Kriegsverbrechen Der ZeugeSeite 5/5

Am Rand eines Dorfs sah mich ein Mann, er stand vor einem Haus. Ich warf mich unter einen Busch. Er verschwand, dann kam er wieder. 'Wer ist da?', rief er. 'Ich habe Handgranaten!' Er feuerte zwei Schüsse aus einem Gewehr. Dann hörte ich nichts mehr. In der Morgendämmerung kam ich an eine Straße, darauf eine Blutspur, einen halben Meter breit. Ein Laster tauchte auf, beladen mit Leichen. Der Fahrer sah mich. 'Da ist der, der gestern entkommen ist', rief er und trat auf die Bremse. Ich versteckte mich nicht. Ich ging einfach weiter, die Straße entlang. Der Mann stieg aus und kam hinter mir her. 'Stehen bleiben!', rief er, zehn Meter hinter mir. Ich ging zügig, ohne zu rennen. Hundert Meter verfolgte er mich, dann kehrte er um. Er dachte wohl, ich bin Serbe. Ich versteckte mich im Wald und versuchte, ein bisschen zu schlafen. Als ich erwachte, stand ein Mann vor mir. Mit der Hand machte er eine Bewegung zur Hüfte. Ich wollte schon aufspringen und um mein Leben rennen, aber er reichte mir nur ein paar Pflaumen. Er war auch ein Flüchtling aus Srebrenica."

Nur einmal weint Ivo Dudić, während er erzählt. Heftig, mit zuckenden Schultern, die Hände vorm Gesicht. Er sitzt in der Fußgängerzone von Bratunac in einem Restaurant, nicht weit von der Schule, in der sie ihn festhielten. Er wagt nicht, das Gebäude zu betreten. Er weint, aber nicht wegen einer Grausamkeit.

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"Wir liefen fünf Tage lang durch die Wälder, halb tot vor Erschöpfung. Dann lieferten wir uns serbischen Polizisten aus. Sie nahmen uns in einem Kleinbus mit. 'Lass sie uns umbringen', hörte ich den Fahrer sagen. Sie hielten uns eine Pistole und ein Messer an den Kopf und wollten Geld, wir hatten keins. In einem Dorf gingen sie in ein Restaurant. Wir blieben im Wagen. Ein Serbe kam heraus und fragte, ob wir Hunger hätten. Dann brachte er für jeden einen Teller Eintopf und Orangensaft, danach Kaffee und Zigaretten. Ich leckte den Teller und die Tasse bis zum letzten Tropfen aus. Ich umarmte den Mann und küsste ihn."

Ivo Dudić wirkt noch immer ungläubig: dass noch jemand existierte, der ihm etwas Gutes tat. "Und die Polizisten setzten uns irgendwo ab. Wir stiegen auf einen Laster voller Flüchtlinge. Er brachte uns ins Lager von Bratković. 260 Männer waren da, die meisten kamen aus Srebrenica. Alle hatten Furchtbares erlebt, aber was ich durchgemacht hatte, war am Schlimmsten. Ich redete nicht darüber. Ich war so dünn, ich musste nicht mal aufs Feld zum Arbeiten. Die Wächter erzählten uns von den Dayton-Verhandlungen und von den Nato-Bombardements der serbischen Stellungen. Dann sagten sie: Dayton ist unterzeichnet, ihr kommt frei. Am 24. Dezember 1995 lief ich über die Brücke von Gracanica, ich lief mit 182 anderen Gefangenen auf muslimisches Territorium, in gebrauchten Winterschuhen vom Roten Kreuz. Ich weinte. Meine Söhne waren nicht da, um mich zu begrüßen. Niemand war da, auch nicht meine Frau und meine Tochter."

