Zum Beispiel Walburga Meinecke. Vielleicht fing in ihrem Gasthof in Wacken alles an, als noch kaum jemand das hellgrüne Fleckchen in Schleswig-Holstein kannte, damals, vor 21 Jahren. Nun sitzt sie am wuchtigen Eichenholztisch in ihrem dunklen Gastraum und erzählt. Wie die Festivalgründer Thomas Jensen und Holger Hübner ein Konzert spielten, hier im Hof, und wie da das Dach beinahe davongeflogen wäre.

Open Air kam erst ein Jahr später, die beiden Jungs holten den Metal auf den Acker: 800 Zuschauer, ein paar Bands aus dem Umland. Viele Bewohner verrammelten vor Schreck Fenster und Türen. Für alle Fälle. So war das.

Wacken also. Rückblickend ließe sich die Geschichte seines Festivals in Dezibel erzählen, in getrunkenen Litern Bier, gerissenen Gitarrensaiten oder den Flugmeilen, die manch ein Besucher Jahr für Jahr zurücklegt, nur für diese drei Tage Anfang August. Doch es ist auch die Geschichte einer Annäherung zweier einander eigentlich fremder Gemeinschaften: das ländliche Kleinbürgertum in seiner backsteinernen Ordnung hier und da die Metal-Subkultur, die sonst ebenjene Kleinbürger das Fürchten lehrt.

Jetzt sitzt man in exakt gemähten Wackener Vorgärten und trinkt zusammen Dosenbier. Zur Mittagszeit wölbt sich das Blau satt über dem suburbanen Klinker. Vorn blüht’s violett, aus einem Kassettenspieler grollt so ein Schmirgelgebrumm. "Das sind Napalm Death", sagt Alvaro und grüßt eine ältere Frau, die hinter gilben Gardinen hervorspäht. Sie grüßt zurück.

Inzwischen kennt man einander. Alvaro kommt aus São Paulo, ist dünn wie Rauch, die Haare trägt er geflochten. Beruf: Schlosser. Vor 15 Jahren flog er zum ersten Mal her, seitdem kommt er immer, wenn das Geld reicht. Im ersten Jahr sei er beschimpft worden, sagt er, dort drüben, an der Kirche, von einer junger Frau, wegen seines T-Shirts.

Die T-Shirts! Auf Alvaros steht "God hates us all" ; die der vorbeiziehenden Grüppchen zeigen umgedrehte Kreuze, Zombies, Skelette, Drachen und den Leibhaftigen. "Vielleicht kannten sie das früher nicht", sagt Alvaro. "Ist ja ein Dorf."

Heute muss man sagen: Das Dorf wuchs mit seinen Aufgaben! Die Hauptstraße zeigt zielgruppengerechtes Marketing für die 75.000 Gäste. Das Bestattungsinstitut (Erd, Feuer, See) lockt mit einer heißen Dusche, hinter einer Auffahrt offeriert die örtliche Heilpraktikerin den Halbschatten ihrer Garage: Privat-Strip, 30 Euro.

Gegenüber gibt’s Hochprozentiges, den Meter Höllenschiss zu nur 5 Euro, da kann man nicht meckern. Und wie steht’s ums Innere? Bei tieferen Sorgen steht der Dorfpastor bereit – wenn nötig, auch zur Beichte.

Während die Welt 40 Jahre Woodstock bejauchzt, den Frieden, die Drogen, die Hippies und was davon übrig blieb, feiert Wacken 20 Jahre Wacken – und vergleichbar ist das, wenn man bedenkt, dass Metal doppelt so schnell gespielt wird.