Exklusivität bedeutet Ausschluss. Das weiß man hier. Ein leichtes Vibrieren geht durch die lange Schlange vor dem Berghain – dem wichtigsten Club Berlins, der weit über Deutschland hinaus die Techno-Szene in die Stadt zieht. Von einem Bein auf das andere treten, warten, ein Blick auf die Tür versuchen. Das weiße Scheinwerferlicht legt Falten in die Gesichter. Alles drängt zur Tür, und alles kommt auf den Türsteher an, eine Bewegung genügt, und es ist alles entschieden: Entweder beginnt eine große Party, oder man wird nach Hause geschickt. Es ranken sich viele Gerüchte um das Berghain und seinen Türsteher. Denn hier steht vielleicht nicht nur einer der härtesten Türsteher, hier steht eine menschliche Mauer, wie in Stein gehauen. Dornen ranken sich eintätowiert über die linke Gesichtshälfte – oder ist es eher Stacheldraht? Seine schulterlangen grauen Haare sind streng zurückgekämmt. Ein schwarzer Bart verdeckt den Rest. Ringe, Piercings in den Lippen wie Raubtierzähne, breite Schultern. Alles an ihm ist opulent, brutal, gefährlich. Hier steht Sven Marquardt und versperrt die Tür. Abgewiesene könnten ihn leicht hassen. Es sind schon Steine geflogen.

Es gibt zwei Fragen, die ihm in der Regel gestellt werden. Erstens: Wie komme ich an Ihnen vorbei? Zweitens: Könnten Sie mich mal fotografieren?

Er ist der erste Türsteher, der fast so etwas wie eine Berühmtheit ist. Darüber muss er lächeln. Für seinen Ruf ist er erstaunlich zurückhaltend. Fast enttäuschend nett, wenn man ihn in der Akademie der Künste trifft, wo seine Porträtarbeiten aus den achtziger Jahren in der Ausstellung Übergangsgesellschaften, die Fotokunst aus der späten DDR zeigt, zu sehen sind. Keine donnerhallende Stimme, aber wenn er mit spitzen schwarzen Lederstiefeln hörbar das Holzparkett betritt, wirkt der Raum kleiner. Er nimmt seine Prada-Sonnenbrille ab, richtet den Kragen seines weißen Hemdes und betrachtet seine Bilder. Normalerweise, sagt er, treffe er sich mit Journalisten gern auf Friedhöfen. Seit er in der Doppelrolle als Türsteher und Fotograf auftritt, ist das Medieninteresse an ihm enorm gestiegen. So geschieht etwas, was einer Subkultur nicht gut bekommt: Sie wird an die Oberfläche befördert. Und Marquardt ist ihr Stellvertreter.

Marquardt ist jetzt 47. Mit Anfang zwanzig gehörte er in der DDR zur sogenannten Prenzlauer-Berg-Boheme, zu einer Gruppe, die, wie er sagt, »ausschlafen konnte und wusste, warum«. Warum, das sieht man in seinen Bildern. Schwarz-Weiß-Fotografien, die die Sehnsucht nach dem Anderssein in Ost-Berlin zeigen. Abgelichtet hat er vor allem Freunde und Bekannte, die vor 1989 in der Punk-Szene unterwegs waren. Unter anderem den Freund Robert Paris, dessen berühmte Mutter Helga Paris als Mitglied im Verband Bildender Künstler eine frühe Förderin Marquardts wurde. Robert Paris, mit dem er damals in den kaputten Hinterhöfen Inspiration für seine Fotografien fand, lebt heute als Muslim in Indien. Die Bilder der achtziger Jahre zeigen ihn jedoch noch vor dem Hintergrund einer bröcklig klassizistischen Kirchenfassade oder im Leopardenhemd, über das sich zwei Rosenzweige kreuzen. Marquardt liebt die große tragische Inszenierung. Seine Modelle, mal schlafend, nackt mit toten Fischen oder Lederriemen, sind stets schwarz geschminkt und mit existenziellem Blick. Die Arbeiten sind Dokumente einer Subkultur, die es eigentlich gar nicht hätte geben dürfen. Glamour und Kaputtheit – das war in der DDR schon Rebellion.

Die Stasi hielt sie für gefährlich und entfernte die Bilder schnell wieder aus Ausstellungen. Die Abweichung von der Norm passte nicht zu einem Alltag, den man lieber einheitlich gestaltete. »Damals wurde bei mir eingebrochen. Ich habe mir aber gar nichts dabei gedacht«, sagt Marquardt. Vor einiger Zeit dann habe er aus seiner Akte erfahren, dass es die Stasi war. »In den letzten Jahren vor dem Mauerfall haben wir eigentlich nur noch darüber gesprochen, wie man am besten abhauen kann.«

Marquardt durfte 1988 die DDR verlassen. Er war zu einem Fotofestival nach Südfrankreich eingeladen worden, stattdessen erkundete er West-Berlin. Als er an der Bernauer Straße stand, konnte er vom Aussichtsturm in den anderen Teil der Stadt hineinschauen, in seinen Prenzlauer Berg. Am Abend ging er zurück über die Grenze.

Aber der Protest blieb: Vor allem Modedesigner entwarfen damals aus Erdbeerfolie oder Duschvorhängen Kleider, die die DDR nervös machten. Es war sozusagen politische Mode – Kunst, die ganz mit der Zeit vernäht war. Das ist nicht unproblematisch, denn aus heutiger Sicht sind melancholische Punks oder Erdbeerfolien längst kein Grund mehr für Empörung.

In den Neunzigern, als die Möglichkeiten grenzenlos schienen, legte Marquardt die Kamera plötzlich weg – Freiheit kann so langweilig sein: »Ich hatte das Gefühl, nichts mehr sagen zu können.« Das war nicht selten nach den Protestjahren. »Ich weiß, dass es vielen in dieser Zeit so ging.« Später nimmt er die Kamera wieder in die Hand, inspiriert vom neuen Leben als Türsteher.Was er fotografiert, erinnert mitunter an sadomasochistische Fantasien, deren Darsteller sich aus dem Berghain rekrutieren.