "echt" Herr zu Guttenberg ist wird wohl nur er wissen. Es bleibt zu wünschen, das er nicht nur eine taktische Show spielt, sondern wirklich zu der Art steht, welche der Politik in der heutigen Zeit gut steht. Es ist unnötig einen Personenkult um ihn aufzubauen. Wenn er seine Arbeit vernünftig, ehrlich und zufriedenstellend erledigt gebührt ihm der nötige Respekt und die nötige Anerkennung. Es ist jedoch davon Abstand zu nehmen ihn als "Star" zu behandeln, was ihn nur in eine Situtation versetzt in welche, er, als Politiker, nichts zu suchen hat.
"Beim ZDF-Politbarometer kam der CSU-Minister auf einer Skala von plus 5 bis minus 5 auf einen Wert von 2,1 und verbesserte sich damit um 0,3 Punkte im Vergleich zur letzten Umfrage Anfang Juli."
Umfrage: Guttenberg ist beliebter als Merkel
Vier Seiten Interview zur Person sind aber immer drin.
Es sollte sich doch langsam rumgesprochen haben, dass Herr Guttenberg jede Gelegenheit nutzt, seine Nase in eine Kamera zu halten, bzw. seine wenig- bis nichtssagenden Sätze (die aber immer gut klingen) in ein Mikrofon zu diktiern.
Vielleicht sollte er Pressesprecher werden, das liegt ihm vielleicht eher, da erwartet auch keiner Ergebnisse, da wird man für's Plaudern bezahlt.
Es sollte sich doch langsam rumgesprochen haben, dass Herr Guttenberg jede Gelegenheit nutzt, seine Nase in eine Kamera zu halten, bzw. seine wenig- bis nichtssagenden Sätze (die aber immer gut klingen) in ein Mikrofon zu diktiern.
Vielleicht sollte er Pressesprecher werden, das liegt ihm vielleicht eher, da erwartet auch keiner Ergebnisse, da wird man für's Plaudern bezahlt.
Unterscheidet sich eben (wohltuend) von mancher POLITWITZFIGUR, lassen wir ihm seine Chancen, allerdings: 1 guter Minister reicht noch nicht um
schwarz zu waehlen , Rot ??? nein, danke !arno-cote d'azur
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