Thüringen Alles in Ordnung
Missbraucht der Ministerpräsident Dieter Althaus seinen fatalen Unfall für den Wahlkampf in Thüringen? Er selbst sagt, er habe sich nichts vorzuwerfen
In der Fußgängerzone von Mühlhausen bemühen sich Frau Schollmeyer, Frau Ludwig und Frau Goss um Haltung. Kerzengerade stehen sie in weißer Bluse und lila Weste in der prallen Nachmittagssonne, lächeln schüchtern in die Kameras, links neben ihnen ein Ständer mit Spülmittelflaschen, rechts ein Wühltisch mit »Duftsets», in ihrer Mitte Dieter Althaus. Volksnah, so gibt sich der thüringische Ministerpräsident im Wahlkampf. Das Volk allerdings fremdelt gerade: Verlegen blicken die drei Mitarbeiterinnen der Drogerie Müller zu Boden, als Althaus mit ihnen plaudern will. Manchmal verliert das Volk auch alle Hemmungen und macht seltsame Geräusche, so wie Katharina, ein 19-jähriges kräftiges Mädchen. Am Anfang ist es nur ein leises Quietschen, das sich mit jedem Schritt, den sie Dieter Althaus näher kommt, zu einem verzückten Kreischen steigert. »Darf ich bitte, bitte ein Foto mit Ihnen machen?«, presst sie hervor. Althaus stellt sich neben Katharina, die schnell noch ein bisschen näher rückt und jetzt fast gar nicht mehr quietscht. In solchen Momenten ist der Skiunfall in Österreich weit weg.
Am 30. August sind Landtagswahlen in Thüringen, und bis dahin wird Althaus tagtäglich Volkes Nähe suchen, wird auf seiner »Althaus-Tour« in allen kreisfreien Städten und Landkreisen Einkaufsstraßen und Marktplätze besucht haben. Das ist der eine Teil seines Wahlkampfs. Der andere Teil ist der Skiunfall, den er durch einen Fahrfehler verursacht hat und bei dem eine Frau, Mutter eines einjährigen Sohnes, ums Leben gekommen ist. Dieser Unfall, er lässt Dieter Althaus nicht los, und Dieter Althaus lässt den Unfall nicht los.
Wenn Althaus wahlkämpft, dann wird der sonst so spröde Ministerpräsident zum Unterarmtätschler und Im-Takt-Klatscher, dann geht es volkstümlich und gesellig zu. Auf dem Marktplatz in Pößneck sitzt er inmitten der Pößnecker auf einer Bierbank und signiert mit einem schwarzen Edding CDs. Die CDs mit dem Lied Thüringen, das sind wir haben seine Wahlkampfhelfer verteilt. »Wie heißen Sie denn?«, fragt Althaus eine Mittfünfzigerin im Blümchenkleid. »Susanne«, sagt die Frau. Er klappt die CD-Hülle auf und schreibt »Für Susanne. Dieter Althaus« auf die Innenseite des Covers, das ein Bild von ihm und einem blonden Jungen mit Brille zeigt. Der Junge heißt Henry Solf und ist für Dieter Althaus das, was Anita für Roy Black war – Henry und Althaus haben zusammen mit zwei Bands das Thüringenlied aufgenommen. »Ja, so ist Thüringen! So sind wir! Lasst uns alle Chancen nutzen, unser Thüringen, das ist ein tolles Land!« – So schön schlicht können Wahlkampfbotschaften sein. Doch in Pößneck kommen der singende Ministerpräsident und seine CD gut an, an der Bierbank von Althaus stehen sie Schlange für ein Autogramm.
Es ist ein Wahlkampf mit hohem Wohlfühlfaktor, frei von harten politischen Inhalten, an denen sich die Opposition abarbeiten könnte. Wenn Althaus zu den lieben Mühlhausenern, Ilmenauern oder Pößneckern spricht, hält er eine einfache Weiter-so-Rede, in der die Zukunft nicht mehr ist als eine Fortsetzung der Vergangenheit. Es ist eine Rede mit viel Lob für Thüringen und die Thüringer und noch mehr Lob für seine, Althaus’, Regierungsarbeit. Dann folgt der gemütliche Teil, das gesellige Beisammensein bei Bier und Bratwurst.
Diese Entpolitisierung schafft Raum für ein Thema, das Dieter Althaus seit dem 1. Januar wie ein Tag- und Nachtschatten begleitet: der Skiunfall in Österreich und der Tod von Beata Christandl. Althaus überlebte mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma, lag zweieinhalb Monate in einer Rehaklinik. Noch während seines Klinikaufenthalts sprach ihn ein österreichisches Gericht wegen fahrlässiger Tötung schuldig.
