DIE ZEIT: Pedro Almodóvar, in Ihren Filmen sind die Gefühle alles.

Pedro Almodóvar: Man könnte auch sagen: Alles steht im Dienste der Gefühle.

ZEIT: Was war das erste Gefühl, an das Sie sich als Kinozuschauer erinnern können?

Almodóvar: Ich wuchs in einem kleinen Dorf in der Region La Mancha auf, wo das Leben nicht besonders interessant war. Dort malte ich mir eine kindliche Fantasie- und Parallelwelt aus, in der die Empfindungen stärker waren als alles, was sich drum herum abspielte. Und die entscheidende erste Kinoerfahrung war das Hollywood-Kino der fünfziger Jahre. Mein erstes Gefühl war eine tiefe Bewunderung für Schauspielerinnen wie Bette Davis, Lauren Bacall, Carole Lombard. In den Filmen dieser Frauen war das Leben viel sinnlicher, kompletter, voller, interessanter als in unserer Realität.

ZEIT: Gab es Figuren, mit denen Sie sich besonders identifizierten?

Almodóvar: Ja, das waren aber nicht die Hollywood-Frauen der Fünfziger. Meine Heldin war Monica Vitti, die ich als Elfjähriger in Michelangelo Antonionis Film L’Avventura sah.

ZEIT: Sie waren ein extravagantes Kind.

Almodóvar: Vielleicht. Ich habe mir den Film damals mehrmals angeschaut. Er handelt vor allem von Sprachlosigkeit, von Langeweile und Lethargie. Vom Überdruss einer bestimmten Klasse, des Mailänder Großbürgertums. Natürlich kannte ich weder Mailand noch das Großbürgertum. Aber ich wusste, was Sprachlosigkeit und Überdruss waren, ländlicher Überdruss eben. Deshalb dachte ich, dass dieser Film ganz klar von mir selbst erzählt. Von Anfang an gab es zwischen dem Kino und mir diese leidenschaftliche, seelenverwandte Beziehung.

ZEIT: Kreisen Ihre Filme deshalb immer wieder um das Kino? In Zerrissene Umarmungen spielt Penélope Cruz die Geliebte eines reichen Mannes, die Schauspielerin wird. Zunächst scheint sie nur durch die Blicke der anderen zu existieren, als klassische Projektionsfläche.

Almodóvar: Sie existiert durch den Blick ihres Liebhabers, durch den Blick des Regisseurs im Film, aber natürlich auch durch meinen Blick: den Blick eines Regisseurs, der eben auch einen Teil des Lebens dieser Darstellerin kennt. Dabei entzieht sich Penélopes Figur permanent. Oder anders gesagt: Sie lässt sich von ihren Betrachtern einfach nur lieben. Aber sie macht eine Wandlung durch: von einer Frau, die von einem Mann ausgehalten wird, zu einer Frau, die klar sagt: "Ich will arbeiten."

ZEIT: Ist sie nicht auch eine Märtyrerin? Erst lebt sie mit einem reichen Mann zusammen, um die Pflege ihres schwer kranken Vaters zu bezahlen. Dann opfert sie sich auf für den Film, in dem sie ihre erste Rolle spielt.

Almodóvar: Ja, sie opfert sich, aber mit aller Leidenschaft. Sie hat instinktiv begriffen, dass es für ihren Geliebten, den Regisseur, nichts Wichtigeres als den Film gibt. Und um dessen Fertigstellung zu sichern, lebt sie weiter mit einem reichen alten Mann, der ihr widerlich ist, aber den Film finanziert.

ZEIT: Zu den Lieblingsfilmen des Regisseurs in Ihrem Film gehört Fahrstuhl zum Schafott von Louis Malle. Darin sagt Jeanne Moreau den Satz. "Im Gefängnis werde ich alt und hässlich sein…

Almodóvar:(fällt ins Wort) …aber auf diesen Fotos werden wir immer jung und schön sein."

ZEIT: Ist es das, was die Figur von Penélope Cruz antreibt: die Sehnsucht, als Filmbild unsterblich zu werden?

Almodóvar: Ganz bestimmt. Ihr Antrieb ist die Liebe einer Muse. Sie will als Filmbild ihres Geliebten weiterleben. Komme, was wolle.

ZEIT: Zugleich scheint sie schon innerhalb der Kinogeschichte zu leben. Severine, ihr Deckname als Prostituierte, spielt auf Buñuels Belle de jour mit Catherine Deneuve an, für ihren Regisseur posiert sie als Marilyn Monroe und Audrey Hepburn

Almodóvar: In diesem Film spielt Penélope Cruz eine der traurigsten Frauenfiguren, die ich je geschrieben habe. Ich empfinde unendliches Mitgefühl für sie. Die Bezüge auf andere Filme und Schauspielerinnen sind auch eine Art Trost und Beistand für diese Figur.