ZEITmagazin:  Frau Gainsbourg, in der ersten Szene des neuen Lars-von-Trier-Films Antichrist stürzt ein Baby aus dem Fenster, während seine Eltern – Sie und Ihr Filmpartner Willem Dafoe – Sex haben. Sie haben selbst zwei Kinder, für eine Mutter ist diese Vorstellung kaum zu ertragen.

Charlotte Gainsbourg: Ich wollte das nicht mit meinen Kindern in Verbindung bringen. Ich wollte überhaupt nicht, dass der Film irgendwas mit meinem Leben zu tun hat. Wir haben in der Nähe von Köln gedreht, wo ich niemanden kannte, und meine Familie war auch nicht dabei. Ich war dort völlig isoliert. An den Wochenenden fuhr ich zurück nach Paris , um mal Luft zu holen. Im Film gibt es sehr wenige Szenen, in denen meine Figur und das Kind gemeinsam auftauchen. Ich musste mich also selten als Mutter zeigen. Bei diesen wenigen Szenen fragte ich Lars von Trier: Wie soll ich mit dem Kind umgehen? Sollen wir Kontakt zueinander haben? Es stand nichts darüber im Drehbuch. Er sagte: "Nein, du schaust weg, siehst es nicht." Das ist keine normale Mutter-Kind-Beziehung. Für mich ist die Figur keine echte Mutter.

ZEITmagazin: Der Film ist eine Tour de Force für Zuschauer und Schauspieler: Es geht nicht nur um Trauer um das verlorene Kind, sondern auch um mittelalterliche Hexenprozesse. Die Frau, die Sie spielen, verstümmelt ihre Schamlippen, hat brutalen Sex mit ihrem Partner, treibt ihm die Kurbel eines Schleifsteins durchs Bein und wird am Ende von ihm erwürgt. Haben Sie gezögert, als Sie das Drehbuch zum ersten Mal lasen?

Gainsbourg: Nein. Ich habe mich beim Lesen gefürchtet vor den Stellen mit der Hexenverfolgung. Aber die Extreme dieses Buches haben mich sehr angezogen, weil ich so etwas noch nie gemacht habe. Und ich wollte unbedingt mit Lars von Trier arbeiten. Ich wollte diese Rolle wirklich. Also bin ich nach Kopenhagen gefahren, um ihn zu treffen.

ZEITmagazin: Hatte Lars von Trier Ihnen die Rolle da schon angeboten?

Gainsbourg: Nein, eine andere Schauspielerin sollte sie übernehmen, aber die hat sich dann dagegen entschieden. Er brauchte also dringend eine neue Hauptdarstellerin. Als ich ihn in Kopenhagen traf, war ich erstaunt: Lars war in sehr schlechter physischer Verfassung, zitterte, schaute die ganze Zeit nach unten und stellte Fragen wie: Ob ich schon einmal Opfer von Hetzkampagnen geworden und wie nervös ich sei. Ich bin ein sehr nervöser Mensch, aber als ich ihm gegenübersaß, sagte ich: "Nein, nein, ich habe gar keine Angst." Im Vergleich zu ihm wirkte ich sehr gelassen. Ich bin ziemlich normal. Im Stillen dachte ich: Diese Rolle kriegst du nie!

ZEITmagazin: Weil Sie zu normal sind?

Gainsbourg: Genau. Ich bin viel zu normal. Ein paar Tage später rief er an und sagte: "Sie haben die Rolle." Bis jetzt weiß ich nicht, warum er mich genommen hat. Ich weiß auch nicht, ob er Filme mit mir gesehen hat oder ob er überhaupt etwas über mich oder über meine Eltern wusste. Dadurch war ich beim Drehen absolut anonym. Und ich habe die ganze Zeit versucht, zu zeigen, dass ich es wert bin, dass ich Lars’ Erwartungen erfülle. Ich wollte beweisen, dass ich es kann.

ZEITmagazin: Das Sich-beweisen-Müssen scheint sich durch Ihr Leben zu ziehen. Sie haben oft gesagt, dass Sie sich stets bemühten, den Ansprüchen Ihrer Eltern, der britischen Schauspielerin Jane Birkin und des französischen Sängers Serge Gainsbourg , gerecht zu werden.

Gainsbourg: Wenn man bekannte Eltern hat, die denselben Beruf haben, ist es zwar einfach, Casting-Chefs zu treffen, aber danach muss man beweisen, dass man wirklich spielen kann, und zwar nicht nur in einem Film, sondern in mehreren. Man muss zeigen, dass es nicht nur Glück ist. Außerdem habe ich schon mit 13 angefangen zu spielen und habe deshalb nie Schauspiel studiert. Ich habe oft gedacht, dass ich es nicht verdient habe, Schauspielerin zu sein, weil ich nicht hart genug dafür arbeiten musste und nicht genügend gelitten habe. Meine Eltern waren wohlhabend, und ich musste nie einen Film machen, um meine Miete zahlen zu können. Deshalb wollte ich immer demonstrieren, dass ich es wert bin, Schauspielerin zu sein. Ich habe eine sehr seltsame Beziehung zu meiner Arbeit.

ZEITmagazin: Sie haben bereits mit 15 zum ersten Mal den César, den französischen Oscar, als beste Nebendarstellerin bekommen. Glauben Sie inzwischen, dass Sie den Erfolg verdient haben?

Gainsbourg: Ich neige dazu, sehr unsicher zu sein. Nach all den Jahren sollte es mir möglich sein, zu sagen: Ich bin eine Schauspielerin, das ist mein Beruf. Aber noch immer denke ich, morgen schon könnte alles zu Ende sein. Es gab auch Zeiten, als ich kaum Angebote bekam und sehr an mir zweifelte. Ich sehe mich selbst immer noch nicht als wirkliche professionelle Schauspielerin. Ich arbeite sehr instinktiv. Ich habe keine Arbeitsmethode. Vielleicht ist das auch gut so. Eine Methode ist wie eine Versicherung. Ich werde besetzt, weil andere denken, ich kann diese oder jene Rolle spielen, aber ich selbst weiß es nicht von mir. Mir kommt es immer so vor, als würde ich nur vorgeben, eine Schauspielerin zu sein.