Peter Zadek "Shakespeare hätte mich nicht verstanden"

Wenige Wochen vor seinem Tod gab er der ZEIT sein letztes Interview: Peter Zadek, der große Theatermann, über sein Leben, die Frauen, das Theater und den Krieg

Es ist Mai, und Peter Zadek feiert seinen 83. Geburtstag nach. Dass es sein letzter Geburtstag sein wird, ahnen wir nicht. Noch einmal versammelt sich die ganze Zadek-Familie zu seinen Ehren in der Toskana. Er empfängt auch uns in seinem Haus in den Bergen, hoch oben über Lucca in Vecoli. Steht barfuß auf dem Balkon seines uralten Hauses, breitet die Arme aus und ruft vergnügt herunter: »Das ist meine Mussolini-Haltung.« Wir steigen auf ins Mekka von Peter Zadek und seiner Frau, der Schriftstellerin Elisabeth Plessen. Vor ein paar Jahren hat ihn eine schwere Operation fast das Leben gekostet. Jetzt geht es wieder. Er führt uns langsam durchs Haus, das nur so strotzt von Kultur. Bilder und Bücher bis unter die Decken, tausend Musik- und Filmkassetten im langen Flur, ein Shakespeare-Zimmer, in dem es nur Literatur zu seinem Lieblingsdramatiker gibt, und Sofas mit weichen Kissen zum Lagern. Wir setzen uns auf die Terrasse mit Blick in den Garten. Über uns das Medici-Wappen, das vor gar nicht langer Zeit abgestürzt war. »Das Ding sitzt jetzt fest«, sagt Zadek. Von unten kommt eine alte Dame mit Strohhut die Steintreppe hoch. »Darf ich vorstellen«, sagt Zadek, »Renee Goddard, meine erste Freundin aus London.« – »Freundin?« Da lacht sie und sagt: »I taught him how to do it.« Aha. Sie hat ihm also alles beigebracht. Als Elisabeth Plessen dazukommt, sagt die Goddard: »Ich war die Erste, und sie ist die Letzte.« Dann setzen sich beide Frauen neben Zadek und lassen die Köpfe auf seine Brust sinken.

DIE ZEIT: Peter Zadek, was bedeutet Vecoli für Sie: Heimat? Landschaft? Arbeitsplatz? Ruhepol?

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Peter Zadek: Alles. Ich hab das Haus Anfang der Sechziger zum ersten Mal gesehen. Schon damals wusste ich: Hier wirst du einmal wohnen. Es hat so etwas Märchenhaftes.

ZEIT: Ein Sommertagstraum.

Zadek: Und Sommernachtstraum. Es war in bestem Zustand. Wir haben nichts machen müssen. Ich bin ein fauler Mensch und mag mit Bauarbeiten nichts zu tun haben. Also hier oben sind Elisabeths Bücher und viele meiner Arbeiten entstanden.

ZEIT: Und sprechen Sie Italienisch?

Zadek: Nicht ein Wort.

ZEIT: Wie bitte?

Zadek: Na ja, das Sprechen ist nicht so schwer. Aber das Verstehen. Ich versteh nichts.

ZEIT: Morgen gibt es hier eine große Brunch-Party. Sie feiern Ihren 83. Geburtstag nach…

Zadek: Ja, schrecklich.

ZEIT: Mit 50 haben Sie zum ersten Mal über das Alter nachgedacht und inszenierten mit Hans Mahnke den Shylock als alten, bösen Mann. Wie ertragen Sie heute die 83?

Zadek: Och, ganz gut. Das Einzige, was mich stört, ist der Körper, der nicht mehr so mitmacht. Mein Kopf hat sich, glaube ich, nicht wesentlich geändert. Und ich hab das Glück, eine Frau zu haben, mit der ich mich wunderbar verstehe. Sonst würde ich hier sicher sehr einsam werden oder exzentrisch oder weiß der Kuckuck, was.

ZEIT: Shakespeares Kaufmann von Venedig hat Sie Ihr Leben lang begleitet. Und der Jude Zadek hat den Juden Shylock immer als Täter inszeniert, nie als Opfer. Würden Sie es heute, in Zeiten grölender Neonazis, immer noch so machen?

Zadek: Das wäre eher deshalb ein bisschen schwierig, weil es Israel gibt. Und weil Israel sehr stark ist. Man würde meine Haltung zu Shylock automatisch mit meiner Haltung zu Israel und zu Juden identifizieren. Und das würde mir nicht passen. Das ist zu ungenau.

ZEIT: Als Sie Ende der fünfziger Jahre aus dem Londoner Exil nach Deutschland zurückkamen, waren Sie umgeben von Philosemiten.

Zadek: Ja, die sind mir furchtbar auf die Nerven gegangen. Philosemiten sind wirklich etwas sehr Deutsches. Sie sehen einen nur als Opfer. Und ich habe mich nie als Opfer gefühlt. Der Philosemitismus ging ja so weit, dass ich nie wusste, warum man mich engagierte. Ob sie mich vielleicht nur wollten, weil ich ein Jude war. Das war damals ein gutes Aushängeschild. Hat mich natürlich wahnsinnig irritiert.

ZEIT: Sie wollten schließlich wegen Ihrer genialen Begabung genommen werden!

Zadek: Klar. Aber im Ernst: Ich fand den Philosemitismus vor allem für die Juden ganz furchtbar. Das endet dann da, wo wir jetzt stehen, wo Juden sich das Recht rausnehmen, auch inhuman zu reagieren.

Leser-Kommentare
    • QUOTE
    • 06.08.2009 um 10:54 Uhr
    1. Lustig

    ZEIT: Glauben Sie, dass Shakespeare mit Ihren Inszenierungen einverstanden gewesen wäre?

    Zadek: Nein, der hätte mich gar nicht verstanden.

    So spricht jemand, dessen Name in 20 Jahren allenfalls noch Theaterwissenschaftlern geläufig sein wird, über eines der wenigen wahrhaft unsterblichen Genies der Menschheit, über jemanden, der so lange bekannt sein und gelesen wird, wie es überhaupt noch Sprache gibt.

    Besser kann man intellektuelle Nacktheit kaum zur Schau tragen, würde ich sagen.

  1. 2. Irrtum

    Sie übertreiben mächtig mit ihren 20 Jahren. In 2 Monaten spricht kein Mensch mehr von Zadek. Aber mit Shakespeare ,da haben sie Recht.

  2. ..werfen auch Zwerge lange Schatten. Unverständlich, warum ein "Regisseur", der Klassiker durch urinierende Nackte darstellen läßt, als "Gigant der Theaterszene" belobhudelt wird. Offenbar ist das jedoch eine Frage der Maßstäbe - ganz sicher aber der persönlichen Empfindungen.

  3. Die üblichen Kleingeister beim Leichenschänden. Es ist perfide. Aber Leute wie sie, sind eben die, die im Angesicht eines Bildes von Picasso oder Jackson Pollock sagen : Das kann ich auch.
    Zadek hat die Bildsprache unserer Welt ein halbes Jahrhundert lang beeinflusst und man wird noch in 50 Jahren von ihm reden, so wie man von Gründgens redet, als einen bahnbrechenden Regisseur und einen grossen inszenierer.
    Von Ihnen, 1,2+3 spricht schon zu Lebzeiten niemand. Zu Recht.

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