Lange hat die Opposition in Thüringen geschwiegen, es hat eine Art Gentlemen’s Agreement gegeben, den Skiunfall nicht zum Thema im Landtagswahlkampf zu machen. Dass er es doch geworden ist, dafür hat Dieter Althaus selbst gesorgt. Obwohl er den Unfall bei seinen Auftritten nicht anspricht, hat er das Thema präsent gehalten. Der Bild am Sonntag erzählte er, wie dankbar er seiner Frau sei, die ihn in der schwierigen Zeit nach dem Unfall Tag und Nacht begleitet habe und in die er sich »noch einmal neu verliebt« habe. In der Zeitschrift Frau im Spiegel ließ er sich mit seiner Gattin Katharina im Partnerlook ablichten, in Karohemden, auf grüner Wiese mit Nordic-Walking-Stöcken in der Hand. Die beiden erzählten, dass der Unfall Althaus sensibler gemacht habe, weil er persönlich erfahren habe, »wie zerbrechlich das Leben ist«.
In den Fußgängerzonen und auf den Marktplätzen bleiben die rührseligen Schilderungen nicht ohne Resonanz. In Pößneck nutzt ein grauhaariger Mann die Gelegenheit, jetzt, wo er dem Ministerpräsidenten schon einmal so nahe sei, um zu sagen, was ihm auf dem Herzen liege: »Wir sind so froh, dass Sie das schlimme Unglück so gut verarbeitet haben und wieder gesund sind.«
Darf Althaus das? Oder sind diese Interviews nicht reichlich geschmacklos, ein abgezocktes Spiel mit den Gefühlen der Wähler – und dem Tod einer Frau? Die Opposition, SPD und Linke, wirft Althaus vor, er missbrauche den Unfall für eine »schamlose Selbstinszenierung« und stilisiere sich zum Opfer. SPD-Spitzenkandidat Christoph Matschie nannte die Interviews »pietätlos«.
Die Kritiker haben also recht behalten, dass dieser Wahlkampf nur um ein Thema kreisen würde, sofern die CDU an Althaus als Spitzenkandidat festhalte. Das Musikantenstadl- Treiben, der Skiunfall, menschliches Schicksal und menschliche Anteilnahme – all das verschwimmt in diesen Tagen in Thüringen zu einer einzigen klebrigen Masse. Politik mutiert zu einer Soap, mit dem Ministerpräsidenten in der Hauptrolle.
Dabei ist diese Althaus-Soap die Fortsetzung der vielen merkwürdigen Inszenierungen um seine Rückkehr, die unmittelbar nach dem Skiunfall begonnen haben: die Pressekonferenzen der Ärzte, die die Öffentlichkeit regelmäßig über den Gesundheitszustand ihres Patienten informierten. Das umstrittene Eilverfahren im Bezirksgericht Irdning, das binnen weniger Stunden anberaumt wurde. Die Landesvertreterversammlung der Thüringer CDU, auf der sie Althaus in Abwesenheit zu ihrem Spitzenkandidaten kürte. Das Interview, das einen Tag nach dieser Wahl in der Bild am Sonntag erschien und in dem er ausführlich Auskunft über sein physisches und psychisches Befinden gab, während er für seine Partei nur ein schriftliches Grußwort übrig hatte.
Nur in einem haben sich die Kritiker getäuscht: dass diese Inszenierungen Althaus und der CDU schaden würden. Das Gegenteil ist eingetreten. In den Umfragen erreicht Althaus deutlich bessere Werte als vor dem Unfall. Worte wie die des grauhaarigen Mannes auf dem Marktplatz in Pößneck bekommt Althaus in einem Wahlkampf, der darauf abzielt, dass er den Menschen nahetritt und die Menschen ihm nahetreten, täglich zu hören. Von dem Ehepaar in der Fußgängerzone, das für ihn »während dieser schlimmen Zeit« gebetet hat, von der Dame mit dem Rauhaardackel, die »in Gedanken« immer bei ihm gewesen ist, oder der Frau, die ihm »nachträglich zur Genesung« rote Nelken schenkt. Althaus bedankt sich dann für die Unterstützung und die guten Worte. Der grauhaarige Mann, das Ehepaar, die Dame mit Hund, die Frau mit Nelken, sie haben alle eines gemeinsam – in ihren Augen ist Althaus ein Opfer. »Jedem von uns kann ein solches Unglück passieren«, sagen sie.
So makaber es ist, die Tragik des Unfalls hat Althaus für die Menschen fassbar werden lassen, hat aus dem drögen Politiker, dem steifen Amtsträger »einen von uns« gemacht. Auch wenn die Vorwürfe der Opposition nachvollziehbar sind, so zeigen sie gleichzeitig ihre Hilflosigkeit.
