Film Mein Job im Irak

Wie sich das Bild des Soldaten in neuen amerikanischen Kriegsfilmen und Fernsehserien verändert

Der moderne amerikanische Kriegsfilm ist eine Art desaströser Entwicklungsroman. Sein Thema ist die Desillusionierung, Traumatisierung und Bestialisierung des Soldaten durch den Krieg. Diesen Krieg, wo auch immer er stattfindet, betritt der Soldat als halbwegs normales menschliches Wesen. Er verlässt ihn als Wrack oder Psychopath oder beides in einem.

Dem Wahnsinn des Vietnamkrieges begegnete das amerikanische Kino mit dem Wahnsinn seiner Figuren: Christopher Walken, der in Michael Ciminos Die durch die Hölle gehen die Willkür des Tötens und Getötetwerdens beim Roulette nachspielt. Martin Sheen, der auf seiner Flussfahrt in Apocalypse Now in die blutschlammtriefende Religion des Krieges abtaucht. Oder auch die kaputten jungen GIs, die in Stanley Kubricks Full Metal Jacket in einer endzeitlichen Ruine einer vietnamesischen Partisanin den Gnadenschuss geben – hier ist der Krieg Irrsinn und Ausnahmezustand, das absolute Gegenteil von Zivilisation.

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Die Kamera zeigt den Krieg nicht mehr als Hölle, sondern als Arbeit

Man muss sich diese Bilder noch einmal vor Augen führen, denn angesichts jüngster amerikanischer Filme über den Irakkrieg wirken sie wie das Aufblitzen eines fast vergessenen Albtraums. Statt den Kampf mit den Mitteln des Kinos als Inferno aus Kugeln, Blut und Dreck zu zeigen oder als abstoßende Vision zu überhöhen, nimmt die Kamera in diesen Filmen von Anfang an eine dokumentarische, man könnte auch sagen: »eingebettete« Perspektive ein. Statt zu kommentieren oder kritisieren, beobachtet sie aus der Nähe. Sie zeigt den Krieg nicht mehr als Hölle, sondern als Arbeit mit alltäglichen Handgriffen und Routinen. Und so bringt der Krieg im Irak nicht nur einen neuen Typus des Kriegsfilms, sondern auch von Kino-Soldaten hervor: Männer, die ihrem Job mit der Nüchternheit von Postboten oder Automechanikern, nur eben in kugelsicheren Westen nachgehen. Handwerker, für die der Weg zur Arbeit halt durch ein Minenfeld führt.

In ihrem Spielfilm The Hurt Locker – Tödliches Kommando folgt Kathryn Bigelow einer Spezialeinheit, die in Bagdad Bomben entschärft: Körperbomben, Straßenbomben, mit Sprengstoff vollgestopfte Autos. Bigelow zeigt die schwere Materialität des Krieges als einen Wettstreit von Ausrüstung gegen Ausrüstung, Zangen gegen Zünder, Handschuhen gegen Drähte, Hightech gegen Selbstgebasteltes. Dabei verwandeln sich die Soldaten selbst in Material, das nach einer tödlichen Explosion wie ein Ersatzteil ersetzt wird. Diesen Männern, die bei vierzig Grad im Schatten in dicken Schutzanzügen ihren Job erledigen, geht es nicht um Demokratie oder Freiheit, nicht um ihr Land und nicht um Öl. In den Krieg ziehen sie wegen der Herausforderung und auch wegen des Thrills. In The Hurt Locker ist der Irak letztlich ein von Testosteron umdunstetes Spielfeld für den Selbstbeweis.

Auch Brian de Palma drehte vor drei Jahren einen Spielfilm über Kriegshandwerker im Adrenalinrausch. In Redacted bewachen die Soldaten einen Checkpoint vor Samara. Sie kontrollieren Menschen, deren Sprache sie nicht verstehen, deren Sitten sie nicht kennen und die sie nur als mögliche Sprengstoffträger wahrnehmen. Von diesem Alltag zwischen Routine und Paranoia erzählt Redacted in Form eines pseudodokumentarischen GI-Videotagebuchs. Seinen Versuch, eine fast dokumentarische Soldatenperspektive einzunehmen, überhöht De Palma mit Barockmusik und Auszügen aus Puccinis Tosca. Mit diesem Gemisch steuert der Film auf eines der schlimmsten Kriegsverbrechen zu, die im Irak begangen wurden.

The Hurt Locker und Redacted sind zwei Versuche, einen medial zensierten Krieg, von dem es kaum Bilder gibt, ins Bewusstsein zu rücken. Beide versuchen, den Soldaten eine Art Alltagswirklichkeit auf der Leinwand zu verleihen. Beiden gelingt es auch durch den Mut zur Monotonie, die fast physisch erfahrbare Textur eines Krieges zu erschaffen, und beide verspielen dennoch die Chance, eine wirklich andere Art des Kriegsfilms zu sein: De Palma, weil er seine Soldaten dann doch als grinsende, abgestumpfte Rednecks und Rassisten dämonisiert. Bigelow, weil sie ihre Hauptfigur am Ende als guten Amerikaner glorifiziert, der auch im großen Irakschlamassel einen eigenen kleinen Gerechtigkeitsfeldzug führt.

