LUCHS Nr. 270 Mit Volldampf ins Abenteuer

Der Schwede Jakob Wegelius schickt eine kleine Gorilladame auf Weltreise und erspart ihr gar nichts

Mit seinem ungewöhnlichen Hochformat und dem ovalen Titelbild, umrahmt von vier ausgemalten Ecken, fällt dieses Buch unter den neuen Kinderbüchern sofort auf. Eine Weltreise in Bildern lautet der Untertitel, und die etwas altertümelnden Bilder lassen vermuten, dass der Autor seine Leser in eine Zeit versetzen will, in der das Reisen noch voller Abenteuer war. Gleich auf der ersten Seite erfahren wir, dass es sich bei der Heldin namens Sally Jones um ein Gorillamädchen handelt, geboren vor ungefähr hundert Jahren in einer tropischen Unwetternacht im afrikanischen Regenwald, als Bild über dem Text eindrucksvoll und dramatisch dargestellt. »In dieser Nacht leuchteten weder Mond noch Sterne. Deshalb prophezeite die Sippenälteste dem Neugeborenen für die Zukunft mancherlei Unheil.«

Ein furioser Beginn einer angekündigten Weltreise ist dem schwedischen Autor Jakob Wegelius hier in Text und Bild gelungen, ein Beginn, der Betrachter und Leser, vom Bilderbuchkind bis zum Erwachsenen, in die Geschichte hineinzieht, denn wer möchte nicht wissen, wie das Unheil aussieht, das dem kleinen Gorilla droht? Und es lauert schon nach der kurzen Beschreibung einer glücklichen Kindheit, versteckt im Gebüsch am unteren Bildrand, in Person einer grimmigen Gestalt mit Pistole.

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Das nächste Bild zeigt das arme Gorillamädchen in einem Käfig auf einem Flussboot, wo es zum Glück nicht lange ausharren muss, denn bald darauf reist es, als Baby verkleidet, im Kinderwagen auf einem Dampfer nach Europa. Sally Jones ist von nun an sein Name, benannt nach der Tochter eines im Dschungel verschwundenen Missionars. Und so beginnt die schier unglaubliche, nie zu enden scheinende abenteuerliche Weltreise der Sally Jones.

Mehr über den LUCHS Kinder- und Jugendbuchpreis

Der LUCHS Kinder- und Jugendbuchpreis wird seit 1986 jeden Monat von der Wochenzeitung DIE ZEIT und Radio Bremen vergeben. Der LUCHS prämiert ein besonderes Kinder- und Jugendbuch, das als "Anstiftung zum Denken und zur Kreativität" taugt. Aus 12 Monatsluchsen wird ein Jahresluchs gekürt.

Der LUCHS Jury gehören an: die Schriftstellerin Julia Franck, die Journalistin Marion Gerhard, Franz, Lettner vom Wiener Institut für Jugendliteratur, die Kritikerin Hilde Elisabeth Menzel,  sowie als Vorsitzende die Kinder-und Jugendbuchredakteurin der ZEIT, Dr. Susanne Mayer.

Das Gespräch zum aktuellen Buch ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de/podcast/luchs.

Dass das vergleichsweise kleine Schweden reich ist an großen Kinderbuchautoren, ist ja nicht erst seit Astrid Lindgren bekannt. Unter ihnen ist Jakob Wegelius, 1966 in Göteborg geboren, eine Ausnahmeerscheinung, denn er schmückt seine Geschichten mit altmeisterlich-filigranen kolorierten Zeichnungen aus, die in vielen fantasievollen Details ihre eigenen Nebengeschichten erzählen, und baut die farbig unterlegten Textblöcke raffiniert in seine Bilder ein. So entstehen Seite für Seite kleine, üppige Gesamtkunstwerke, die in reizvollem Gegensatz stehen zur knappen, fast spröden Sprache (präzise und souverän ins Deutsche übersetzt von Gabriele Haefs), in der Wegelius wie schon in seinem preisgekrönten Debütroman Esperanza von großen Gefühlen wie Freundschaft und Liebe, Enttäuschung und Verrat erzählt. Für den erwachsenen Leser hält er übrigens augenzwinkernd Motive und Zitate aus Literatur und Film bereit. So liest zum Beispiel die angeblich so »tierliebe Witwe« alias Frau Schulz, die Sally Jones in Istanbul gekauft hatte, genüsslich E.A. Poe, Mord in der Rue Morgue, eine haarsträubende Geschichte, hinter der ein Affe steckt, bevor sie ihr Gorillamädchen dann zum Stehlen in die Wohnungen reicher Geschäftsleute in die oberen Stockwerke ihrer Häuser schickt. (Als es brenzlig wird und die Polizei Sally Jones über die Dächer jagt, verschwindet die »tierliebe« Witwe mit der Beute, und die arme Sally ist um ihre erste große Enttäuschung reicher.)

Auf der nun folgenden dramatischen Weltreise von Istanbul über Singapur und New York bis in den Dschungel von Borneo lässt Wegelius nichts aus, was zu einer klassischen Abenteuerreise gehört, und Sally Jones muss noch viel größeren Kummer ertragen, bis sich alles zum glücklichen Ende fügt.

Mit seinem Schlussbild schließlich, auf dem die Hudson Queen feierlich dem Sonnenuntergang entgegenschwimmt und der Käptn und seine Sally aus den Bildecken grüßen, zitiert und belächelt der Autor ironisch das Pathos bekannter Western-Happy-Ends – und nicht zuletzt auch sich selbst und bewahrt den Leser davor, das Ende womöglich ein klein wenig kitschig zu finden.

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