Natur Grüner wird's nichtSeite 3/3
Seit auch die aktuellen Modefarben zügig ihren Weg in die Beete finden, könnten wir Gärtner ja ohnehin ständig neu pflanzen. "Designorientierte Puristen", so informieren uns einschlägige Publikationen, gestalten ihre Gärten zurzeit bevorzugt in Grün-Weiß. Dieser Trend beruhigt ungemein, wäre doch Grün auch im Fall eines modischen Verdammungsurteils nur schwer aus der Pflanzenwelt zu verbannen. Weiß bleibt, so paradox das klingt, ein Evergreen.
Das Spiel mit der hellsten und reinsten Farbe, mit dem Kühlen, Erfrischenden, überirdisch Unheimlichen ist jedoch eine gefährliche Sache. Eine willkürlich zusammengesetzte Gruppe weißer Pflanzen verströmt statt betörender Mondschein-Magie höchstens den sterilen Charme eines Arztkittels. Obwohl eine makellos weiße Rose, eine schimmernde Königslilie an Eleganz kaum zu überbieten sind, können gerade sie einige der jammervollsten Anblicke bieten, die ein Gärtnerauge zu foltern vermögen. Ich kenne kein deprimierenderes Symbol für einen verregneten Sommer als unter Schimmel dahinsterbende Rosenknospen oder schmierig braun gefleckte, zerfressene Königslilien. Was gleich doppelt schmerzlich ist, denn wirkt der Garten traurig, ist es auch der Mensch.
Aber: Erzwingen lässt sich nichts. Und spätestens mit dieser Erkenntnis weicht der Aktionismus der Anfangstage einer gewissen Gelassenheit. Die Pflanzen wachsen sich buchstäblich zurecht, die Tiere, ohne die kein Garten je lebendig wäre, lassen sich nur einladen, aber niemals nötigen. Das kurze, intensive Kulissenrücken im Frühjahr und Herbst bekommt bald ebenso viel vom Reiz einer großen Inszenierung wie das gespannte Warten auf die Darsteller. Nur dass ich eben nie weiß, wer in der nächsten Saison die Hauptrolle übernehmen wird: eine wundervoll singende Mönchsgrasmücke – oder doch irgendeine lichtscheue Gärtner-Nemesis, die im Schutz einer einzigen Nacht alle Setzlinge zu einer amorphen Masse abfräst?
Aber selbst auf diese schräge Weise bietet der Garten noch sein großes Geschenk: einen Weg aus der Zeit. Wenn ich mich über die Schnecken ärgere, vergesse ich immerhin die Steuererklärung, und unerwartet tiefe Einblicke in das Wesen aller Dinge gibt es oft sowieso auf seltsamen Wegen: Nichts auf diesem Planeten vermag einem frustrierten Erdling die Eitelkeit und Sinnlosigkeit allen menschlichen Strebens so eindrucksvoll vor Augen zu führen wie der Giersch, der auch nach Jahren rückenverschleißender Buddelei unverdrossen aus den Büschen kriecht. Von meinem mickrigen alten Apfelbaum, der eher an Fachbuch-Illustrationen über Baumkrankheiten als an ein anständiges Ertragsgehölz erinnert, werde ich mich niemals trennen – einfach weil ich ihn gern habe, so wie er ist. Und weil ich ihm eine befreiende Erkenntnis verdanke: dass der eigene Garten der Ort sein kann, an dem es vernünftig ist, sich auch die unvernünftigsten Wünsche zu erfüllen. Ein Ort, wo das nächste Wunder immer nur einen Schritt entfernt zu warten scheint.
Dass dieser Ort plötzlich wieder so aktuell ist, hat auch für uns Normalgärtner einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Endlich umweht uns nicht mehr der Mief von Sellerie, Achselschweiß und Spießigkeit, sondern das Flair des White House. Hartnäckige Erdreste rund um die Fingernägel zeugen heute nicht mehr von Kleingarten-Beschränktheit, sondern adeln die weitblickenden Gralshüter des Landlust-Lifestyles.
