Was soll man davon halten? Ein Gemälde im Format 100,1 mal 99,9 Zentimeter? Offenbar hat der Künstler nicht viel übrig für die Perfektion des Quadrats und sträubt sich gegen die numerisch runde Länge von einem Meter. Die übergenaue Formatangabe überrascht aber umso mehr, als sie im Kontrast zur Malweise steht. Das Bild mit dem Titel Portrait No. 199, gemalt von dem Berliner Künstler Anton Henning, zeigt einen Freischwinger auf einem Podest; auf der Sitzfläche dreht und windet sich ein undefinierbares Gebilde, ein Konglomerat aus Innereien und Gedärmen, dazwischen ein paar Accessoires, ein Pinsel, eine Zigarette. Doch ist alles so schnell und mit so breitem Pinsel gemalt, dass eine genauere Beschreibung schwerfällt. Immer wieder bleiben Farbbatzen auf der Leinwand stehen. Die einzelnen Töne sind nicht vorab gemischt, sondern direkt aufgetragen.

Allerdings liegt es nicht allein an der lässigen oder sogar nachlässigen Malweise, warum sich hier von Bad Painting sprechen lässt. Die Bezeichnung passt auch wegen des absurden, geradezu dämlichen Sujets, das so gar nichts Erbauliches, Schönes, Feines an sich hat. Alles auf diesem Bild ist etwas verquer, und das schiefe Format ist nur der erste oder letzte Beleg dafür. Doch signalisiert die genaue Maßangabe auch, dass Hennings Gemälde nicht etwa aus Unvermögen oder Gleichgültigkeit »daneben« ist, sondern dass dahinter Absicht steckt.

Die Kunst der Distinktion: Nur wer cool ist, wird solche Bilder mögen

Die gezielte Verletzung von etablierten Mustern und Geschmackserwartungen verband schon vierzehn Maler, die 1978 unter dem Titel »Bad« Painting im New Museum of Contemporary Art in New York ausgestellt wurden. Die Kuratorin der Ausstellung und Urheberin des Begriffs, Marcia Tucker, erkannte in ihren Werken eine demonstrative Abkehr von der avantgardistischen Idee künstlerischen Fortschritts. Dafür legten die – heute überwiegend nicht mehr bekannten – Künstler völlige Freiheit, eine geradezu lustvoll-dreiste Unbekümmertheit im Umgang mit Formsprachen und Sujets an den Tag, sie kombinierten gegenständliche und abstrakte Malerei oder Elemente der Hochkunst mit Versatzstücken der Populärkultur. Sie ordneten sich keinem Maßstab unter, wie es eine Ideologie, ein Stil oder ein Geschmacksideal von ihnen verlangt hätte.

Ausgehend von dieser Ausstellung, begann der Begriff Bad Painting seine Karriere, wurde später auf Künstler wie Martin Kippenberger oder Albert Oehlen, retrospektiv auch auf einzelne Werkphasen von Francis Picabia, Asger Jorn oder René Magritte bezogen. Allerdings fand erst dreißig Jahre später – 2008 – im Museum für Moderne Kunst in Wien die erste Ausstellung statt, die das Phänomen des Bad Painting umfassend darstellte. Und die demonstrierte, wie sehr sich viele Künstler bis heute für das Schlechte Malen begeistern können. Woher diese Faszination? Was mag der Grund sein für die anhaltende Zuneigung zum Nachlässigen und Geschmacklosen?

Anton Henning war an der Wiener Ausstellung nicht beteiligt, und tatsächlich kann man sich fragen, ob seine Werke nicht zu subtil sind, um als Bad Painting durchzugehen. Er ist nicht so plakativ-schwül wie Picabia, nicht so sarkastisch-abgründig wie Kippenberger, nicht so rotzig wie Oehlen. Die Geschmacksverletzungen, die er dem Publikum vorsetzt, sind meist kleine Bosheiten, ja verschmitzte Neckereien, und selbst wenn sie heftiger sind, fallen sie erst auf den zweiten Blick auf. Dann erkennt man, dass eine Arbeit aus Exkrementen hergestellt wurde oder dass einige Bilder nach Nazifotos gemalt sind. Auch sonst enthalten Hennings Arbeiten viele Zitate und Bezüge, am häufigsten zur Geschichte der Kunst, zu Courbet, Magritte, Duchamp oder Warhol. Wenn Henning ein Bad Painter ist, dann ist er also zugleich ein pictor doctus, ein höchst gebildeter, raffinierter Künstler.