Partnerschaft Die Berliner Frau

Sie befindet sich in einem Zustand ständiger Überforderung und hält sich an ihrer Bierflasche fest. Eine Abrechnung

Hier in Berlin, das muss man wissen, gilt der Grundsatz: Nicht gemeckert ist genug gelobt. So. Und jetzt wird gemeckert. Vor einer Woche schrieb Esther Kogelboom an dieser Stelle, dass der Berliner Mann um die 30, zumeist zugezogen aus der westdeutschen Provinz, ein "Schluffi" sei, dem man misstrauen müsse. Das ist so falsch nicht, allerdings auch nicht ganz richtig, denn die Kollegin machte ihre Rechnung ohne den wichtigsten Faktor: die Berliner Frau.

Die ist nämlich noch schlimmer, denn die Berliner Frau erscheint in mehreren Facetten, sie ist schwerer zu fassen als der Berliner Mann, was schon damit anfängt, dass sie eigentlich keine Frau ist, sondern vom Selbstverständnis her ein Mädchen, was schon mal albern ist. Anders als ihr Freund, der Schluffi, tut das Berliner Mädchen was, um sich Miete, Kleidung, Essen leisten zu können: Berliner Mädchen arbeiten im weitesten Sinne in den Bereichen Medien, PR, Design, Kunst – sie meinen, dass diese Tätigkeiten gewisse Kleidungsstücke, Haarschnitte und Manierismen bedingen. Deshalb gibt es auch die Berliner-Mädchen-Uniform, und die sieht in diesem Sommer so aus: lange Haare, gerne mit zerzaustem Pony, ein eher schlabberiges T-Shirt, dazu ein kurzer Rock oder Hotpants über lilafarbenen Leggings.

Anzeige

So angezogen, kann man sich dann benehmen wie die Axt im Wald, zum Beispiel jaulen, grölen und immer auch gerne im Weg rumstehen, denn Berliner Mädchen verwechseln Bürgersteige oft mit der Hofeinfahrt ihres Elternhauses.

Das liegt aber daran, dass Berliner Mädchen in einem Zustand ständiger Überforderung leben – mit der Stadt kommen sie in Wahrheit nicht gut zurecht, deshalb besteht Berlin für sie auch nur aus ein paar Straßen, einer Handvoll Geschäften und zwei, drei Clubs. Weil sie sich irgendwo festhalten müssen, sieht man sie in der Öffentlichkeit gerne mit einer Bierflasche in der Hand – da haben sie dann auch ein gemeinsames Hobby mit ihrem Schluffi-Freund.

Und dann gibt es noch diese Mädchen, die an ihrem Gymnasium in der westdeutschen Provinz total engagiert in der Schülermitverwaltung gewirkt haben, die alles Oberflächliche ablehnen, deren großer Traum es ist, im Abgeordnetenbüro von Hans-Christian Ströbele zu arbeiten. Die sieht man oft haltmachen bei Straßenmusikanten und sich – soweit möglich – im Takt der Musik bewegen, die Augen geschlossen. Unglaubliches Berlin! Menschen aus anderen Kulturen machen einfach so Musik! Mehr Glück können diese Mädchen kaum empfinden. Außer vielleicht in ihrem netten WG-Zimmer in Friedrichshain oder Kreuzberg oder bei einem supi-dupi Sonntag im Mauerpark. Der einzige Wunsch, den sie an so einem Tag noch haben: wenn nur endlich alle, die anders sind als sie, die Stadt bitte verlassen könnten, damit es hier nicht mehr so gemein und hart zugeht.

Diese Mädchen sind der Gegenentwurf zur Hotpants-Frau, aber sie sind nicht besser, sondern genauso unfähig, diese Stadt interessanter zu machen. Die Berliner Mädchen – ist es da noch ein Wunder, dass Jungs, die nach Berlin kommen, Schluffis werden?

In diesem Text ging es übrigens nicht um Frauen, die in Berlin geboren wurden. Die sind anders. Die flippen nicht sofort aus, wenn es irgendwo neue Schuhe, neues Bier oder neue S-Bahn-Fahrpläne gibt. Die ertragen das Leben in dieser Stadt mit Anstand und Würde und Lässigkeit. Da kann man nicht meckern.

 
Leser-Kommentare
  1. ohne den bezug auf den artikel über berliner schluffi-männer wäre der artikel wirklich gelungen.
    so hat er aber leider den beigeschmack nach beleidigtem würstchen. ;-)

  2. Beide Artikel sind ein bisschen richtig, ein bisschen komisch und biedern sich beide bei Eingeborenen an. Ich frag mich nur, warum das in der Zeit steht.

    • th123
    • 13.08.2009 um 8:05 Uhr

    ein fettes Schmunzeln in mein Gesicht.
    Volltreffer!

    • Welken
    • 13.08.2009 um 10:17 Uhr
    4. Sowas!

    Diese Art von Artikel erinnert mich an: "blablablablawirsindschlaublablablablablawirsinddiebestenblablablablablaanderesinddoofblablablablahachwassindwirnichttollblablablablabla....."

  3. *Da kann man gar nicht richtig meckern*
    Soviel Zeit muß sein...;-)...

  4. man hätte auch statt der beiden artikel "berliner mann/frau" einfach schreiben können: "berlin den berlinern!!!!"

    mal ehrlich "zeit", solche artikel sind doch sinnlos, damit kann man maximal die letzte seite eines berliner szene- oder veranstaltungsmagazins füllen....

  5. Ich kann mich den obigen Kommentaren nur anschließen: Diese Artikel mögen in Berliner Lokal-Szene-Blättchen passen, aber bitte, wen außerhalb Berlins interessiert die Befindlichkeiten der Berliner Frau, bzw. des Berliner Manns? Man gewinnt den Eindruck, Berlin wird bevölkert von ein paar prätentiösen Wichtigtuern, die sich so erfolgreich einbilden, großstädtisch zu sein, dass ihnen gar nicht auffällt wie ihre Kleinberliner Nabelschau sie als lächerlich parochial enttarnt. Hat die Zeit eigentlich gar keine Qualitätskontrolle mehr?? Mir war der Eindruck vermittelt worden, es sei Aufgabe von Redakteuren, soetwas zu unterbinden bzw. Schreiberlinge wie den Autor diesen famosen Artikels dahin zu schicken, wo er hingehört, nämlich günstigstenfalls zu einem Blättchen der Berliner Lokalpresse, eventuell (wir wollen großzügig sein) mit überörtlichem, d.h. über den Herkunftsstrassenblock des Schreiberlings herausgehendem, Verbreitungsgebiet.

  6. Von wem wird hier gesprochen: Berliner oder Landeier?

    p.b.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service