ZEITmagazin: Herr Klopp, wir wollen mit Ihnen über Fußball sprechen.

Jürgen Klopp: Das wäre ja mal was Neues. Ich habe mich schon fast daran gewöhnt, dass Medien sich nur für Boulevardfragen interessieren: Wie viel hat ein Spieler gekostet, und wer ist mit wem in der Disco gesehen worden.

ZEITmagazin:  In wenigen Tagen beginnt die neue Bundesliga-Saison. Die letzte Spielzeit war geprägt vom Zeitgeist des »Systemfußballs« und von dem Satz Jürgen Klinsmanns , er wolle »jeden Spieler jeden Tag ein Stück besser machen«. Nun ist Klinsmann entlassen worden, aber die Frage bleibt: Was heißt das denn konkret – einen Spieler besser machen?

Klopp: In der Öffentlichkeit gibt es die Neigung, zwar immer theoretisch vom »System« oder der »Rolle des Trainers« zu reden, aber es wird selten gefragt, wie so ein Training praktisch funktioniert, was es verlangt, einen Spieler zu entwickeln.

ZEITmagazin: Und?

Klopp: Der grundsätzliche pädagogische Ansatz ist, dass wir zunächst nicht Schwächen kritisieren, sondern die Stärken fördern. Wir sagen nicht: »Dies kannst du nicht, und das kannst du nicht.« Wenn ich als Trainer einem Spieler zutraue, dass er sich verbessert, und wenn ich ihm dann noch aufzeige, wie er sich weiterentwickeln kann, dann glaubt er zunächst mir und dann sich selbst.

ZEITmagazin: Großes Selbstbewusstsein allein ersetzt noch kein Talent. Was ist mit den Schwächen?

Klopp: Daran wird gearbeitet. Es wird geübt, immer wieder. Ein gutes Beispiel ist unser Innenverteidiger Felipe Santana. Er ist ein echter Ausnahmeathlet, er lebt von seiner enormen Physis, damit konnte er nahezu alle Zweikämpfe gewinnen, aber seine kleinen technischen Mängel hat er überdeckt. Um die Schwächen zu korrigieren, mussten wir fragen: Was ist die Funktion eines Innenverteidigers? Weshalb ist er ein so entscheidender Spieler? Die Antwort lautet: Als Innenverteidiger bist du nahezu immer die letzte Instanz. Wenn du den Ball verlierst, wenn du den Ball nicht richtig stoppst, ergibt das relativ sicher eine Großchance für den Gegner. Ein bestimmtes technisches Niveau ist auf dieser Position spielentscheidend. Das lässt sich an genau drei Sequenzen studieren: Ballannahme, Ballmitnahme, Ball weiterspielen. Also haben wir das mit ihm geübt. Immer wieder: Ballannahme, Ballmitnahme, Ball weiterspielen.

ZEITmagazin: Und die Mitspieler spotten?

Klopp: Unsinn. Keiner spottet, weil es alle treffen kann und trifft. Training ist Wiederholung. Das gilt für Musiker wie für Sportler. Ich habe gerade einen Film über einen Schlagzeuger gesehen, der erzählte, dass er einzelne Sequenzen bis zu 1600 Mal wiederholt, bis er sie wirklich verinnerlicht hat. Dann denkt er nicht mehr nach, sondern spielt einfach: badadam, badadam, badadam. Wiederholung. So funktioniert das auch im Fußball, nicht 1600 Mal, aber nach dem Training werden Felipe Santana 60, 70 Bälle zugespielt, aus unterschiedlichen Positionen, und er muss immer wieder reagieren: Ballannahme, Ballmitnahme, Ball weiterspielen.

ZEITmagazin: Reicht das?

Klopp: Natürlich nicht. Ein Spieler muss sich auch einlassen können auf diese Schwächen, sich mit ihnen befassen.

ZEITmagazin: Jetzt kann er also den Ball stoppen …

Klopp: Technik, das ist die Voraussetzung, das Handwerk, wenn Sie so wollen. Dann folgt der nächste Schritt: die Spielintelligenz. Die muss man individuell verbessern, aber auch im Kollektiv eines Mannschaftsteils oder des gesamten Teams. Kollektiv und individuell – so funktioniert auch das sehr ausgefeilte System der Videoanalyse, die wir mithilfe von vielen Kameras betreiben, die im Stadion nur zu diesem Zweck installiert sind.

ZEITmagazin: Aber bevor Sie die Videoanalyse der Mannschaft vorführen können, müssen Sie selbst das Spiel noch mal sehen. Wie lange dauert das?

Klopp: Bis ich mir eine normale Aufzeichnung von einem Spiel von 90 Minuten richtig angeschaut habe, muss ich immer wieder zurückspulen und wieder vorspulen. Bis ich alles verstanden habe, braucht es fünf Stunden.

ZEITmagazin: Und das machen Sie wann?

Klopp: Am Sonntag. Jeden Dienstag führen wir der gesamten Mannschaft Szenen aus dem Spiel vom Samstag vor, gute wie schlechte. Das Gleiche bereiten wir für einzelne Mannschaftsteile vor. Da zeigen wir zum Beispiel der Abwehr, wie sie als Viererkette agiert, wann sie zu früh oder zu spät verschiebt. Aber zusätzlich gibt es dann noch eine individuelle elektronische Akte für jeden Spieler, in der wir seine eigenen Szenen sammeln.

ZEITmagazin: Einzelkritik vor versammelter Mannschaft?

Klopp: Ja. Wir kritisieren das Verhalten auf einer Position, nicht die Person. Entwicklung funktioniert über Rückmeldung und Korrektur.

ZEITmagazin: Wie oft lassen Sie pro Woche trainieren?

Klopp: Am Dienstag gibt es zwei Einheiten. Am Mittwoch Life Kinetik und eine weitere Einheit, am Donnerstag eine Einheit, am Freitag noch eine. Am Samstag dann das Spiel.

ZEITmagazin: »Life Kinetik«?

Klopp: Eine großartige Methode, die uns Kinetik-Lehrer Horst Lutz vorgestellt hat, der sie bereits erfolgreich mit dem Skifahrer Felix Neureuther praktiziert. Dabei geht es um Koordination und Konzentration, aber auch um die Schulung des Auges. Hat mit Fußball nur scheinbar nichts zu tun. Wir üben zum Beispiel ziemlich komplexe Formen des Jonglierens … (er nimmt zwei Zuckerwürfel, wirft sie in die Luft und fängt sie mit gekreuzten Händen wieder auf) … und lernen dabei den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Bewegungsabläufen, zwischen Hirn und Bewegungsapparat. Das kann man trainieren.