Missbraucht Dieter Althaus seinen Unfall? Wenn man ihn fragt, warum er solche Interviews gebe, antwortet er: »Weil täglich in der Staatskanzlei solche Interviews angefragt werden und wir von Kommunikation leben.« – »Aber Sie haben nach Ihrer Rückkehr alles zu dem Unfall gesagt. Warum lassen Sie das Geschehene nicht ruhen?« – »Ich suche diese Gespräche nicht, sie werden von der Presse angefragt.« – »Sie müssen nicht jede Frage beantworten, Sie können doch Grenzen setzen?« – »Die setze ich auch, wenn es um meine Familie, um meine Töchter geht.«
Tatsächlich wurde Althaus anfangs vorgeworfen, dass er den Unfall nur mit ein paar lapidaren Sätzen abtat. Nun spricht er eher zu viel davon. Wenn man ihm etwas vorwerfen kann, dann ist es dies: dass er bis heute zwischen Beiläufigkeit und Rührseligkeit keinen Ton gefunden hat, der dem Geschehen angemessen wäre.
Um 18 Uhr ist Schluss auf dem Marktplatz in Pößneck. Zum Abschied wird das Thüringenlied gespielt. Die meisten Pößnecker haben sich schon auf den Heimweg gemacht. Dieter Althaus sitzt auf einer Bierbank. Er singt das Thüringenlied mit. Als der Part von ihm und Henry kommt, fasst er die Reporterin an den Arm: »Jetzt, das bin ich.«
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- Datum 16.08.2009 - 17:08 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 13.08.2009 Nr. 34
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Der arbeitet auch mit versprechen, die er nicht einlösen muss(SOLI), weil er gleich von der Merkel gerupft wird. Kann dann wenigstens sagen ,ich habe es versucht.
"In den Umfragen erreicht Althaus deutlich bessere Werte als vor dem Unfall."
Es war klar, dass der tödliche Unfall und die Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung wahlkampfbeeinflussend ist -- so oder so. Althaus ist aktiv geworden, kehrt die gefühlsbetonte menschlichen Seite heraus und gewinnt Stimmen.
Skrupel? Fehlanzeige, siehe Bild-Interview. Ich beneide ihn und ich seine PR-Strategen sogar ein bischen, Wahlkampf mit etwas anderen Mittel führen zu können. Auf der von Althaus vorgegebenen Ebene haben die übrigen Parteien noch nicht einmal die Möglichkeit offen dagegenzuhalten, ohne als herzlose Buhmänner dazustehen.
Zu dem im Artikel genannten Gentlemen’s Agreement braucht es eben auf beiden Seiten Gentlemen.
Alles Gute
Kai Hamann
vermarktet eben alles.
Nebenbei, Jung, Struck,Merkel und Konsorten sind auch immer ganz schrecklich betroffen, wenn im Afganistankrieg deutsche Soldaten zu Tode kommen.
Eine Entschuldigung dafür, junge Männer für obskure Interessen in den Tod zu schicken gab es meines Wissens bisher nie.
vermarktet eben alles.
Nebenbei, Jung, Struck,Merkel und Konsorten sind auch immer ganz schrecklich betroffen, wenn im Afganistankrieg deutsche Soldaten zu Tode kommen.
Eine Entschuldigung dafür, junge Männer für obskure Interessen in den Tod zu schicken gab es meines Wissens bisher nie.
Was Althaus abzieht wollen die meisten doch sehen. Schöne heile Welt ohne viel Stress!
Für die CDU Wähler reicht das offensichtlich.
Es ist schon äußerst fragwürdig ob jemand, der auf der Suche nach dem sportlichen "Kick" eine Piste entgegengesetzt hochfährt und dabei einen Menschen tötet, in der Lage ist, die Verantwortung für ein Land zu tragen.
wie die ganze sache herunter gespielt wird. habe den ganzen verlauf im spiegel etc. mitverfolgt und finde es ziemlich erschreckend, dass so ein politiker anscheinend keinen skrupel hat, weiterzumachen und das schärfste ist auch noch, dass es die wähler wohl in ordnung finden. wo leben wir eigentlich inzwischen?...
Vielleicht sähe die Sache anders aus, wenn er eine Deutsche totgefahren hätte. Dann hätte die Presse Anteil am Schicksal der Frau genommen, und nicht an Althaus.
Vielleicht hält sich die Opposition zurück weil sie selbst genug Dreck am Stecken habe.
Es wäre aber völlig iO öffentlich zu wiederholen was Althaus getan hat. Wer ihn wählt, billigt sein Verhalten. Was soll man dazu sagen? Muss jeder selbst wissen, wie er leben will.