Einst wurde uns die Frage "Was machst du bloß immer da draußen?" gerne betont angeödet als Smalltalk-Köder hingeworfen; die gereizte Antwort "Nacktschnecken zerschneiden" wurde mit ekelverzerrter Grimasse beantwortet. Heute könnten wir bei solchen Gelegenheiten natürlich Eindruck schinden, etwa mit der kühlen Bemerkung, Belle de Crécy (wahlweise Cardinal de Richelieu oder Queen of Denmark) habe aus der unerwünscht innigen Umarmung von Convolvulus arvensis befreit werden müssen. Übersetzt hieße das zwar bloß: "Die verdammten Ackerwinden waren schon wieder in die Rosen geklettert!", doch wir Gärtner wissen ja um die Kraft der Inszenierung. Und sei es die unserer selbst.
- Datum 13.08.2009 - 12:12 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 13.08.2009 Nr. 34
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"Seit ein Garten nicht mehr unbedingt die Ernährung sicherstellen muss, ...". Dem möchte ich anmerken, dass Nutzgärten vorallem im Stadtraum gerade in Zeiten von HartzIV, eine Wertschöpfung und eine Steigerung der Lebensqualität bedeuten. Unsere Eltern und Großeltern haben es auf Ruinengrundstücken vorgemacht. Nicht nur für die Kubaner gehört es zum täglichen Leben. Für einen Nutzgarten im Stadtbereich sollte man vorher den Mutterboden auf Schadstoffe (Schwermetallbelastung, ...) hin untersuchen lassen.
Auf der anderen Seite habe ich in der Zeit noch nichts von "guerrilla gardening" gelesen.
www.guerrillagardening.org
Weiterhin frohes Schaffen
Michel Katzentisch
Dann sagen Sie das mal nicht zu laut, sonst kommen die ARGEn auch dahinter und wollen den Nutzgarten vom Bedarf abziehen!
Dann sagen Sie das mal nicht zu laut, sonst kommen die ARGEn auch dahinter und wollen den Nutzgarten vom Bedarf abziehen!
Die beschriebenen Umstände sind leider zu komplex, um sie in einem Artikel, geschweige denn in einem Kommentar erfassen zu können.
Was sich aber durchaus sagen lässt, ist dass das Gärtnern in einem Zusammenhang mit dem Erfolg der Einrichtungs- und Kochmagazine, sowie deren Pendants im TV zu sehen sind. Natürlich gehören auch Entwicklungen wie der Wander- und Handwerksboom, aber auch die "Mass Customization" in diese Kategorie.
Sie alle beschreiben die Zerrissenheit und die Ohnmacht des Individuums in einem zunehmend überfordernden Konflikt zwischen Universalisierung und Partikularität. Die Kontingenz des Lebens bedeutet nicht nur den Verlust traditioneller Gewohnheiten und Gewissheiten, sondern erzeugt auch ein Spannungsfeld zwischen Selbsterkenntnis und der Gefahr einer Selbstauflösung.
Die Gesellschaft befindet sich in einem Zustand, in der sie die vormals als gesichert geltenden Traditionen, die Gewissheiten und Selbstverständlichkeiten eingebüßt hat.
Die reflexive Auseinandersetzung mit der eigenen kulturellen Situation führt zu Verunsicherung und Identitätsverlust sowie zu einem instabilen Selbstverständnis. Existenzielle Fragen bleiben dabei unbeantwortet.
Rückzüge in meist private und von übergeordneten Mechanismen entkoppelten, - versteh- und kontrollierbaren Situationen sind daher eine existentielle Notwendigkeit in der Welt der sog. postindustriellen Informationsgesellschaft.
Kochen, Basteln und Gärtnern sind somit kein Indikator für eine heile Welt. Das Gegenteil ist der Fall.
