Managerbuch Ein Sanierungsexperte rechnet ab
Das neue Buch des Topmanagers Utz Claassen wäre besser nicht erschienen
Wir Geisterfahrer heißt das neue Buch von Utz Claassen, dem anerkannten Sanierungsexperten und Vorstandschef des Energiekonzerns EnBW bis 2007. Schon zu Amtszeiten war Claassen für streitbare Aussagen gut, nun prangert er die Sünden der Banker, die Fehler der Politik und den Verfall ethischer Werte an. "Ein Versagen der Eliten", lautet seine Diagnose, habe uns in die aktuelle Krise geführt, und Claassen wäre nicht Claassen, sparte er die eigene Kaste aus.
Komment auf der obersten Ebene der Unternehmen seien das "Abnicken, Zigarrerauchen, Rotweintrinken". Es fehle "eine kritische Diskurskultur im Management". Es mangele an Aufsichtsräten, die nachfragten. Gier nehme tendenziell dort zu, "wo man vom Geld weniger abhängig ist", und "auch wenn Gier nicht eine Frage der absoluten Beträge ist, fällt es mitunter doch zugegebenermaßen schwer, bestimmte Relationen und Sachverhalte noch irgendjemandem zu erklären".
Der diese Worte formuliert, ist derselbe Utz Claassen, der kürzlich seinen alten Arbeitgeber EnBW auf die Zahlung vertraglich vereinbarter Bezüge verklagt hat. Über die Klage verhandelte das Landgericht Karlsruhe am vergangenen Donnerstag. Die Richterin nannte sie "schlüssig begründet".
Es ist derselbe Utz Claassen, dem seit seinem Ausscheiden bei EnBW ein Übergangsgeld von fast 400.000 Euro – pro Jahr – zusteht. Übergangsgeld, das muss man wissen, ist eine Zahlungsform aus jenen längst vergangenen Tagen, als Manager erst im hohen Alter in den Vorstand aufrückten und nach ihren Ausscheiden vielleicht noch zwei, drei Jahre bis zur Rente zu überbrücken hatten. Vergütungsexperten nennen Übergangsgeld ein "Relikt", das in heutigen Vorstandsverträgen nichts verloren habe. Bei Claassen dauert es noch lange bis zur Pension. Er ist gerade einmal 46 Jahre alt.
Ein Mann in den besten Jahren also, und so ist Utz Claassen auch viel beschäftigt als – wie es im Buch heißt – Unternehmensberater, Unternehmer, Aufsichtsratsmitglied, Wissenschaftler, Autor und Publizist. Zwei Professuren hält Claassen, vor allem aber ist er Berater des einst durch den Kauf von Chrysler bekannt gewordenen amerikanischen Finanzinvestors Cerberus. Just dieses Engagement diente EnBW vor einiger Zeit als Anlass, die Zahlungen an Claassen einzustellen. Doch der Manager weiß fein zu unterscheiden: Bei dem Geld, das Cerberus ihm zahle, handele es sich nicht um ein Gehalt oder um Tantiemen, die – wie es mit EnBW vereinbart sei – auf sein Ruhegehalt anzurechnen seien. Stattdessen handele es sich um "freiberufliche Beratungshonorare".
Vertrag ist Vertrag, da hat Claassen recht. Wenn EnBW ihm das Geld einst zugesagt hat, um sich seine unbestrittenen fachlichen Qualitäten zu sichern, wenn die Klauseln lauten, wie von ihm behauptet, dann soll er vor Gericht gewinnen und sein Geld bekommen. Dann muss man den Aufsichtsrat von EnBW kritisieren, der den Vertrag schloss, nicht ihn. Doch soll uns Claassen dann bitte mit seinen Phrasen verschonen. Von einem, der das System, das er anprangert, derartig geschickt zu nutzen weiß, sind sie hohl – und zynisch.
- Datum 11.08.2009 - 06:49 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.08.2009 Nr. 33
- Kommentare 9
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Eigentlich heisst es ja, wer im Glashaus säße, dürfe nicht mit Steinen schmeissen. Trotz aller - vielleicht berechtigter - Kritik an Herrn Claassen sollte man aber bei der Durchsicht des Artikels auch berücksichtigen, dass er für so manche Kreise mit diesem Buch als Nestbeschmutzer gilt.
Ansonsten scheint das Buch alle bestehenden Vorurteile gegenüber den selbsternannten "Eliten" nur zu bestätigen. Dumm nur, dass ein solches Buch vor der Bundestagswahl erschienen ist - wo es einmal mehr um "Freiheit oder Sozialismus" geht.
Manager-Nachgeburt!
Eigentlich braucht man über Bd 1.345 der Management-Binsenweisheiten keine Worte verlieren, denn dort werden nur die selben Flachdenkereien ausgebreitet, die seit Beginn der purzelnden Börsenkurse von der Putzfrau bis zur Kanzlerin plötzlich jeder von sich gibt. Anzumerken ist nur, dass das Schema des Wein-Saufens bei gleichzeitigem Wasser-Predigen aber unter moralischem Aspekt nicht annähernd so verwerflich ist, wie der Autor des Artikels suggeriert.
Denn immerhin folgt Claasen dabei nur dem Vorbild der Politik, die sich mit Begeisterung das Maul über Managergehälter zerreist und eine Enthaltsamkeitspredigt nach der anderen absondert, die eigenen Einkünfte aber unter Verschluss hält, als wären es die Startcodes sämtlicher Atomraketen dieser Welt. Und im Gegensatz zu dem lästigen Claasen, den man einfach dadurch loswird, indem man sein Machwerk nicht kauft, wird man die politische Laus im Pelz mit Sicherheit noch in der Form jahrzehntelang erdulden müssen. Gegen geschwätzige Manager ist ein Kraut gewachsen, gegen ignorante Politiker offenbar nicht.
