Ron Paul hat es schon immer gewusst: Die amerikanische Notenbank ist schuld. Seit Jahren hält der zweimal gescheiterte Präsidentschaftskandidat die Federal Reserve Bank – kurz Fed – für die Ursache allen wirtschaftlichen Übels. Lange Zeit galt der radikalliberale Abgeordnete aus Texas damit als schräger Außenseiter in Washington. Mit seiner jüngsten Forderung aber, die Fed einer Buchprüfung durch den US-Kongress zu unterziehen, findet er sich plötzlich als Galionsfigur einer Volksbewegung wieder. In einer Umfrage stimmten 75 Prozent der Befragten für ein derartiges Audit.

Bisher müssen die Notenbanker nur spärlich Informationen herausrücken, eine Buchprüfung wäre vielen bis vor wenigen Monaten wie ein Sakrileg erschienen. Doch jetzt entlädt sich der geballte Zorn über die Finanzkatastrophe auf die Institution, die in den vergangenen Monaten Banken wie auch Konjunktur massiv mit Geld gestützt hat. "Amerikaner haben ein Recht darauf zu wissen, wie ihre Milliarden ausgegeben wurden!", heißt es in einem von vielen kritischen Kommentaren im Internet. Unbekannte stempeln "Abolish the Fed!" – Schafft die Fed ab! – in Rot auf Dollarnoten. Was die Notenbanker jedoch wirklich irritiert: Pauls Audit-Vorschlag, nur drei Seiten lang, fand im Repräsentantenhaus auf Anhieb 274 Volksvertreter, die ihn unterstützen.

Ungewohnt nervös versuchte die Fed sich an einer Gegenoffensive. In Zeitungsbeiträgen argumentierte Notenbankchef Ben Bernanke direkt gegen Pauls Vorschlag und plädierte für die Unabhängigkeit der Institution, die durch eine Buchprüfung gefährdet sei. Der sonst so pressescheue Akademiker ließ sich mit sommerlich offenem Hemd vom beliebten TV-Magazin 60 Minutes nicht nur interviewen, nein, er stattete mit dem Kamerateam auch gleich noch seiner Heimatstadt Dillon in South Carolina einen Besuch ab. Damit nicht genug: Bernanke fand sich zu einem town hall meeting ein, jener Art Bürgerforum, wie es bei Wahlkämpfen üblich ist. Eine bisher einmalige Aktion für einen Boss der Fed.

Die Vorwürfe dort waren hart: Die Fed habe sich mit den Großbanken gegen den Mittelstand verschworen und unterminiere die freie Marktwirtschaft. Auch er sei empört, versicherte Bernanke und wiederholte seine Botschaft: Die Fed ist dein Freund und Helfer, keineswegs die undurchsichtige gefährliche Einrichtung, als die sie ihre Gegner beschreiben. "Nie war die Fed so verwundbar", analysiert Tom Schlesinger, Notenbankbeobachter beim unabhängigen Financial Markets Center. "Wenn es je einen Zeitpunkt gab, eine Reform und mehr Transparenz durchzusetzen, dann ist er jetzt gekommen." (hbu)