Wahrscheinlich ist der unübersichtliche, unbildliche Krieg im Irak einfach zu diffus für die große Identifikationsmaschine Kino, mit ihrem ewigen Bedürfnis nach Helden, Schurken und Antihelden. Jedenfalls sind es ausgerechnet zwei Fernsehproduktionen, die die Erzählraster und Klischees des Kriegsfilms hinter sich lassen: Nick Broomfields Battle for Haditha , ein auf DVD erhältlicher Film des britischen Senders Channel Four, wirft einen ruhigen Blick auf Soldaten, die schon in den ersten Einstellungen eine nüchterne Arbeitsplatz- und Berufsbeschreibung geben: Sie sehen sich als Jäger, für die der Irak eine Art höheres Waidmannsterrain ist. Oder auch als einfache Soldaten, die nun mal in die Scheiße versetzt wurden. Die Erzählung springt zwischen einer Einheit von Marines und einer Großfamilie in Bagdad hin und her. Nach der Explosion einer Bombe am Straßenrand erschießen die Soldaten 24 Familienmitglieder, mehrheitlich Frauen und Kinder.

In den Dialogen geht es um schöne Kopfschüsse und Sex

Battle for Haditha ist der einzige Irakkriegsfilm, der sich ernsthaft um zwei Perspektiven bemüht und beiden ihre Wertigkeit gibt: Hier ein irakischer Familienclan, terrorisiert von den Amerikanern und den islamistischen Bombenlegern. Dort die Soldaten, die sich mit martialischen Sprüchen für den nächsten Einsatz aufpeitschen – im Nacken die Meldungen über die letzten Gefallenen, vor sich ein fremdes Land, das man durch Kameras und Zielfernrohre wahrnimmt.

In den letzten Jahren waren die US-Fernsehserien dem Kino an Innovationskraft und gesellschaftlicher Relevanz um Längen voraus, und so war fast zu erwarten, dass der mit Abstand beste Film zum Irakkrieg eine TV-Serie des Senders HBO sein würde. Diese Miniserie namens Generation Kill, geschrieben von David Simon, dem Autor der Kultserie The Wire , folgt einer Elite-Einheit der Marines in ihren Humvees durch die ersten Wochen der Irakinvasion. Hier ist der Krieg ein einziges strategisches Desaster, ein Kampf gegen ungenügende Ausrüstung, eingerostete Waffen und unfähige Befehlshaber. Die erste Granate, die die Soldaten erwischt, kommt von der eigenen Artillerie. In dem ersten Dorf, das in die Luft gesprengt wird, lebten, wie sich herausstellt, nur unbewaffnete Frauen und Kinder. Die Marines unterhalten sich über schöne Kopfschüsse und darüber, wie man die Vibrationen vorbeifahrender Panzer zum Onanieren nutzen kann. Ansonsten besteht die Serie im Wesentlichen aus endlosen Nachtfahrten und Slang-Dialogen über Sex, Schwanzgrößen und den richtigen Moment zum Scheißen. Akribisch bis ins Detail bildet Generation Kill auch die dumpfe Langeweile und Monotonie des Krieges ab und hat den Mut, den Soldaten bis auf die durchlöcherten Socken nahezukommen, ohne sie für ihre Taten zu entschuldigen.

Damit ähnelt die Serie (die wie auch The Hurt Locker auf Berichten eines eingebetteten Journalisten beruht) den Filmen von Bigelow, de Palma und Broomfield. In all diesen Filmen sind die Soldaten geostrategische Todesarbeiter ohne Überbau und Ideale. Alle Filme sind Beschreibungen aus dem Inneren einer Armee. Alle zeigen den Krieg nicht mehr als das Gegenteil von Zivilisation, sondern als deren Fortführung mit anderen Mitteln. »Wollt ihr wissen, warum wir im Irak sind?«, fragt einer der Marines in Generation Kill. »Damit auch hier lauter Starbucks-Cafés gebaut werden, mit Norah-Jones-Scheißmusik, einer Clique Highschool-Girls, die von Iced Latte superfett werden, einem Obdachlosen, der versucht, den Kloschlüssel zu klauen, und einer Schwuchtel, die ihren Roman auf einem Laptop schreibt.« Und in The Hurt Locker wird der Soldat auf Heimaturlaub überfordert vor endlosen Supermarktregalen mit Frühstückspackungen stehen, dann teilnahmslos zu seinem Häuschen mit Frau und Kind gehen – und am Ende erleichtert in die Adrenalinwirklichkeit des Krieges zurückkehren.

Vielleicht sind die Filme über den Irakkrieg letztlich gar keine Kriegsfilme, sondern Filme über die amerikanischen Gesellschaft. Über ein Land, das sich mit einer Mischung aus Entfremdung und Entgeisterung im Spiegel dieses Krieges selbst erblickt.

 
Leser-Kommentare
    • T.M.
    • 14.08.2009 um 11:50 Uhr

    Film und Militär gehörten in Hollywood seit jeher zusammen. Spätestens seit in den 60er Jahren der Sieg Amerikas (!) über das faschistische Europa filmisch in Szene gesetzt wurde, Filme, die ja noch heute jedes Jahr Anfang Juni laufen.

    Und es ist bemerkenswert, dass es auch heute kaum ein amerikanischer Schauspieler von internationalem Rang (selbst Frauen) ablehnt, eine amerikanische Offiziersuniform anzuziehen, um amerikanische Geschichte mitzuschreiben, denn ...

    ... was wir heute über die amerikanischen Kriege wissen, das wissen wir aus den unzähligen und durch Wiederholungen quantitativ multiplizierten Filmen, auch hier in Europa, wo vor allem unter starker amerikanischer Beteiligung agierende Sender wie Pro7 und Kabel 1 nicht müde werden, Film auf Film, Serie auf Serie zu senden und uns das Bild einer inzwischen rundum völlig hysterischen Gewaltgesellschaft unterhaltsam vor Augen zu halten. Man soll sich dran gewöhnen. Und man soll wissen, wer die Guten sind.

    Clint Eastwood und Robert de Niro hatten nie eine Uniform an, oder?

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