...der ganzen Aktion liegt für mich darin, dass gerade in der Phase, wo die Krise zum Teil überwindbar erscheint, und damit die Finanzkapitäne ihre alten Gewohnheiten und Freizügigkeiten wieder ungebremst aufnehmen zu können glauben, dieses Buch erscheint. Nach dem Motto "So sind wir und so bleiben wir in Ewigkeit - und außer aufregen könnt Ihr Würstchen nix machen" wird dem Großteil der Bevölkerung die klare Grenze der Hecke vom Fond unter die Nase gerieben.
Daher erscheint die Maßnahme, das Buch zu ignorieren aus Gründen der Blutdrucksenkung einerseits und der sonst nicht zu verhindernden weiteren Vermögensbildung des Autors andererseits, die gangbare Variante zu sein.
Auch Autoren, die Titel oder Seminare wie "im Halbschlaf zum Millionär" oder "Chaka Chaka, endlich frei" anbieten, profitieren meist mehr als ihre Kunden vom erlösenden Angebot.
Ich kann kein Problem darin sehen, dass Claassen die Attribute - Gier, Geltungs- und Machtstreben - mitbringt, über die er schreibt. Schließlich will man doch Informationen von jemanden, der sich auskennt, von einem Insider und nicht von Leuten die in stereotyper Stammtischmanier hohle Phrasen von sich geben. Das er letztlich auch von dieser Selbstkritik profitiert, ist sein persönliches Meisterstück in der Katharsis, macht die Inhalte für den Leser aber wohl kaum weniger wertvoll - eher das Gegenteil ist wohl der Fall.
Ich kann die Ihm vorgeworfene Scheinheiligkeit nicht nachvollziehen. Vermutlich ist es eher die gefühlte Ohnmacht von der auch Kommentator "Doc Hollywood" schreibt oder der Spaß an der Empörung, die die Menschen auf die Palme treibt.
Würde man sich nämlich nicht in Vorwürfen und Allgemeinplätzen ergehen, dann wäre man zu eigenem Handeln aufgerufen, dann müßte man den bequemen Sessel verlassen und selber beweisen, wie ernst es einem ist und wie viel besser man es machen könnte - im Zweifelsfall.
Das es in Deutschland in der Krise fast nur Kläffer, aber kaum Beisser gibt, ist für mich die schlimmste Erkenntnis über den gesellschaftlichen, moralischen Zustand der Deutschen. Die Anderen sollen es für einen Richten. Sind Sie dabei nicht päpstlicher als der Papst, ist die Empörung schnell groß.
Peer Steinbrück hat übrigens in einem ZEIT-Interview seine persönliche Ohnmacht und den beschränkten Handlungsspielraum seines Ministerpostens ziemlich ungeschönt eingestanden und hat seine eigenen Kinder - sinnbildlich damit auch Sie - dazu aufgerufen, auf die Straße zu gehen und gegen seine und die Politik der Regierung zu demonstrieren.
Wo sind Sie gewesen?
Unabhängig von der "Schein-Doppelmoral", die hier der Autor oder andere Kommentatoren Herrn Claassen unterstellen gilt wie bereits erwähnt: Vertrag ist Vertrag...
Betrachtet man das ganze ein wenig differenzierter, so erkennt man, dass Herr Claassen eine der (wenigen?) Manager zu sein scheint, der zwar viel nimmt, im Gegenzug aber auch dementsprechende Leistung bringt (Siehe fundamentales Leistungsprinzip).
Ich will mich da jetzt nicht zu 100% drauf verlassen aber bei der Sendung "Hart aber Fair" diesen Jahres (ich glaube im Mai) hat er deutlich dargelegt, dass er durch seinen Vertrag bei ENBW nicht mehr als 0,5 % von jener Wertschöpfungssteigerung partizipiert als er dem Unternehmen durch seine Arbeit eingebracht hat..... wenn er zusätzlich dann noch weitere Verdienste ermöglichen will.... WARUM NICHT ??? Das ist doch PURER NEID! Sry aber ich sehe da keine wirklich tiefgründige Doppelmoral in seinem Handeln. Durch seine qualitativ hochwertige Leistung bringt er einer Volkswirtschaft mehr wenn er doch noch Arbeitet als wenn er faul auf seinem ehrlich verdientem Geld liegen bleiben würde??!?!?
Wenn Herr Claassen hier wegen einem süßen Büchlein an den Pranger gestellt wird, müssten die "BANKSTER" Gregor Funke oder Ex Vorstand der DEPFA in der Luft zerissen werden ^^... nur um einen die Relationen der beiden "Vergehen" mal zu verdeutlichen O.o
gruß
Hallo,
ich finde es schon wirklich erstaunlich wie ungeschoren die Auslöser der aktuellen Finanz!krise weg kommen und sich schlicht nichts ändert am Finanzsystem dafür aber immer mehr pauschal "DIE MANAGER" (ist so etwas wie "DIE JOURNALISTEN") angegriffen werden. Das bringt das Land ja wirklich ungeheuer weiter.
Dieser Artikel von Arne Storn wäre besser nicht geschrieben worden!
Der Artikel strotzt vor Missgunst und Unverstandenem.
[Anmerkung: Bitte achten Sie auf eine sachliche Kritik. Danke. Die Redaktion/ew]
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