Peter Zadek "Shakespeare hätte mich nicht verstanden"Seite 5/5

Zadek: Wenn möglich, nichts. Ich sitze oft hier und gucke in den Baum da unten, und dann kommt jemand, und ich unterhalte mich oder nicht, hab also viel Zeit, nachzudenken, und beschäftige mich im Augenblick mit der Oper Cardillac von Paul Hindemith, die ich 2010 in Wien inszenieren will.

ZEIT: Können Sie eine Partitur lesen?

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Zadek: Das kann ich, ja. Ich hab doch Musik studiert, sollte eigentlich Geiger werden. Als ich etwa 20 war, spielte ich einem berühmten Geiger in London vor. Der sagte: Sie werden ein sehr, sehr guter Geiger – im Orchester. Und da ich noch eine zweite Geige hatte, nämlich das Theater, hab ich mich dafür entschieden.

ZEIT: Haben Sie schon Christoph Schlingensiefs Tagebuch seiner Krebserkrankung gelesen?

Zadek: Es liegt da. Ich hab’s gerade gekriegt.

ZEIT: Er schreibt darin, wie glücklich er war, von Ihnen zu hören, weil Sie ja alles hinter sich hatten mit Chemotherapie und, und, und…

Zadek: Wie komisch. Ich hab die Krankheit nicht. Ich hab alles andere, aber keinen Krebs. Ich hab den Christoph angerufen, das stimmt. Ich wollte mit ihm reden, denn ich mag ihn sehr. Er ist ein Zauberjunge. Aber mit meiner Operation muss er etwas missverstanden haben.

ZEIT: Sie haben schon als kleines Kind Angst vor dem Tod gehabt.

Zadek: Ja, das hat meine Mutter mir erzählt. Als ich drei war, habe ich sie dauernd mit Fragen nach dem Tod gelöchert und belastet. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich ohne Religion war. Mit Religion hat man ja eher Vorstellungen von Tod und Teufel oder Ewigkeit.

ZEIT: Und heute?

Zadek: Nimmt man es nolens volens so hin. Aber wenn ich in so einer Stimmung bin, dann krieg ich natürlich Angst. Ich bin ja ein sehr ängstlicher Mensch.

ZEIT: Der sich aber gut analysieren kann.

Zadek: Weiß ich nicht. Ich find mich gar nicht so clever. Aber ich habe einen großen Vorteil: Ich habe eine sehr freie und lose Fantasie, mit der Regieführen wirklich großen Spaß macht.

ZEIT: Den größten Spaß haben Sie mit Ihrem Lieblingsschauspieler Ulrich Wildgruber gehabt, Ihrem Hamlet, Othello, Lear. Wussten Sie von seinen Paniken, als er in die Nordsee ging und sich das Leben nahm?

Zadek: Natürlich. Auf die absurdeste Weise. Er rief mich ja dauernd an und sagte: Peter, ich verlier meine Zähne! Ich werde nie mehr richtig spielen können. Da hab ich ihm gesagt: Uli, das ist Nonsens, du gehst jetzt zu meinem Zahnarzt. Da ist er dann hingegangen, und der hat ihm gesagt, dass alles Einbildung sei. Dann hab ich nichts mehr von ihm gehört. Und eines Tages, da war ich in Paris, ruft mich Wilfried Minks an und sagt: Du, der Uli hat sich umgebracht. Sein Tod hat mein ganzes Theaterleben verändert. Wildgruber war doch viele Jahre der Mittelpunkt meiner Arbeit. Danach wurde es Angela Winkler.

ZEIT: Ist Theatermachen für Sie also auch Spielen gegen den Tod?

Zadek: Wahrscheinlich. Weiß ich nicht. Aber wahrscheinlich ja.

Das Gespräch führte Birgit Lahann

 
Leser-Kommentare
    • QUOTE
    • 06.08.2009 um 10:54 Uhr
    1. Lustig

    ZEIT: Glauben Sie, dass Shakespeare mit Ihren Inszenierungen einverstanden gewesen wäre?

    Zadek: Nein, der hätte mich gar nicht verstanden.

    So spricht jemand, dessen Name in 20 Jahren allenfalls noch Theaterwissenschaftlern geläufig sein wird, über eines der wenigen wahrhaft unsterblichen Genies der Menschheit, über jemanden, der so lange bekannt sein und gelesen wird, wie es überhaupt noch Sprache gibt.

    Besser kann man intellektuelle Nacktheit kaum zur Schau tragen, würde ich sagen.

  1. 2. Irrtum

    Sie übertreiben mächtig mit ihren 20 Jahren. In 2 Monaten spricht kein Mensch mehr von Zadek. Aber mit Shakespeare ,da haben sie Recht.

  2. ..werfen auch Zwerge lange Schatten. Unverständlich, warum ein "Regisseur", der Klassiker durch urinierende Nackte darstellen läßt, als "Gigant der Theaterszene" belobhudelt wird. Offenbar ist das jedoch eine Frage der Maßstäbe - ganz sicher aber der persönlichen Empfindungen.

  3. Die üblichen Kleingeister beim Leichenschänden. Es ist perfide. Aber Leute wie sie, sind eben die, die im Angesicht eines Bildes von Picasso oder Jackson Pollock sagen : Das kann ich auch.
    Zadek hat die Bildsprache unserer Welt ein halbes Jahrhundert lang beeinflusst und man wird noch in 50 Jahren von ihm reden, so wie man von Gründgens redet, als einen bahnbrechenden Regisseur und einen grossen inszenierer.
    Von Ihnen, 1,2+3 spricht schon zu Lebzeiten niemand. Zu Recht.

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