Der alte Mann steht auf der Wiese. Er kniet nieder und streicht mit der Hand übers Gras, als versuchte er, die Erinnerung zu wecken. Rissiger trockener Boden. Häuser, aus roten Steinen gemauert, spärliche Gärten und frisch in die Erde gerammte Strommasten. Gehört das alles wirklich hierher? Doch, hier muss es gewesen sein. "Aber es gab keine Häuser", sagt er.

Er geht ein Stück bergab auf einem zertrampelten Pfad. Das Gelände ist zerklüftet. Jemand hat ein paar Stängel Mais und Tomaten zwischen Baumstümpfe gepflanzt und einen Schweinekoben gebaut.

Der Alte ist so dünn, dass die Leute sich oft über ihn wundern. Sein Gesicht ist das eines Bauern, gebräunt und voller Furchen, jedoch ungewöhnlich ausgezehrt. Es ist wie der Panzer eines Tieres, das sich in sich selbst zurückgezogen hat. Die Augen leben. Sie sind jetzt unruhig. "Das ist es, das ist der Ort", sagt er leise und streckt den Arm aus. "Hier rannte ich runter. Dort standen Büsche, da habe ich mich versteckt. Von dem Baum habe ich nachts Pflaumen gepflückt, sie waren noch nicht reif, der Mund tat mir weh, aber ohne sie wäre ich verdurstet." Er setzt eine Kappe auf, zum Schutz gegen die Sonne. Sie sticht auf die grünen Hügel Bosnien-Herzegowinas.

Einen halben Tag lang ist der Alte durch das Dorf geirrt, auf der Suche nach der Wiese. Er ist Muslim. Hier in Pilice leben nur bosnische Serben. Wenn man sie nach der Wiese fragt, schütteln sie die Köpfe. Wir waren nicht da. Wir wissen von nichts. Ihre Gesichter verzerren sich unter der Mühsal, sich nicht zu erinnern. Der Alte hat die Wiese nicht gefunden. Ein Bekannter hat ihn herführen müssen, er ist Wissenschaftler. Kollegen von ihm gruben hier ein Jahr nach dem Ende des Krieges alles um. Satellitenbilder zeigten von Baggern frisch aufgeworfene Erde.

Am 17. Juli 1995 war es heiß, ein heißer Tag wie heute.

Nach 14 Jahren ist Ivo Dudić* (Name von der Redaktion geändert) zurückgekehrt – mitten in die Geschichte, die er zu erzählen hat. In der Umgebung der Stadt Srebrenica töteten bosnische Serben im Sommer 1995 innerhalb weniger Tage mehr als 8000 Männer. Alles Muslime wie Dudić. Die Serben hatten Srebrenica gestürmt, die von den UN zur Schutzzone erklärte Stadt. Sie trafen auf 800 niederländische UN-Soldaten, schlecht gerüstet und nicht bereit zu kämpfen. Ihr Oberkommando hatte sie im Stich gelassen, die angeforderte Unterstützung traf nie ein. Muslime waren in die Wälder geflüchtet, die Serben erschossen Tausende. Andere hatten beim Stützpunkt der UN Zuflucht gesucht. Unter den Augen der Niederländer luden die Serben sie in Busse. Die Frauen ließen sie entkommen, die Männer brachten sie zu fünf Hinrichtungsstätten. Eine war hier in Pilice, 70 Kilometer von Srebrenica entfernt. Von dieser Wiese kam wohl nur ein Einziger davon.

Dudić holt seine Zigaretten aus der Hosentasche, steckt sich eine an. Er streicht die zerknüllte Packung sorgfältig in Form, als käme es nur darauf an. Der Wissenschaftler geht zu ihm und nimmt ihn in den Arm.

"Und sie haben uns aus dem Bus getrieben", beginnt Dudić stockend, "in einer langen Reihe auf das Feld zu, ich war der Drittletzte. Die Soldaten schlugen uns und schrien: Fickt euch! Fickt eure Mütter! Fickt Izetbegović! Fickt euern Präsidenten! Vor uns lagen Leichen in Reihen, immer 25, so lang wie unsere. Die Mörder waren ordentlich, sie legten Rechtecke für die Bagger an. Wir sind zwischen den Leichen hindurchgelaufen, tiefer ins Feld. O Mutter, Mutter, habe ich gerufen und mein übriges Leben in Sekunden gezählt. Ein paar Männer haben um Gnade gebettelt, einer um Wasser, ›ich will nicht durstig sterben‹. Ich habe gebetet, aber nicht ums Überleben, sondern um meine Seele. Ich hörte Gewehrfeuer, alle fielen, ich ließ mich auch fallen, aber ich war nicht getroffen. Die Soldaten liefen herum. ›Ist noch jemand am Leben?‹, riefen sie, in meiner Nähe meldeten sich zwei: ›Ich bin nur verwundet, erschießt mich.‹ Die Soldaten taten es und trieben neue Männer aufs Feld. Ich lag da und rührte mich nicht."

Er scheint der eigenen Stimme zu lauschen wie etwas Unwirklichem. Ist es möglich, die äußeren und inneren Bilder zusammenzubringen? Die blühende Wiese. Die Häuser, das unbeeindruckbare neue Leben. 1500 Leichen.

Zum ersten Mal erzählt Dudić seine Geschichte nicht vor Mikrofonen und schwarzen Roben. Er ist einer der wichtigsten Zeugen der internationalen Justiz – einer von vielleicht zehn Muslimen, die den Exekutionen entronnen sind. Er hat lange geschwiegen, auch vor der kleinen Familie, die ihm geblieben ist. Nur eine Tochter und vier Enkel leben noch. Wie alle anderen Davongekommenen lebt er versteckt, um sich selbst zu schützen. In Bosnien weiß kaum jemand, was ihm widerfuhr.