Häufig ist der Blick von außen der schärfere, weil er aufspießt, was im eigenen Land nicht mehr strittig ist, also nicht mehr hinterfragt wird. So hat Newsweek den Deutschen gerade eine ganze Titelgeschichte unter der reizvollen Überschrift Technophobia gewidmet. Natürlich ist Deutschland nicht »technikfeindlich«; der lebende Beweis sind die Millionen von Kids, die keine echte Kuh mehr kennen, dafür aber jedes Gadget, das gemeinhin in Amerika erfunden, in China produziert und hier konsumiert wird. Die Älteren sind techniktrunken, wo es um Autos und Präzisionsmechanik, also »deutsche Wertarbeit« geht.

Und das ist das Problem. Das Land liebt die Technik (neudeutsch: Technologie), die vertraut und demnach sicher zu sein scheint. Es spezialisiert sich auf die Perfektion des Bekannten und ist deshalb Weltmeister in der Verfeinerung dessen, was im 19. und 20. Jahrhundert die Zukunft eroberte. Atomares, Bio und Nano, dazu Großtechnologie insgesamt produzieren dagegen Abwehr, gar Abscheu. »Atom« ist »Bombe« oder »Tschernobyl«, Bio ist »Eingriff in die Schöpfung«, Nano sind unheimliche Winz-Partikel, die überall Verheerendes einschleusen könnten.

Diese Ängste haben einen gemeinsamen Nenner: »Man kann nicht ausschließen…« Dann lieber kein synthetisches Insulin herstellen, eine Hoechst-Erfindung, und weiter natürliches aus der Bauchspeicheldrüse von Millionen geschlachteter Schweine verwenden – oder das Gen-Insulin aus Frankreich importieren. Krümmel treibt die existenzielle Angst, aber wir importieren Atomstrom aus dem Nachbarland und bauen unter ausländischem Dach (Areva, Rosatom) Atomkraftwerke jenseits von Deutschland. 400 neue KKWs stehen weltweit im Programm, aber hier gilt der Total-Ausstieg, als ob radioaktive Wolken die Staatsgrenzen respektierten. Wir essen längst GM-Produkte, aber vertreiben die Biotech-Forschung nach Amerika. Selbst in der haltbaren Frischmilch lauert das Gift.

Newsweek meint, dass der Idealismus, der mit der Heiligsprechung der Natur einhergehe, der moralischen Selbstbestätigung nach Hitler diene. Das stimmt weder hinten noch vorne. Hinten nicht, weil die Verachtung des »Künstlichen« und der »kalten« Wissenschaft tradiertes Bewusstseinsgut ist – siehe Faust wie auch Hegel, Herder und Heidegger. Vorne nicht, weil die Nachkriegsdeutschen bis in die Achtziger sehr wohl an Technik, Wachstum und Fortschritt glaubten.

Heiß wurde das Thema erst danach. Bis dato war Antimodernismus ein konservativer Topos, doch circa 1980 wanderte er nach links – erst zu den Grünen, dann in die Sozialdemokratie, die frühere Fortschrittspartei par excellence. Deutschland, einst die Avantgarde der Moderne, hat sich so in der Angst vor der Veränderung vereint (sofern sie nicht dem eigenen Lifestyle dient, sei es die Fernreiselust, die sexuelle Präferenz oder der neueste Apple). Das Phänomen lässt sich einfacher konstatieren als explizieren. Aber es gilt, was Michael Naumann schon 2005 (ZEIT Nr. 6/05) beobachtet hat: »Wir trauen uns inzwischen weniger zu, als wir leisten könnten.«