Die Reise ist zu Ende. Nach 14 Jahren hat Ivo Dudić zum ersten Mal wieder die Wiese von Pilice betreten, den Ort seines geplanten Todes, nun kehrt er heim in sein Dorf bei Tuzla. Er lebt dort unter Flüchtlingen, seit 2003. Sein Haus ist klein und ärmlich, aber besser als die Lager, in denen er zuvor mit seiner Familie wohnte. Dudićs Tochter, inzwischen Mitte dreißig, steht vor der Tür auf dürrem Rasen. Er geht grußlos an ihr vorbei und setzt sich auf das Sofa im Wohnzimmer, das zugleich die Küche ist. Er wischt sich den Schweiß ab. "Ich bin dünn, aber ein bisschen Flüssigkeit kommt noch raus", scherzt er. Er ist zu sehr mit seiner Erinnerung beschäftigt, um das Jetzt an sich heranzulassen, die Bedürfnisse des Körpers. Deshalb hat er nach seiner Rettung nie wieder richtig zugenommen.

Seine Tochter ist eine kleine Frau, immerzu um den Vater bemüht, das Gesicht voller Sorge. Sie weiß, was er durchgemacht hat, obwohl er sich auch ihr gegenüber verschließt. "Er redet nicht viel", sagt sie. "Er langweilt sich hier. Alle seine Freunde sind tot. Nachts hat er oft Albträume, dann muss ich ihn wecken und beruhigen." Sie macht Kaffee und stellt ihm eine Tasse hin. "Es wird dir guttun, dass du wieder nach Den Haag fahren darfst", sagt sie.

Er sitzt still da. Er hat nichts mehr, nur noch diese Geschichte.

 
Leser-Kommentare
  1. ...mit einem Überlebenden der deutschen Bombardements gegen die serbische Bevölkerung wird man in einer deutschen Zeitung vermutlich nicht lesen.

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    wenn sich hier nicht Verteidiger des serbischen Terrors zu Wort gemeldet hätten.

    **************
    "Kommunisten sind in Wirklichkeit nur rotlackierte Doppelausgaben der Nationalsozialisten. Beiden ist gemeinsam der Haß gegen die Demokratie und die Vorliebe für Gewalt."
    Kurt Schumacher (SPD)

    wenn sich hier nicht Verteidiger des serbischen Terrors zu Wort gemeldet hätten.

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    "Kommunisten sind in Wirklichkeit nur rotlackierte Doppelausgaben der Nationalsozialisten. Beiden ist gemeinsam der Haß gegen die Demokratie und die Vorliebe für Gewalt."
    Kurt Schumacher (SPD)

  2. wenn sich hier nicht Verteidiger des serbischen Terrors zu Wort gemeldet hätten.

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    "Kommunisten sind in Wirklichkeit nur rotlackierte Doppelausgaben der Nationalsozialisten. Beiden ist gemeinsam der Haß gegen die Demokratie und die Vorliebe für Gewalt."
    Kurt Schumacher (SPD)

    Antwort auf "Ein Interview..."
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    wenn sich hier nicht die PI-News neo-rechten zu Wort gemeldet hätten.

    wenn sich hier nicht die PI-News neo-rechten zu Wort gemeldet hätten.

  3. wenn sich hier nicht die PI-News neo-rechten zu Wort gemeldet hätten.

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    gibts nur ein Sternchen.

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    "Kommunisten sind in Wirklichkeit nur rotlackierte Doppelausgaben der Nationalsozialisten. Beiden ist gemeinsam der Haß gegen die Demokratie und die Vorliebe für Gewalt."
    Kurt Schumacher (SPD)

    gibts nur ein Sternchen.

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    "Kommunisten sind in Wirklichkeit nur rotlackierte Doppelausgaben der Nationalsozialisten. Beiden ist gemeinsam der Haß gegen die Demokratie und die Vorliebe für Gewalt."
    Kurt Schumacher (SPD)

  4. gibts nur ein Sternchen.

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    "Kommunisten sind in Wirklichkeit nur rotlackierte Doppelausgaben der Nationalsozialisten. Beiden ist gemeinsam der Haß gegen die Demokratie und die Vorliebe für Gewalt."
    Kurt Schumacher (SPD)

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    Leider diskutiert in solchen Kommentarbereichen offenbar vor allem die Sort Leute mit, die zu Polemik und persönlichen Angriffen neigen - wahrscheinlich nebenbei auch fleißige Blogger.

    Davon abgesehen: Wer sich berufen fühlt, die Bomberflüge auch nur näherungsweise mit den Massenhinrichtungen ins Verhältnis zu setzen, hat weder Herz noch Verstand. Da ist jede Diskussion dann sinnlos, und eigentlich muss einem so jemand leid tun. Letzteres gelingt mir leider nur mit Mühe.

