Mafia Die Deutschen lassen sie laufen

Der Mafia-Experte Roberto Saviano über die Geldanlagen der Clans

DIE ZEIT: Wie präsent sind italienische Mafia-Organisationen in Deutschland?

Roberto Saviano: Es wäre übertrieben, zu behaupten, die Mafia hätte Deutschland flächendeckend infiltriert – im Unterschied zu Italien ist Deutschland eine reife Demokratie mit starken Institutionen. Aber einzelne Banden sind schon lange in Deutschland aktiv, etwa auf dem Drogenmarkt und im Bereich der Schutzgelderpressung. Mit dem Fall der Mauer vor 20 Jahren boten sich dann für die Bosse neue, ungeahnte Investitionsmöglichkeiten in Ostdeutschland.

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ZEIT: Italienische Ermittler haben seither vor allem die kalabrische ’Ndrangheta im Visier.

Saviano: Tatsächlich kaufte die ’Ndrangheta ab Mitte der neunziger Jahre in Ostdeutschland alles, was ihr unter die Finger kam: Wohnhäuser, Ländereien. Die sizilianische Cosa Nostra war noch früher da. In der Woche nach dem Mauerfall hörte die italienische Polizei ein Telefongespräch zwischen einem Boss in Catania und seinem Gewährsmann in Berlin ab. »Kaufe!«, sagte der Boss. »Was denn?«, fragte der Gewährsmann. »Hier gibt es doch nichts. Keine Restaurants, keine Läden. Eine Wüste.« Der Boss antwortete: »Kaufe, und basta! Den Rest machen wir.«

ZEIT: Gab es in der Zeit dieser Goldgräberstimmung keine Kontrollen?

Saviano: Leider kaum. Die deutschen Behörden haben damals alles laufen lassen. Aus Bequemlichkeit, vielleicht auch aus Angst. Generell gilt, dass die deutsche Polizei sehr gut mit den italienischen Kollegen zusammenarbeitet, wenn sie nur dazu aufgefordert wird. Aus eigenem Antrieb führt sie immer noch sehr wenige Ermittlungen. Im Moment wird der Terrorismus als größte Gefahr empfunden. Davon profitiert die Mafia.

ZEIT: ’Ndrangheta-Clans scheinen in Deutschland Hunderte von Pizzerien zu besitzen. Eine gruselige Vorstellung für deutsche Kunden.

Saviano: Ach, wenn es nur Pizzerien wären! Sie dienen der Mafia allenfalls dazu, Präsenz zu zeigen und bestimmte Märkte zu kontrollieren. Etwa den Markt für Importlebensmittel aus Italien, auch den Markt für italienische Saisonarbeiter. In den Pizzerien können alle unterkommen.

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