WOW..was für ein Kommentar!! Fünf Sternchen, Dr. Sorglos
Endlich einer, der uns LIEBE erklärt!
ich denke, es hat schon einen ziemlich guten grund, dass dieser garten-artikel unter der rubrik 'lebensart' erscheint, während der 'ernste' artikel rund um die angeblich so dringende notwendigkeit der genveränderten pflanzen aber letztendlich woanders 'rauskommt. der eigenanbau als nettes, ein bisschen peinliches hobby, das jetzt zum trend wird?
herr dr. sorglos, an ihrem kommentar ist was wahres dran. aber dann greift er in seinem pessimismus auch wieder zu kurz. denn in den usa passieren im bereich gartenbau und urbane landwirtschaft gerade dinge, die man hierzulande noch nicht wirklich erfasst hat. und die gehen mitnichten nur in die richtung eines bucklichten, degenerierten biedermeier, sondern sind, projekt für projekt, in die zukunft orientiert.
deshalb greift auch die verfasserin des artikels zu kurz, die das zwiebelstecken und jauchepampen lediglich als wert an sich versteht. und dann auch noch irgendwelche yuppietanten aus berlin-mitte verlinkt, die, hach ja, den buchsbaum sooo spießig finden.
und beide gruppen, die kritiker wie die enthusiasten, verstehen wiederum nicht, dass dem eigenbau von obst und gemüse etwas ureigen emanzipatorisches innewohnt. hier geht's um nicht mehr und nicht weniger als die revolutionierung und demokratisierung unserer lebensmittelproduktion.
und wenn diese demokratisierung nicht im kleinen stattfindet - wo dann?
WOW..was für ein Kommentar!! Fünf Sternchen, Dr. Sorglos
Endlich einer, der uns LIEBE erklärt!
ich denke, es hat schon einen ziemlich guten grund, dass dieser garten-artikel unter der rubrik 'lebensart' erscheint, während der 'ernste' artikel rund um die angeblich so dringende notwendigkeit der genveränderten pflanzen aber letztendlich woanders 'rauskommt. der eigenanbau als nettes, ein bisschen peinliches hobby, das jetzt zum trend wird?
herr dr. sorglos, an ihrem kommentar ist was wahres dran. aber dann greift er in seinem pessimismus auch wieder zu kurz. denn in den usa passieren im bereich gartenbau und urbane landwirtschaft gerade dinge, die man hierzulande noch nicht wirklich erfasst hat. und die gehen mitnichten nur in die richtung eines bucklichten, degenerierten biedermeier, sondern sind, projekt für projekt, in die zukunft orientiert.
deshalb greift auch die verfasserin des artikels zu kurz, die das zwiebelstecken und jauchepampen lediglich als wert an sich versteht. und dann auch noch irgendwelche yuppietanten aus berlin-mitte verlinkt, die, hach ja, den buchsbaum sooo spießig finden.
und beide gruppen, die kritiker wie die enthusiasten, verstehen wiederum nicht, dass dem eigenbau von obst und gemüse etwas ureigen emanzipatorisches innewohnt. hier geht's um nicht mehr und nicht weniger als die revolutionierung und demokratisierung unserer lebensmittelproduktion.
und wenn diese demokratisierung nicht im kleinen stattfindet - wo dann?
Ich kann die Leute verstehn. Wir wurden hier auch für verrückt erklärt, mit 17 ha Wald und Garten. Sobald der direkte "Erlös" der ganzen Arbeit in Form einer hohen Gutschrift vom Energieversorger bzw. der Holzerlös ins Haus flattert, verstummen die Lästermäuler. Unser Holzofen hat sich jetzt schon bezahlt gemacht.
Von Obst und Gemüse aus dem Garten mal ganz zu schweigen. Was ist schon ein Exemplar einer Uralten Apfelsorte gegen einen Supermarkt-Granny Smith...
Dass man damit wirklich unabhängig wird, glaube ich eher nicht, selbst wenn man es schafft, einen eigenen Brunnen, eigene Kläranlage, eigene Energieversorgung hinzubekommen. Der gemeine Westler hat einen entsprechenden Lebensstandard, der durch Subsistenzwirtschaft nicht aufrecht zu erhalten ist. Das fängt bei einer Banane und ner Tafel Schoggi an. Es reicht aber, um sich gegen gewisse Bürokraten in Gemeinde, Kreis und Land eine "Leck-mich-am-Arsch" Einstellung leisten zu können.