    Leider diskutiert in solchen Kommentarbereichen offenbar vor allem die Sort Leute mit, die zu Polemik und persönlichen Angriffen neigen - wahrscheinlich nebenbei auch fleißige Blogger.

    Davon abgesehen: Wer sich berufen fühlt, die Bomberflüge auch nur näherungsweise mit den Massenhinrichtungen ins Verhältnis zu setzen, hat weder Herz noch Verstand. Da ist jede Diskussion dann sinnlos, und eigentlich muss einem so jemand leid tun. Letzteres gelingt mir leider nur mit Mühe.

  5. Leider diskutiert in solchen Kommentarbereichen offenbar vor allem die Sort Leute mit, die zu Polemik und persönlichen Angriffen neigen - wahrscheinlich nebenbei auch fleißige Blogger.

    Davon abgesehen: Wer sich berufen fühlt, die Bomberflüge auch nur näherungsweise mit den Massenhinrichtungen ins Verhältnis zu setzen, hat weder Herz noch Verstand. Da ist jede Diskussion dann sinnlos, und eigentlich muss einem so jemand leid tun. Letzteres gelingt mir leider nur mit Mühe.

  6. Ein gut geschriebener, zutiefst menschlicher Artikel -- auf den ich eigentlich schweigen wollte, da es aus meiner Sicht nichts zu kritisieren gibt und weitere Worte nichts verbessern können.

    Was mich dennoch das Wort erheben läßt, ist das Entsetzen darüber, daß es Kommentarschreiber gibt, deren erster Reflex auf diese bewegende Schilderung eines Einzelschicksals das offenbar völlig empathiefreie Bedürfnis nach Aufrechnung ist. Dabei ist es gerade der Drang nach Aufrechnung und Vergeltung, der immer wieder Greueltaten befeuert.
    Und dabei macht den Artikel gerade der Umstand so bewegend, daß derjenige, der am meisten gelitten hat (von den Toten abgesehen), eben *nicht* aufrechnet.

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    • medwed
    • 07.08.2009 um 2:18 Uhr

    Danke für diesen Kommentar - Sie sprechen mit aus dem Herzen!

    • medwed
    • 07.08.2009 um 2:18 Uhr

    Danke für diesen Kommentar - Sie sprechen mit aus dem Herzen!

  7. Wegen des Massakers in der bosnischen Enklave Srebrenica im Sommer 1995 hat der deutsche Anwalt Axel Hagedorn im Juni 2007 Klage gegen die Niederlande und die Vereinten Nationen eingereicht. Der Bericht suggeriert das die UNPF zu der Zeit unfähig war den Angriff "der Serben" abzuwehren. DAS STIMMT NICHT!!!
    Mike Rose, ein englischer General und damalige UNPF Kommandant erhielt von
    dem UNO Representanten Akashi nicht die Erlaubnis die Freischärler anzugreifen. Die Folgen sind bekannt: Krieg der NATO gegen Serbien im Fall Kosovo. Bis dahin war alles noch ein "cake walk", in A-stan haben wir darum jetzt den Schlamassel. Wir haben den Schritt von "humanitärer Intervention" in den "Krieg nach Wahl" getan.

    • sogos
    • 06.08.2009 um 20:50 Uhr

    Traurig ist es so viel falsches hier in den Kommentaren zu lesen.
    Der Bosnienkrieg ist vermutlich der bestdokumentierteste "Krieg" der Neuzeit. Zig-Tausende Seiten von Dokumenten und Berichten sind verfuegbar, wie zB
    http://www.unhchr.ch/tbs/...
    http://www.balkanpeace.org/
    http://www.hrw.org/report...

    Traurig ist viel auch, dass hier in Deutschland bei einigen Gruppen noch immer der Gedanke herrscht, dass der Einsatz von NATO Kraeften moralisch falsch waere. Wer das denkt sollte sich mal die Berichte durchlesen und in den Spiegel schauen und sagen, es waere besser gewesen, wenn wir nur zugeschaut haetten.

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