Vielleicht sähe die Sache anders aus, wenn er eine Deutsche totgefahren hätte. Dann hätte die Presse Anteil am Schicksal der Frau genommen, und nicht an Althaus.
Vielleicht hält sich die Opposition zurück weil sie selbst genug Dreck am Stecken habe.
Es wäre aber völlig iO öffentlich zu wiederholen was Althaus getan hat. Wer ihn wählt, billigt sein Verhalten. Was soll man dazu sagen? Muss jeder selbst wissen, wie er leben will.
Vielleicht sähe die Sache anders aus, wenn er eine Deutsche totgefahren hätte. Dann hätte die Presse Anteil am Schicksal der Frau genommen, und nicht an Althaus.
Vielleicht hält sich die Opposition zurück weil sie selbst genug Dreck am Stecken habe.
Es wäre aber völlig iO öffentlich zu wiederholen was Althaus getan hat. Wer ihn wählt, billigt sein Verhalten. Was soll man dazu sagen? Muss jeder selbst wissen, wie er leben will.
der Heuchler, der für die Tote täglich betet. Leider haben ihm seine Public-Relations-Fritzen nicht den Tipp mitgegeben, zu sagen, "auch für das durch dieses unglückliche Verhängnis zum Halbwaisen gewordene Kind bete ich täglich." (Bringt wieder ein paar Stimmen!)
Der politische Gegner soll gefälligst dieses tragische, unabwendbare Verhängnis, dessen Opfer der Thüringer MP geworden ist, nicht auschlachten. Das wäre doch menschlich sehr unappetitlich. Appetitlich ist es dagegen als Betroffener dieses nicht verhinderbare Schicksalsgeschehen zum Wahlkampfschlager für die eigene Person zu machen. Da kann BILD doch helfen.
Einer der als Pistenrowdy gegen die Richtung fuhr, als Geisterfahrer eine Frau getötet hat, der darf sich guten Gewissens hinstellen und sagen: "Nun bin ich viel sensibler geworden."
Mag schon sein, die Sensibilität für menschlichen Anstand scheint ihm aber durch den von niemanden beabsichtigten, völlig unvermeidlichen Neujahrsvorfall irgendwie abhanden gekommen sein, dem Herrn Althaus, der wegen fahrlässiger Tötung verurteilt wurde, aber im Grunde ein Opfer ist. Das Opfer seiner selbst. Er tut mir irgendwie Leid.
das stimmt:
"Nun spricht er eher zu viel davon. Wenn man ihm etwas vorwerfen kann, dann ist es dies: dass er bis heute zwischen Beiläufigkeit und Rührseligkeit keinen Ton gefunden hat, der dem Geschehen angemessen wäre."
"nebenbei" hat er auch inhaltlich (wie offenbar die gesamte cdu?) nichts konkretes ausser "weiter so" zu bieten? die cdu schafft es nicht mal "erfolge" dem waehler zu verkaufen, sagt reichlich unkonkret was sie vorhat und diese partei erreicht die meisten stimmen? ich muss zugeben das die cdu ein paar fuehrungstaugliche personen hat, aber viele dieser sind voellig lernressitent und festgefahren und beanspruchen jahrelang ihre eigene wichtigkeit in der parteienlandschaft.
scheinbar rennen waehler gern hinter solchen moechtegern-alphatierchen hinter her - das steckt vermutlich im blut?
Althaus hat fahrlässig (das heißt auf deutsch auch: verantwortungslos) eine Frau getötet und ist vorbestraft. Er steht auch nachher nicht zu seiner Verantwortung, wie der auffallend schnelle Vorzugs-Prozess in Österreich und seine Heucheleien nachher zeigen.
Er billigt z.B. weiterhin einen üblen Verleumdungs-Wahlkampf der JU in Thüringen.
Während in NRW Verkehrsminister Wittke wegen Geschwindigkeitsüberschreitung zurücktrat, zeigt sich der vorbestrafte Althaus, der ein Menschenleben auf sein Gewissen geladen hat, charakterlos und völlig unglaubwürdig.
Damit wiederum scheint er offenbar bestens für das Amt eines Ministerpräsidenten in Deutschland qualifiziert, ähnlich wie sein HSH-Nordbank-Desaster- und Wahlbetrugs-Kollege Cartensen in Schleswig-Holstein.
Bei solchen Figuren in den Machtpositionen (die Liste lässt sich erheblich verlängern) sollte eigentlich Unruhe im Lande aufkommen. Sollte ....
Wir sind mittlerweile da, wo die Amis unter Bush und die Italiener unter Berslusconi schon vor uns waren.
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