Aber: Es ist trotzdem Arbeit. Bin gespannt, ob die Damen der High Society in drei Jahren immer noch gärtnern und von Selbstversorgung träumen. Dass trau ich nur der Queen zu.
“Es gibt keinen einzigen Grashalm, der nicht von einer Kraft angetrieben wird, welche ihm befiehlt: Wachse!” (Midrash Raba)
So überraschend es sein mag, unsere gemächliche Gartenarbeit der Vergangenheit spiegelt unsere eigenen spirituellen Wurzeln wider und wir können uns mit diesen durch einfache Betrachtung verbinden, indem wir die Weisheit der Kabbala nutzen.
Und Gott sprach: „Die Erde lasse Gras hervorsprießen, das Samen hervorbringt, Fruchtbäume, die auf der Erde Früchte tragen nach ihrer Art.”
—Genesis 1,11
Das Symbol, das am meisten mit der Weisheit der Kabbala in Verbindung gebracht wird, ist der Baum des Lebens. Kabbala und all die althergebrachten Schriften sind voll von Beispielen aus dem Pflanzenreich. Historische hebräische Schriften verwendeten die spirituellen Wurzeln der Vegetation, um den menschlichen, spirituellen Wachstumsprozess zu beschreiben. Sie benutzten sie als Lernwerkzeug und wir können Nutzen daraus ziehen, indem wir sie dazu verwenden, um unserer Seele „auf den Grund” zu gehen.
Die nachfolgenden Worte beruhen auf einem Brief, den der Kabbalist Rabbi Baruch Ashlag, der erstgeborene Sohn und Nachfolger von Rabbi Yehuda Ashlag, auch als Baal HaSulam bekannt, schrieb. In seinem Brief erklärt Rabbi Ashlag seinen Studenten, dass die Arbeit auf dem Felde spirituelle Prozesse darstellt und wie wir diese erfahren können.weiter unter.....
http://www.kabbalahblog.d...
Celine Polo
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Endlich einer, der uns LIEBE erklärt!
ich denke, es hat schon einen ziemlich guten grund, dass dieser garten-artikel unter der rubrik 'lebensart' erscheint, während der 'ernste' artikel rund um die angeblich so dringende notwendigkeit der genveränderten pflanzen aber letztendlich woanders 'rauskommt. der eigenanbau als nettes, ein bisschen peinliches hobby, das jetzt zum trend wird?
herr dr. sorglos, an ihrem kommentar ist was wahres dran. aber dann greift er in seinem pessimismus auch wieder zu kurz. denn in den usa passieren im bereich gartenbau und urbane landwirtschaft gerade dinge, die man hierzulande noch nicht wirklich erfasst hat. und die gehen mitnichten nur in die richtung eines bucklichten, degenerierten biedermeier, sondern sind, projekt für projekt, in die zukunft orientiert.
deshalb greift auch die verfasserin des artikels zu kurz, die das zwiebelstecken und jauchepampen lediglich als wert an sich versteht. und dann auch noch irgendwelche yuppietanten aus berlin-mitte verlinkt, die, hach ja, den buchsbaum sooo spießig finden.
und beide gruppen, die kritiker wie die enthusiasten, verstehen wiederum nicht, dass dem eigenbau von obst und gemüse etwas ureigen emanzipatorisches innewohnt. hier geht's um nicht mehr und nicht weniger als die revolutionierung und demokratisierung unserer lebensmittelproduktion.
und wenn diese demokratisierung nicht im kleinen stattfindet - wo dann?
Che Buendchen, Che Rigos, Che Mrs. Obama,
Che Elizabeth Alexandra Mary Windsor II!
Che Buendchen, Che Rigos, Che Mrs. Obama,
Che Elizabeth Alexandra Mary Windsor II!
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